Landgericht Kiel : 200.000 Euro ergaunert: Internetbetrüger gesteht

Kurioser Fall von Internetbetrug: Ein Mann soll mehr als 100 Kunden geprellt haben. Weil die ihn bedrängten, schoss er sich in den Bauch.

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17. August 2011, 08:11 Uhr

Kiel | Im Internet bot er Tickets zum Fußball-EM-Finale 2008 in Wien an, die Vermietung eines Ferrari, Fahrradfahren am Polarkreis und hochwertige Unterhaltungselektronik. Seine Kunden zahlten im Voraus, doch sie gingen oft leer aus. Wegen gewerbsmäßigen Betrugs muss sich ein 40-Jähriger, einschlägig vorbestrafter Angeklagter seit Dienstag vor dem Kieler Landgericht verantworten. Der Schaden laut Anklage: rund 200.000 Euro.
Mehr als 100 Fälle von Juli 2007 bis November 2010 listete der Staatsanwalt auf. Der Mann sitzt seit April 2011 in U-Haft. Weil die betrogenen Kunden ihn bedrängten, soll der Angeklagte Anfang August 2008 auf dem Parkplatz Heidkate bei Kaltenkirchen sogar einen Raubüberfall auf sich vorgetäuscht haben, inklusive Bauchschuss. Zu dem von ihm angezeigten Überfall, bei dem ihm angeblich EM-Tickets geraubt worden sein sollen, gab der schwergewichtige Angeklagte nur knapp Auskunft. "Dies Ereignis hat nicht stattgefunden", sagte er. Er habe die Polizei gerufen, "weil ich verschleiern wollte, dass ich die Karten nicht hatte". Ob er selbst oder ein anderer auf ihn geschossen hat, ließ er offen. Wortkarg mühte er sich mit seinem Geständnis. Gericht, Verteidigung und Staatsanwalt sicherten ihm dafür eine Haftstrafe von nicht mehr als sechseinhalb Jahren zu.
Fahrradtour am Polarkreis
Die betrügerischen Internetgeschäfte wickelte der Mann zunächst von Bad Bramstedt aus ab, später aus Itzstedt (Kreis Segeberg). Die Fahrradtour am Polarkreis hatte er für 800 Euro im Angebot, für eine Woche Ferrari wurden knapp 1300 Euro fällig. Zwei EM-Tickets zum Finale in Wien 2008 kosteten bis zu 3000 Euro, Elektronikgeräte bis zu 2200 Euro. Geliefert wurde aber offenbar nichts. Immer mehr Geschädigte gingen gegen ihn vor. Sich selbst gönnte der Mann aber Luxus: Die Anklage wirft ihm vor, dass er eine Reise mit Yacht-Aufenthalt zum Formel-Eins-Rennen in Monaco buchte. Der geschiedene Vater einer Tochter gestand auch ein, dass er aus den Betrügereien seinen Lebensunterhalt zahlte.
Vielfach will der 40-Jährige sogar Minusgeschäfte gemacht haben. Er habe teurer als von ihm im Internet angeboten einkaufen müssen. Die Fahrradtour hatte er bei einem anderen Anbieter gesehen und in sein Angebot aufgenommen. Den Ferrari und andere Autos vermietete er über einen Bekannten: "Der sitzt jetzt aber selbst." Der Prozess wird am 23. August fortgesetzt.
(dpa, shz)

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