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Auschwitz : 91-jährige ehemalige SS-Helferin aus SH angeklagt

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Eine alte Frau holt die Vergangenheit ein: Eine jetzt 91-Jährige soll in Auschwitz Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen sein. Gegen sie wurde Anklage wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen erhoben.

Schleswig | Eine 91 Jahre alte ehemalige SS-Helferin in Auschwitz wird sich aller Voraussicht nach in ein paar Monaten vor dem Landgericht in Kiel wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen verantworten müssen. Das teilte die Staatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts in Schleswig am Montag mit. Nach Auskunft des Leitenden Oberstaatsanwalts Heinz Döllel haben die Ermittlungen „den hinreichenden Tatverdacht  bejaht“. Deshalb sei Anklage erhoben worden. Die Frau lebt nach Informationen unserer Zeitung in Neumünster.

Sollte der Prozess stattfinden, wäre es in Schleswig-Holstein das erste Verfahren, das sich mit dem unmittelbaren Tötungsvorwurf in der Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz auseinandersetzt. Bisherige Verfahren, wie der Prozess gegen  Kurt Asche 1980 in Kiel, befassten sich mit den Deportationen nach Auschwitz.

Dass es jetzt überhaupt zu einem Prozess gegen die Frau kommen soll, liegt an einer rechtlichen Neubewertung. Der Name der Neumünsteranerin war der Justiz  zwar bereits in den 70er-Jahren bekannt, doch der Bundesgerichtshof hatte 1969 im Fall Auschwitz festgelegt, dass für eine Verurteilung der KZ-Wächter die individuelle Schuld nachgewiesen werden müsse – was oft nicht möglich war. Mit dem Urteil gegen John Demjanjuk 2011 und Entscheidungen des BGH zu Helfern des Attentats auf das World-Trade-Center änderte sich die Auffassung über die Strafbarkeit der Gehilfen. So sah das Landgericht München Demjanjuk im Urteil als „Teil der Vernichtungsmaschinerie“. Der inzwischen verstorbene Ukrainer war Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen.

Das Verfahren gegen die Schleswig-Holsteinerin, das zunächst von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg geführt worden war, wurde im November 2013 nach Schleswig-Holstein abgegeben.

„Das Gericht wird die Anklage jetzt prüfen“, so der Leitende Oberstaatsanwalt. Er rechnet mit einer Eröffnungsentscheidung der Kieler Kollegen erst im Laufe des kommenden Jahres. Ein Termin für den Prozess steht somit noch nicht fest. Verhandelt werden soll vor einer Jugendkammer, weil die Frau als Heranwachsende – also im Alter zwischen 18 und 21 Jahren – in Auschwitz tätig gewesen sein soll. Laut Staatsanwaltschaft soll sie „als Funkerin der Kommandantur des Vernichtungslagers von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden aus Europa geholfen haben“. Trotz ihres Alters soll die Neumünsteranerin verhandlungsfähig sein. „Wir haben momentan keine anders lautenden Anhaltspunkte“, so Döllel.

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erstellt am 21.Sep.2015 | 12:59 Uhr

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