Boostedt : Achim S. - wilde Jahre im Ku-Klux-Klan

Der Gründer und Anführer des deutschen Ku-Klux-Klans ist in Schleswig-Holstein aufgetaucht. Achim S. lebt in Boostedt - und will der rechtsextremen Szene abgeschworen haben.

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22. Oktober 2012, 09:11 Uhr

Boostedt | Er war Gründer und Anführer des deutschen Ku-Klux-Klans, vermutlich V-Mann des Verfassungsschutzes - und bei dem NSU-Mord an Polizistin Michèle Kiesewetter gibt es eine seltsame Verbindung zu dem rassistischen Geheimbund. Jetzt ist Achim S. (37) in Schleswig-Holstein aufgetaucht, er lebt in Boostedt (Kreis Segeberg). Momentan sucht ihn nur der Gerichtsvollzieher, doch in seiner Heimat Baden-Württemberg hat Achim S. in dieser Woche die Ku-Klux-Klan-Affäre ausgelöst. Der Verfassungsschutz soll ihm Dienstgeheimnisse verraten haben.
Der einstige Metzgerlehrling hatte eine enge Verbindung zur rechten Szene. Achim S. war Solist bei den Neonazi-Bands "Wolfsrudel" und "Celtic Moon". Verfassungsschützer stuften ihn in der Broschüre "Rechtsextremistische Skinhead-Musik in Deutschland" ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") als einen der acht wichtigsten rechtsextremen Liedermacher ein. Gleichwohl suchte man offenbar die Zusammenarbeit - auch nachdem Achim S. im Oktober 2000 in Schwäbisch Hall die "European White Knights of the Ku-Klux-Klan" gründete. Er war bei einem Treffen des Ku-Klux-Klans im US-Bundesstaat Mississippi zum Anführer ("Grand Dragon") eines eigenen Ablegers ernannt worden, gab sich den Namen "Reverend Ryan Davis" und warb 20 Mitglieder an, darunter auch zwei Beamte der Polizei. Ihr Ziel: "Der Erhalt der Zukunft des weißen Europäers." Gemeinsam feiert die Kapuzentruppe fremdenfeindliche Rituale in der Ruine der Geyersburg bei Schwäbisch Hall.
Auch zwei Polizisten zählten zu den Mitgliedern
Hochbrisant ist, was in dieser Woche ans Licht gekommen ist: Ein Mitarbeiter des baden-württembergischen Verfassungsschutzes soll Achim S. in seiner Ku-Klux-Klan-Zeit darüber informiert haben, dass sein Telefon überwacht wird. Offenbar, weil S. als V-Mann tätig war.
Bei dieser Aktion wurde ermittelt, dass auch zwei Polizisten (heute 32 und 42) zu den Mitgliedern zählten. Die beschuldigten Beamten distanzierten sich 2002 von dem Geheimbund. Gegen den älteren wurde das Verfahren 2004 eingestellt, der jüngere erhielt eine Rüge. Beide blieben im Dienst - die Polizei verschwieg diese Affäre. Öffentlich wurde sie bei den NSU-Ermittlungen. Beide Polizisten waren Kollegen von Michèle Kiesewetter, als diese 2007 in Heilbronn ermordet wurde. Einer der beiden Männer war sogar ihr Gruppenführer und nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt, als die Schüsse fielen.
Angetan von der Klan-Symbolik
Das nährte Spekulationen. Ob das Zwickauer Terrortrio Achim S. jemals persönlich kennengelernt hat, ist offen. Angetan von der Klan-Symbolik waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe ohne Frage. Es gibt Fotos, die sie in den 90er Jahren bei Kreuzverbrennungen zeigen. Und nach Erkenntnissen von Ermittlern waren etliche Neonazis, darunter Thomas R. aus Sachsen-Anhalt, zu Rittern des Ku-Klux-Klans geschlagen worden. R. gilt als Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Aber für eine Verbindung zwischen dem Mord an Michèle Kiesewetter und der Klan-Mitgliedschaft der Polizisten gebe es keinerlei Hinweise, sagt die Bundesanwaltschaft.
Unbestritten ist, dass der baden-württembergische Verfassungsschutz in die Vorgänge um den Ku-Klux-Klan verstrickt ist. Innenminister Reinhold Gall (SPD) bestätigte, dass ein Mitarbeiter im Landesamt für Verfassungsschutz Achim S. vor einer Abhöraktion des Bundesamtes für Verfassungsschutz gewarnt hat. Für diesen Geheimnisverrat, so Gall, sei der Beamte in eine andere Behörde versetzt worden. Fast unnötig scheint es zu erwähnen, dass die Unterlagen zu der Abhöraktion gegen den Ku-Klux-Klan noch nach Auffliegen des NSU-Terrortrios routinemäßig vernichtet wurden.
Der Klan existiert seit Jahren nicht mehr
Ermittelt wird gegen Achim S. nicht. Marcus Köhler, Sprecher der Bundesanwaltschaft sagt: "Es gibt keine strafrechtlich relevanten Verbindungen zwischen der NSU-Terrorzelle und dem Ku-Klux-Klan."
Der Klan existiert seit Jahren nicht mehr. Was macht Achim S. nun in Schleswig-Holstein? Er ruft zurück, legt aber auf, als er merkt, dass er mit einem Reporter spricht. Mit der rechtsextremen Szene will der Klan-Gründer abgeschlossen haben. Er habe sich weltanschaulich von seinen "wilden Jahren" entfernt, schreibt er in einem Portrait über sich. In Schleswig-Holstein hat er eine Firma zur privaten Arbeitsvermittlung gegründet, die mit der Insolvenz kämpft. Eine Neugründung ist in Arbeit. Und noch immer macht Achim S. Musik. Er singt nun allerdings Balladen über Sternschnuppen und die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens.

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