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Kirchengemeinde Wahlstedt : Abzocke auf dem Friedhof?

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Hiltrud Harder fühlt sich von der Kirche in Wahlstedt betrogen: Sie bezahlte für das Grab ihres Mannes 20 Jahre im Voraus, zog aber nach zwei Jahren um, nahm die Urne mit. Geld bekommt sie nicht zurück, obwohl das Grab schon wieder neu belegt ist.

Wahlstedt | "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" - Ein beliebter Satz in den Predigten der Pfarrer in unseren Kirchen. "Reden ist das eine, nach diesem Motto zu handeln und es vorzuleben was anderes", sagt Hiltrud Harder aus Hamburg bitter. Seit drei Jahren streitet sie sich mit der Kirchengemeinde Wahlstedt (Kreis Segeberg), möchte einen Teil der von ihr bis zum 31. Dezember 2023 bezahlten Grabgebühren in Höhe von 934 Euro wieder haben. Denn nach nur zwei Jahren hat sie die Urne ihres verstorbenen Ehemannes Horst vom Wahlstedter Friedhof zu dem an ihrem neuen Wohnort umbetten lassen. Doch die Kirche rückt nicht einen Cent heraus, pocht auf die vereinbarte Nutzungszeit von 20 Jahren. Und dies, obwohl in dem Grab längst eine Andere liegt - von deren Angehörigen die Kirche ebenfalls Gebühren kassiert.
"42 Jahre lang haben wir immer brav Kirchensteuer gezahlt"

Der unchristliche Zoff um die letzte Ruhestätte des Verkaufsleiters einer Hessischen Brauerei, Horst Harder (65), begann nach dessen plötzlichem Herztod zwei Jahre nach der Beerdigung im Oktober 2003. Witwe Hiltrud, Dekorateurin und Plakatmalerin, zog 200 Kilometer Richtung Süden zu ihren beiden Töchtern ans Steinhuder Meer. Die Urne mit der Asche ihres Mannes ließ sie von Wahlstedt auf den Friedhof ihrer neuen Heimatgemeinde verlegen. Für das nun leer geräumte Grabfeld U, Abteilung I a, Nr. 28 in Wahlstedt, bat sie um Rückerstattung der Gebühren für 18 nicht genutzte Jahre. "Für eine Rentnerin, die von knapp 1100 Euro lebt und davon 660 Euro Warmmiete für ihre Wohnung bezahlen muss, sind 840,60 Euro eine Menge Geld", sagt sie. Doch tatsächlich erbat sie nur 700 Euro zurück. "Da hatte ich die Rechnung aber ohne die Kirche gemacht. 42 Jahre lang haben wir mit unseren Kindern in Wahlstedt gelebt, immer brav Kirchensteuern bezahlt - und dann das."
"Für mich als Rentnerin zählt jeder Euro"

Hiltrud Harder zog vor Gericht, "denn für mich Rentnerin zählt jeder Euro". Der Gang vor den Kadi war nötig, denn die Kirche in Wahlstedt bleibt im Streit um Geld so hart wie der Backstein ihres Gotteshauses. Diesen Eindruck vermittelt sie jedenfalls durch den Inhalt eines Schreibens ihrer Rechtsanwältin an das Schleswig Holsteinische Verwaltungsgericht (Az.: 6 A 105/06), in welchem die Forderung der Witwe mit den bezahlten Gebühren eines Parkscheinautomaten verglichen werden:

"Es wird beantragt, die Klage abzuweisen, denn auch der, der irgendwo einen Parkschein für vier Stunden löst, hat keine anteilige Gebührenerstattung zu erwarten, wenn er nach einer halben Stunde das Auto wieder vom Parkplatz beseitigt. Und zwar selbst dann nicht, wenn er kurz darauf feststellen muss, dass der Parkplatz wieder besetzt ist, der Parkuhrbetreiber also an dem Parkplatz doppelt verdient."
"Pietätslos": Kirche vergleicht Grab mit Parkplatz

"Es ist boshaft und pietätlos, die letzte Ruhestätte meines Mannes mit einem Parkplatz zu vergleichen", sagt Hiltrud Harder und wischt sich über die feuchten Augen. Die Streiterei mit der Kirche vor Gericht belastet die krebskranke Rentnerin schwer. "Ich wollte keinen Prozess", sagt sie weinend, "die Kirche aber stellte sich stur und hat mich obendrein sogar noch betrogen."

Die Kirchengemeinde habe bei ihr eine Rasenschnittgebühr in Höhe von 145 Euro kassiert. Eine Freundin habe sie jedoch informiert, dass gar kein Rasen gesät worden war. Hiltrud Harder: "Als ich von Betrug und ungerechtfertigter Bereicherung sprach, bekam ich kommentarlos das Geld zurück. Ist das nicht unglaublich?"
"Frau Harder hat schließlich ein Verfahren verloren"

Was sagt die Kirchengemeinde in Wahlstedt dazu? Pastor Ulrich Thomm bedauert den Vergleich mit dem Parkplatz, "das ist sicher nicht glücklich, das tut mir leid". Dennoch bleibt er in der Sache hart. "Es gibt keine Rückerstattung, das ist Grundlage unserer Verträge. Die Konsequenzen der Umbettung hat Frau Harder nun mal letztlich zu tragen." Den Betrugsvorwurf findet er "heftig". Es könne schon sein, dass man ihr den Rasenschnitt in Rechnung gestellt habe, und er wisse nicht genau, was da war, aber Betrug sei das nicht. Dann weist er darauf hin, "dass Frau Harder schließlich ein Verfahren verloren hat." Ein Satz, der Hiltrud Harder sicher nicht besänftigen wird.

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erstellt am 30.Dez.2008 | 08:01 Uhr

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