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Schleswig-Holstein

22. Oktober 2017 | 07:31 Uhr

Opfer hielt Reporter für den Täter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 12.Jan.2014 | 14:35 Uhr

Kurz vor dem Fall der Mauer fliehen die Menschen scharenweise aus dem zerfallenden Ostblock. Im Asylantenheim Oelixdorf findet eine heute in Warschau lebende 49-jährige Kinderbetreuerin aus Polen Unterkunft. Am 29. Juli 1989 wird sie nach eigener Aussage von zwei ebenfalls im Heim untergekommenen Rumänen geschlagen und anschließend vergewaltigt. Ein Täter wird relativ rasch gefasst und verurteilt. Einem zweiten Verdächtigen wurde nun in Itzehoe der Prozess gemacht.

„Ich wurde geschlagen, dann vergewaltigt“, sagt die Polin vor Gericht aus. „Es waren Rumänen. Ich bin mir sicher, dass er es war“, sagt sie und weist auf den Angeklagten und anschließend auf einen Journalisten, der über den Prozess berichtet. Die 49-jährige beginnt zu weinen, schildert, dass drei Männer sie vergewaltigt hätten, der Größere und der Mann hinter ihr im Zuschauerraum, seien dabei die Schlimmsten gewesen. Richter Eberhard Hülsing fragt nach, ob wirklich auch der Journalist gemeint sei. „Sind Sie sich sicher, dass es der Herr im roten Pullover war“, hakt Hülsing erneut nach, weist auf den Pressemann. „Ja“, bestätigt die Zeugin ohne jeden Zweifel. Der Prozess kippt. Die Beschuldigung des nachweislich unbeteiligten Journalisten lässt Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidigung erkennen: Das ist die klassische Projektion eines unverarbeiteten Traumas.

Die Frau hatte in den Stunden vor der Vergewaltigung in einer Kneipe getrunken und den Angeklagten kennengelernt. Der will weiter nach Schweden, sie will mit. Der Mann lehnt ab, brüskiert die damals mit fast drei Promille stark alkoholisierte Polin. Durch diese Rückweisung projektierte die Frau die Vergewaltigung auch auf ihn. Strafverteidigerin Gabriele Heinecke fasst zusammen: ,,Sicherlich wäre sie gerne mit nach Schweden gegangen. Das was die Zeugin hier zeigt, ist eine Projektion. Die Tat ist ein noch nicht aufgearbeitetes Kapitel in ihrem Leben“, sagt Heinecke. „Ich danke ihnen, dass die Wahrheit jetzt endlich ans Licht gekommen ist. Ich habe die ganze Zeit versucht zu helfen, weil ich weiß, dass ich unschuldig bin“, sagt der Angeklagte im Schlusswort. Sein Albtraum ist vorbei, jener der vergewaltigten Frau noch nicht.

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