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Marine-Untersuchungsgefängnis : 2. Weltkrieg in Kiel: Die Geheimakte Kusch

vom

Ein Kieler U-Boot-Kommandant wagte Kritik am Hitler-Regime – und musste dies mit dem Tod bezahlen. Ein Schicksal, das auch viele seiner Kameraden im Marine-Untersuchungsgefängnis traf.

shz.de von
erstellt am 30.Aug.2014 | 12:46 Uhr

Kiel | Nicht nur zur Kaiserzeit saßen Matrosen in der Kieler Arrestanstalt in der Wik. Das Hitlerregime baute es zum Marine-Untersuchungsgefängnis aus und ließ seine Todeskandidaten dort auf die Vollstreckung ihrer Urteile warten. Prominentestes Opfer: Der 1944 hingerichtete U-Boot-Kommandant Oskar Kusch.

Er war 26 Jahre alt, als am 12. Mai 1944 auf dem Marineschießplatz in Kiel-Holtenau zehn Gewehrmündungen auf ihn zielten: Oskar Kusch. Der Befehl ertönte, die Salven krachten, der Marinesoldat brach zusammen und wurde schnellstens in einen bereitstehenden Sarg geschleppt. Unauffällig erfolgte der Abtransport. Man hielt die Sache geheim. Die Angehörigen wurden unterrichtet – allerdings war es ihnen verboten, eine Todesanzeige in die Zeitung zu setzen oder sonst etwas darüber verlauten zu lassen. Stattdessen wurden der Familie auch noch die Kosten für Einäscherung und Begräbnis auferlegt. Dennoch hatte sich der Fall bald herumgesprochen.

Grausames Formblatt für die Hinrichtung

Hunderte Marinesoldaten sollen von Hitlers Helfern auf diese Weise in Kiel hingerichtet worden sein – wegen „Wehrkraftzersetzung“, „Feigheit vor dem Feind“ oder anderer regimekritischer Verhaltensweisen, oft auch wegen krimineller Delikte. Es gab sogar ein Formblatt, wie die Todeskandidaten zu behandeln waren und wie die technischen Vorbereitungen auszusehen hatten: Die Vollstreckung musste „bis ins Kleinste vorbereitet werden, dass sie jederzeit ohne Schwierigkeiten stattfinden“ konnte, heißt es. Zum Transport war ein geschlossener Lkw zu verwenden – „kein PKW, da Rücktransport des Sarges“. Das Sanitätskommando musste den Verurteilten dann „einsargen“. „Reichseigenes Schuhwerk“ war „dem Verurteilten vorher auszuziehen und erneut zu verwenden.“

Was hatte Oskar Kusch verbrochen? Eigentlich war er doch ein „guter Soldat“, der den verbrecherischen Krieg als U-BootKommandant auf zwei „Feindfahrten“ sogar erfolgreich mitgeführt hatte: drei versenkte Schiffe, drei weitere Dampfer torpediert. Doch Kusch war keiner der vielen Schweigenden. Seine Kritik am nationalsozialistischen Willkürstaat war der Gestapo bereits bekannt. Er zweifelte in Streitgesprächen an der Möglichkeit, den Krieg gewinnen zu können, verurteilte den Massenmord an den Juden als Verbrechen. Dass er das Hitlerporträt in seinem U-Boot abhängen ließ mit den Worten „Wir betreiben hier keinen Götzendienst“, war mit ein Grund für den regimetreuen Offizier Ulrich Abel, Kusch zu denunzieren – vermutlich auch darum, weil der ihm als Vorgesetzter im Wege stand, ein eigenes U-Boot zu führen.

Kaum vom Atlantik zurückgekehrt, wurde Kusch am 12. Januar in St. Lorient verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Kiel gebracht. Vier Tage später verurteilte ihn der Militärrichter Karl-Heinrich Hagemann in einem nur einstündigen Prozess in Kiel zum Tode, obwohl die Staatsanwaltschaft eine Strafe von zehneinhalb Jahren Haft gefordert hatte. 106 Tage musste Oskar Kusch dann in einer kleinen Zelle ausharren, bis er schließlich zum Schießplatz gebracht wurde. Sein Kollege Abel indes bekam das ersehnte Kommando über ein U-Boot – und wurde damit noch vor Kuschs Hinrichtung versenkt.

Erst 1996 wurde Oskar Kusch rehabilitiert. Ihm und seinen ermordeten Kameraden zum Gedenken wurde 1998 in Holtenau am einstigen Schießplatz das Friedrich-Voss-Ufer umbenannt in Oskar-Kusch-Straße.

Kieler Debatte: Museum statt Abriss?

Sein Gefängnis im Kieler Marineviertel aber steht heute leer. Das Haus in der Wik ist nach Zwischennutzungen verlassen, draußen wuchern Büsche und Bäume. Es riecht muffig in diesem Bau, der mit zwei Hauptgebäuden und zwei niedrigeren Nebenflügeln einen Innenhof umschließt. Auf drei bis vier Stockwerken stehen dicke Holztüren halb offen. Kleine Räume verbergen sich dahinter: Es sind die ehemaligen Zellen von Matrosen, die sich in Arrest oder Untersuchungsgefangenschaft befanden. Im Keller sieht es noch dramatischer aus: Dort gibt es Türen aus schweren Eisengittern, Kettenringe an den Wänden, im Putz an manchen Stellen Kratzspuren. Hier muss auch Oskar Kusch gesessen haben – und viele seiner hingerichteten Kameraden.

Die Stadt Kiel, die den alten Gebäudekomplex zunächst abreißen wollte, überlegt derzeit, ob hier ein Ort der Erinnerungskultur vom Matrosenaufstand bis zur Gegenwart geschaffen werden kann.

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