zur Navigation springen

Spicken per Smartphone : Abi-Prüfungen 2015 in SH: Peilsender sollen Schummler entlarven

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Philologenverband fordert eine technische Aufrüstung gegen Smartphones. Der Kampf gegen den digitalen Spickzettel.

Kiel | Chemische Formeln und die Jahreszahlen historischer Schlachten auf dem Oberschenkel notieren – das war gestern. Heute wird in Schulen digital geschummelt. Mit dem Smartphone und dem unendlichen Wissen von Wikipedia. Um das in Abiturprüfungen zu unterbinden, fordert der Philologenverband den Einsatz technischer Hilfsmittel – etwa von Peilsendern – um verbotene Handysignale aus der Schultoilette orten zu können. Die beliebten Smartphones mit Internetzugang sind nämlich in den Prüfungen streng verboten.

„Natürlich müssen die Persönlichkeitsrechte der Schüler gewahrt bleiben, aber selbst der Datenschutzbeauftragte des Landes hat keine grundsätzlichen Bedenken gegen den Einsatz von Peilgeräten geäußert“, erklärte gestern der Chef des Philologenverbandes, Helmut Siegmon gegenüber shz.de. Zwar habe die Bundesnetzagentur in einem Schreiben an die Kultusministerkonferenz darauf hingewiesen, dass keine Störsender eingesetzt werden dürfen, aber von einem Peilsender-Verbot war keine Rede.

Dumm nur: Der Landtag hat vor zwei Jahren den Einsatz technischer Anti-Schummel-Geräte grundsätzlich verboten – auf Antrag der Piraten. Im rechtlichen Sinne wäre die Handypeilung vergleichbar mit einem Abtasten der Schüler und stelle damit einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte dar, hieß es damals. Zuvor war bekannt geworden, dass zum Beispiel am Preetzer Gymnasium solche 500 Euro teuren Peilsender bereits eingesetzt worden waren.

Siegmon kann den Verzicht auf das technische Ortungsmittel nicht nachvollziehen: „Im Sinne der Chancengleichheit ist es zwingend notwendig, dass bei Abiturprüfungen faire Bedingungen herrschen und sich niemand Hilfe von außen holen kann.“ Wenn das Bildungsministerium solche Sender verbiete, „ist das Beihilfe zum Schummeln durch Unterlassung“ , stellt der oberste Vertreter der Gymnasiallehrer klar.

Den Schulleitern sind die Hände gebunden. Sie haben in den vergangenen Wochen die 10.000 Abi-Kandidaten, die ab heute ihre Prüfungen schreiben, auf die Risiken der Schummelei mit dem Smartphone hingewiesen.

„Grundsätzlich gilt schon der Fund eines Handys als Täuschungsversuch“, stellte am Montag Patricia Zimnik, Sprecherin des Bildungsministeriums in Kiel, klar. „Wenn in einem Jahrgang mit 20 Schülern nur 19 ihre Smartphones abliefern, werden die Lehrer mit Sicherheit stutzig.“ Auch wenn auffällig viele „alte Knochen“ auf dem Tisch des Lehrers landen, spricht das nach Ansicht von Fachleuten dafür, dass die Zweithandys noch in den Hosentaschen stecken. Das scheint  derzeit relativ  ungefährlich für Prüflinge zu sein, da es keine Leibesvisitationen gibt und sie beim digitalen Wettrüsten durch das vom Ministerium verhängte Ortungsverbot eindeutig die Nase vorn haben.

Statt Handysignale zu peilen wird – wie schon vor 40 Jahren – genau protokolliert, wer sich wie lange auf die Toilette abmeldet. An einigen Schulen werden die künftigen Abiturienten sogar von Lehrkräften bis in den Waschraum begleitet.

Über so viel Rückständigkeit kann CDU-Bildungsexpertin Heike Franzen nur den Kopf schütteln. „Die Botschaft an die Schüler ist: Der Ehrliche ist der Dumme, Schummler stehen unter dem Schutz der Regierung“. Sie hält das für fatal und bedauert, dass Schulen mit dem Problem allein gelassen werden. Die Albig-Regierung hat das Peilsenderverbot 2013 übrigens unter Beifall der Landeselternbeiräte mit dem Argument begründet, damit würden alle Schüler unter Generalverdacht gestellt. Eine Argumentation, die offenbar beim Aufstellen von Blitzgeräten im Straßenverkehr nicht gilt. 

zur Startseite

von
erstellt am 27.Apr.2015 | 19:21 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen