Rostende Gefahr : 90 Tonnen Giftgas-Granaten liegen vor Helgoland

Helgoland - Paradies für Naturliebhaber. Foto: dpa
Helgoland - Paradies für Naturliebhaber. Foto: dpa

Sie rosten beständig vor sich hin - und stellen damit eine immer größere Gefahr dar: 90 Tonnen Giftgas-Granaten liegen vor Helgoland.

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12. Dezember 2008, 12:44 Uhr

Nach dem Willen von Frank Botter kann es gar nicht schnell genug gehen. Der Bürgermeister von Helgoland sorgt sich über eine Stelle auf dem Meeresgrund nur vier Kilometer südlich der beliebten Nordseeinsel. Dort sind nach Ende des Krieges 90 Tonnen Giftgas-Granaten entsorgt worden. Seither rostet dieser Berg vor sich hin - sein Gewicht entspricht etwa dem von 100 Kleinwagen.
Die Behörden wissen das seit 1980. Jetzt soll endlich etwas passieren. Das Kieler Innenministerium wird die Stelle Anfang Januar untersuchen lassen. Das Land Niedersachsen hat sogar angekündigt, alle Munitionsaltlasten vor der Küste neu zu bewerten.
Egal, was die Untersuchung mit einem Spezialboot vor Helgoland Anfang des Jahres im Detail ergeben wird; Bürgermeister Botter hat schon jetzt klare Forderungen. "Die gehören da weg", sagt er über das chemische Waffen-Arsenal voller Granaten - 6000 sind es wohl.
Gefahr auf dem Meeresboden bewusst verharmlost
Für Bewegung in dem Fall hat ein Experten-Treffen gesorgt, zu dem die niedersächsischen Landtags-Grünen vor kurzem eingeladen hatten. Stefan Nehring, Meeresbiologe und Fachmann für Kriegsmunition in Nord- und Ostsee, hatte referiert, dass Behörden die Gefahr auf dem Meeresboden bewusst verharmlosten. Im Gerangel um Zuständigkeiten werde viel heruntergespielt. Nehring, der als Gutachter für Land und Bund arbeitet, hatte von "Stillschweigeabkommen" gesprochen - und das, obwohl angespülte Munition immer wieder Verletzte fordere.
So ließe sich auch der ein oder andere Widerspruch in Dokumenten erklären, die Nehring zusammengetragen hat. In einer "Kleinen Anfrage" wollte etwa der FDP-Mann Günther Hildebrand 2001 wissen, von welchen Kampfmittel-Lagerstätten in schleswig-holsteinischen Küstengewässern die Landesregierung weiß. Antwort: "Genaue Unterlagen über die Verklappungsmaßnahmen nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges sind nicht vorhanden." Doch 1980 hatte Niedersachsen auf ausdrückliche Bitte des Innenministers aus dem Nachbarland detailliert berichtet, dass 90 Tonnen Gasgranaten aus dem niedersächsischen Diepholz Ende 1949 vor Helgoland versenkt worden waren. Sogar die exakte Position wurde den Kielern mitgeteilt.
Untersuchungen im Januar
Thomas Giebeler, Sprecher im Kieler Innenministerium, weist den Vorwurf entschieden zurück, dass Dinge verschwiegen worden seien. "Niemand kann für eine Kleine Anfrage Aktenbestände über zwei Jahrzehnte zurück bearbeiten. Das ist schlicht nicht machbar." Warum aber nicht schon in den 80er Jahren etwas geschah, bleibt fraglich. Giebeler warnt vor Panikmache. Bei Übungen der Marine und Messungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) hätten an der besagten Stelle keine Metallkörper geortet werden können. Jedoch seien die Granaten in rund 50 Metern Wassertiefe mit einer dicken Sedimentschicht überzogen. Die neuen Untersuchungen im Januar sollen nun "gezielter und mit dem neusten Stand der Technik" erfolgen.
Giebeler räumt ein, dass erst das Medienecho nach der Expertenrunde bei den Grünen in Hannover die Kieler Landesregierung zu einer Neubewertung veranlasst habe. "Wir sind da jetzt dran und machen das", sagt der Sprecher. Auch in einer Arbeitsgruppe zwischen Ländern und Bund solle verstärkt an dem Thema gearbeitet werden. Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) hatte Ende vergangener Woche bereits angekündigt, die Gefahr durch marode Weltkriegsmunition in der Nordsee von 2009 an neu bewerten zu lassen.
Laut Experte Nehring wird es auch Zeit dafür: "Wissenschaftliche Versuche in Russland haben ergeben, dass Munition verstärkt nach 60 bis 70 Jahren durchrostet und das Gift somit austreten kann." Bei 1949 versenkter Munition ist es also bald so weit. "Und die Gefahr spontaner Detonation ist immer gegeben. Je nach Art des Kampfstoffes ist es selbst bei dieser Wassertiefe nicht auszuschließen, dass sich eine Giftgaswolke bildet", sagt Nehring. Ministeriumssprecher Giebeler zufolge verlaufen Schifffahrtslinien neben der Versenkungsstelle - in nur zwei bis drei Kilometern Abstand.
Koordinaten Versenkungsgebiet: +54° 8", +7° 53"

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