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Wissenschaftler erklären : Orkan „Christian“ war kein Kind des Klimawandels

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neue internationale Vergleichsstudie: Geesthachter Wissenschaftler warnen nicht vor Stürmen – wohl aber vor Sturmfluten.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 09:04 Uhr

Hamburg/Geesthacht | Extreme Hitzewellen stehen im deutlichen Zusammenhang mit dem Klimawandel –  bei anderen Wetter-Extremen wie dem Orkan „Christian“ im Oktober vor einem Jahr ist diese Abhängigkeit nicht immer erkennbar. Zu dieser Erkenntnis gelangt ein neuer Bericht, für den 20 internationale Forschungsgruppen die Ursachen von 16 im vergangenen Jahr aufgetretenen Extremwetter-Ereignissen beleuchtet haben. Zu den Autoren zählen Prof. Hans von Storch und Dr. Frauke Feser vom Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.

Mit der Studie bieten sie nicht zuletzt dem gestern in Hamburg eröffneten 9. Extremwetterkongress aktuellen Gesprächsstoff. An der viertägigen Konferenz in der Hafencity nehmen rund 5000 Wissenschaftler und Interessierte teil. Ziel ist es, das Wissen über den Klimawandel in eine  breite Öffentlichkeit zu tragen.

Gemeinsam mit Kollegen des Deutschen Wetterdienstes und des dänischen Meteorologischen Instituts haben die Geesthachter Küstenforscher die Daten von „Christian“ und anderer Orkane ausgewertet. Von Storch erlebte den Ausnahme-Sturm am 28. Oktober 2013 hautnah: Beim Versuch, seine Heimatinsel Föhr zu besuchen, strandete er in Dagebüll.

Er und seine Kollegen stießen bei ihrer Untersuchung auf  Schwankungen der Sturmintensität über viele Jahrzehnte. „Erkennbar ist eine Verringerung der Sturmaktivität seit den 1880ern bis Mitte der 1960er Jahre und ein darauf folgender Anstieg bis Mitte der 1990er Jahre“, sagt von Storch. Seit Mitte der 1990er Jahre verringere sich die Aktivität wiederum. „Anders als bei Hitzewellen können diese Schwankungen allein auf natürliche Variabilität zurückgeführt werden“, erklärt der Wissenschaftler. Allerdings: „Wir schließen damit nicht aus, dass der menschengemachte Klimawandel in späterer Zukunft einen Einfluss auf die Stürme haben könnte.“ Um die 50 Jahre müssten jedoch noch vergehen, bis sich das eindeutig klären lasse. 

Keinesfalls Entwarnung geben möchte von Storch bei der Sturmflutgefahr. „Die nimmt zu“, prognostiziert er – „allerdings nicht, weil es mehr Wind gäbe, sondern weil der Meeresspiegel steigt“. Damit liefen die Fluten höher auf. Denn gegen die Erderwärmung tritt von Storch nicht an. Dadurch dehne sich das Meerwasser aus, das Eis in Grönland und der Antarktis nehme ab. Für den Nordfriesen liegt nahe, dass der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren stärker klettert als um die 20 Zentimeter, die für die letzten 100 Jahre belegt sind. Zur Frage wie hoch, sagt der Helmholtz-Professor als Quintessenz vielfältiger Überlegungen und Modellrechnungen: „Mehr als 1,20 Meter bis zum Ende dieses Jahrhunderts halte ich für unwahrscheinlich.“ Zu bedenken sei ebenfalls: In den 1930er-Jahren sei der Meeresspiegel so rasch gestiegen wie in den letzten Jahren – aus welchen Gründen auch immer.

Auch will von Storch mit seinen relativierenden Äußerungen über Stürme nicht sagen, dass Vorkehrungen gegen Windschäden unangebracht seien. „Das sind sie zweifellos – aber nicht wegen einer Zunahme von Stürmen, sondern weil sich Anstrengungen zur Schadensminimierung grundsätzlich auszahlen. Schon unsere normale Sturm-Häufigkeit bereitet eine Menge Ärger. Es lohnt sich generell, die bebaute Umwelt so zu gestalten, dass sie weniger empfindlich ist. “ Diese Aufforderung richtet der Forscher auch an Städte und Gemeinden, wenn es um Starkregen geht. „Dem Thema sollten sie mehr Aufmerksamkeit schenken, weil Starkregen durch den Klimawandel  – im Gegensatz zu Stürmen – zuzunehmen droht.“ Für bessere Abflussmöglichkeiten zu sorgen, hält er für wichtig. Die Verantwortlichen in den Rathäusern könnten ihren Bürgern dadurch konkreter helfen als durch kommunale Klimaschutzkonzepte. „Selbst wenn eine Stadt von der Größe Hamburgs keinerlei Emissionen mehr in die Atmosphäre pusten würde – auf die Entwicklung des Weltklima hat das keinen Einfluss“, gibt von Storch zu bedenken.

Die  Vergleichsstudie trägt den Titel „Explaining Extreme Events of 2013 from a Climate Perspective“, erschienen als Spezial-Report des „Bulletin of the American Meteorological Society“.

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