Ach, du armer Aal!

Nur einer von vielen Feinden des Aals: der Kormoran. Foto: ddp
Nur einer von vielen Feinden des Aals: der Kormoran. Foto: ddp

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30. Oktober 2010, 03:59 Uhr

Hamburg | Alles wäre halb so schlimm, wenn der Aal nicht so gut schmecken würde. Schon die alten Griechen brieten ihn eingewickelt in Mangoldblätter. Die Nationalsozialisten schätzten ihn als germanische Delikatesse, wenngleich sein "zigeunerhaftes Umherschweifen" sie weltanschaulich irritierte. Belgier braten Aal mit fein gehacktem Spinat und Sauerampfer, Deutsche und Holländer mögen ihn geräuchert, Engländer essen ihn in Gelee. Franzosen und Spanier lieben die millimeterdünnen Glasaale.

Ein Fisch mit vielen Feinden

Dabei steht eines fest: Dem Aal selber geht es schlecht. In diesen Tagen, zwischen September und November, treten die geschlechtsreifen Aale ihre Reise in die Sargassosee an, um sich dort zu vermehren. Wie viele Tiere aber überhaupt noch Richtung Atlantik schwimmen und wie viele auch tatsächlich in dem Meeresgebiet östlich von Florida ankommen, ist fraglich. Denn der Aal hat viele Feinde, und wenn man herausfinden will, wer ihm am meisten schadet, hat man ein Problem. Jeder schiebt den schwarzen Peter einem anderen zu. Die Fischer sagen: Der Kormoran frisst zu viel Aal. Die Naturschützer sagen: Die Fischer sollten die Fangmengen beschränken. Fischforscher sagen: Vielleicht liegt es am Golfstrom, der die Aal-Larven über den Atlantik geleitet und offenbar seine Strömung verändert hat. Die Aal-Händler sagen: Die Chinesen sind schuld, weil sie Millionen von kleinen Aalen für ihre Mastbetriebe kaufen. Die Pathologen sagen: Es ist der aus Asien eingeschleppte Aal-Parasit. Die Angler sagen: Franzosen und Spanier dürfen die winzigen Glasaale nicht länger als Delikatesse verspeisen. Alle finden: Es gibt zu viele Wasserkraftwerke, deren Turbinen die wandernden Aale in Stücke häckseln.

Die Zahl der kleinen Glasaale, die binnen drei Jahren aus ihren Laichgebieten vor Florida über den Atlantik zur europäischen Küste wandern, betrug in der Nordsee 2008/2009 nur noch zwei Prozent des langjährigen Mittels - das niedrigste jemals dokumentierte Glasaalaufkommen. Viele Umweltorganisationen warnen daher vor einem Aussterben des Aals. Die Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFAFi), eher der Wirtschaft verbunden, sieht das undramatischer: "Der Aalbestand ist gegenwärtig definitiv als gefährdet anzusehen", meint Klaus Wysujack. Allerdings sei es derzeit noch übertrieben vom Aussterben der Art zu sprechen.

Die unterschiedlichen Einschätzungen sind auch auf die unübersichtliche Datenlage zurückzuführen. Denn von der Zahl gefangener Glasaale lässt sich nicht einfach auf den Bestand ausgewachsener Tiere schließen. Und niemand kann sicher sagen, wie viele Aale nach acht- bis zehnjähriger Aufwachszeit in Europas Seen und Flüssen den Weg zurück in die Sargassosee schaffen. Die meisten sind von einem Parasiten befallen, der die Funktion der Schwimmblase stört. "Statt im Wasser zu schweben, verbraucht der Aal viel Energie, um gegen die Schwerkraft anzuschwimmen", erklärt der Hamburger Aal-Forscher Frank Hartmann.

Mit dem U-Boot auf Aal-Suche

Man weiß so manches nicht über den Aal, diesen schlüpfrigen Gesellen: Jahrhunderte rätselte man, wie er sich fortpflanzt. Womöglich als Hermaphrodit, selbstbefruchtend? Mittlerweile weiß man: Der Aal bildet seine Spermien erst während der Rückwanderung über den Atlantik. Bis heute hat ihn allerdings niemand beim Geschlechtsakt beobachtet. Dabei transportierte ein eifriger Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie aus Seewiesen 1993 sogar eigens ein U-Boot in die Sargassosee, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Mit auf Tour: zwei im Labor zur Geschlechtsreife gebrachte und mit Sendern ausstaffierte Aale. Nach mehrwöchiger Fahrt über den Atlantik setzte der Forscher sie vor Ort aus, um ihnen nachzutauchen, aber die Aale entschwanden im Nu in 150 Meter Tiefe. Lediglich am Monitor konnte er sie einige Stunden beobachten.

Haieier als Futter für junge Aale

Ein weiteres Rätsel ist die feine Nase des Aals. Warum bloß ist er in der Lage, einen Kubikzentimeter Rosenöl noch in der 58fachen Wassermenge des Bodensees wahrzunehmen? Und was fressen Aal-Larven während ihrer dreijährigen Reise über den Atlantik? Wüsste man es, könnte man Aale züchten. Japanische Forscher verkündeten im April diesen Jahres, sie hätten erstmals Aale in Gefangenschaft gezüchtet - und dabei mit einem speziellen Brei aus Haieiern gefüttert. Doch die Überlebensrate war äußerst gering. "Lachse können Sie machen wie Brötchen - immer neu", sagt Jens Schrader, Fischgroßhändler aus Hamburg. "Beim Aal sind Sie aufs Naturprodukt angewiesen." Doch das wird rar.

Deshalb gibt es die Aal-Versandstelle, eine Gründung des Deutschen Fischerei-Verbands. Von Halstenbek bei Hamburg wird Aal-Nachwuchs per Lkw in deutsche Seen und Flüsse transportiert, um ihm das Aufwachsen zu ermöglichen. "Besatz" nennt man die Maßnahme, die allerdings umstritten ist. Schwedische Studien liefern Hinweise, dass der Besatz die Aale in ihrem Wanderverhalten stören könnte, so dass sie nicht mehr den Weg zurück in die Sargassosee finden.

500 Euro für ein Kilo Glasaal

Eine echte Katastrophe für den Aal aber ist die Globalisierung. Denn auch Japaner und Chinesen mögen Aal. Da die einheimischen Bestände des Japanischen Aals stark geschrumpft sind, bedienen sich asiatische Händler zunehmend auf dem europäischen Markt. Per Luftfracht gelangt Aal-Nachwuchs in asiatische Mastbetriebe, wo er im Schnellverfahren zu handelsfähiger Ware herangefüttert wird. Folge: Aal-Nachwuchs wurde ein knappes Gut. Das Kilo, also rund 3000 Stück, kostete in den letzten Jahren rund 500 Euro - Mitte der 90er waren es nur umgerechnet 120. Der in Europa gefangene und in Asien gemästete Aal wird wiederum teilweise nach Europa zurückimportiert - weil er billiger ist, als in Europa natürlich aufgewachsener Aal.

Es geht also rund im Leben des Aals, und eigentlich müsste er genauso global geschützt werden, wie er lebt. Doch lange Zeit geschah nichts. 2007 wurde eine EU-Verordnung beschlossen, die jedes Mitgliedsland verpflichtet Aal-Bewirtschaftungspläne vorzulegen. Der Kern der Verordnung: Der Aalfang soll durch eine Schonzeit um die Hälfte vermindert werden. Mindestens 40 Prozent der erwachsenen Aale, bezogen auf den ursprünglichen Bestand, sollen in ihre Laichgebiete zurückwandern dürfen. Die deutschen Pläne wurden im Frühjahr 2010 von der Europäischen Kommission bewilligt. Immerhin errechneten Forscher hierzulande, dass gut die Hälfte der erwachsenen Aale in Deutschland abgewandert sei. Eine Zahl, die trotz aller Sorgfalt erhebliche Unsicherheiten berge, meint Klaus Wysujack von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFAFi) und fügt hinzu: "Mit einem weiteren Absinken der Bestände muss gerechnet werden."

Da muss der bereits pensionierte Aal-Experte Hilge von der BFAFi schon weit zurückdenken, um Hoffnung zu schöpfen. Als vor Jahrmillionen die Kontinente auseinanderdrifteten, lag irgendwann ein Ozean zwischen Laichgründen und Aufwachsgebieten des Aals, weshalb der heute so weit wandern muss. "Es ist tröstlich, dass der Aal schon andere Krisen überstanden hat."

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