Verkehrssicherheit : "Opa, gib den Lappen ab"

Der Führerschein ist ein hochemotionales Thema mit Potenzial zum Generationen-Konflikt. Foto: dpa
Der Führerschein ist ein hochemotionales Thema mit Potenzial zum Generationen-Konflikt. Foto: dpa

Es ist ein klassisches Political Correctness-Thema: Senioren am Steuer und die Frage: Sollten ältere Menschen ab einem bestimmten Zeitpunkt ihren Führerschein abgeben müssen?

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18. Juli 2011, 12:23 Uhr

# | Wer in den letzten Wochen in einen der A7- oder A1-"Mega-Staus" geraten ist, könnte sarkastisch behaupten, dass das gegenwärtige Unfallrisiko mangels fließenden Verkehrs ja wohl gegen Null tendiere. Und in der Tat: Während der Sommermonate sinkt auf Deutschlands Straßen die Zahl der Crashs.
Unfallforscher der Dekra und der Axa-Winterthur-Versicherungen verweisen allerdings auf bestimmte, ferientypische Unfallvarianten. Viele Autofahrer nähmen es in der gelockerten Urlaubsstimmung mit den Standards der Ladungs- und Gepäcksicherung nicht allzu genau. So mancher Urlauber checke seinen Wagen vor Reiseantritt nicht durch - und trete die Fahrt möglicherweise übermüdet an. Dazu die Belastung durch Hitze, auf dem Rücksitz spielende (oder sich zoffende) Kinder; das ungewohnte Fahren mit Anhängerlast; der Wunsch, "endlich" anzukommen. Die Folge: urlaubstypische Unfälle, beispielsweise mit ins Schlingern geratenden Wohnmobilen oder im Ausland gemieteten Leihwagen.
Sicherheitsrisiko Senioren
Wenn man erst einmal auf das Thema Verkehrssicherheit zu sprechen gekommen ist, führt eigentlich kein Weg am Aspekt, am Unterthema "Senioren am Steuer" vorbei. Es ist ein klassisches Political Correctness-Thema. Man möchte der Generation, sagen wir: 65 plus einerseits nicht zu nahe treten, sie auf keinen Fall unter Generalverdacht stellen. Andererseits weiß so gut wie jeder Autofahrer von gefährlichen oder (im harmloseren Fall) skurrilen Situationen im Straßenverkehr zu berichten, die aufgrund des haarsträubenden Fahrverhaltens älterer Verkehrsteilnehmer entstanden (und von diesen mitunter noch nicht einmal registriert worden) sind.
Darüber hinaus tragen spektakuläre Zeitungsmeldungen zum Zerrbild prinzipiell nicht mehr zurechnungsfähiger Senioren am Steuer bei. So wie vor Kurzem der Bericht über die Autobahn-Odyssee eines 80-jährigen Rentners aus Hamburg, der für seinen Rückweg aus Thüringen 1000 statt 450 Kilometer zurückgelegt hatte und auf seiner Irrfahrt schließlich auf der A27, die er entgegengesetzt zur vorgeschriebenen Fahrtrichtung befuhr, von der Polizei gestoppt wurde. Doch anstatt seinen Fehler einzugestehen, beschwerte sich der rüstige Geisterfahrer bei den Beamten über die unzureichende Beschilderung. Wie gesagt, durch solche Meldungen entstehen Zerrbilder.
Trotzdem wird an diesem Beispiel einer der neuralgischen Punkte der Senioren-am-Steuer-Thematik deutlich: die Neigung so manches betagten Fahrers, Selbstüberschätzung mit Uneinsichtigkeit, ja Starrsinn zu mixen. Eine der Folgen: Bei Unfällen, an denen über 75-jährige Fahrer beteiligt sind, liegt deren Schuldquote bei 75 Prozent.
Entlarvende Studienergebnisse
Eine Studie der Universität Canberra stützt die These vom potenziellen Sicherheitsrisiko Rentner am Steuer. Die Auswertung von 266 von einem Fahrlehrer und einem Psychologen begleiteten, 20 Kilometer langen Testfahrten hat ergeben, dass Fahrern ab dem 70. Lebensjahr wesentlich mehr Fehler unterlaufen als jüngeren Probanden. Kein Schulterblick; Schwierigkeiten, die Spur zu halten; die Neigung, den Blinker als bloße Dekoration des Armaturenbretts zu betrachten - die Liste der Beanstandungen ist lang. Studienleiterin Kaarin Anstey, Psychologin an der University of Australia, erinnert in diesem Zusammenhang an den Alterungsprozess des Gehirns und dessen Auswirkungen auf die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit.
Zu einer ausgewogenen, fairen Betrachtung der Senioren-am-Steuer-Problematik gehört gleichzeitig der Hinweis auf die unterdurchschnittliche Unfallverwicklung 65- bis 75-jähriger Autofahrer. Sicherlich auch deshalb, weil sie seltener und zu weniger unfallträchtigen Tageszeiten fahren als Berufstätige. Dass die Silver Ager darüber hinaus von ihrer Fahrerfahrung und ihrer ausgeglichenen, defensiven Fahrweise profitieren, steht allerdings außer Frage. Stichwort defensive Fahrweise. Durch sie entfällt bei Senioren die Unfallursache Nummer eins: überhöhte Geschwindigkeit. Andererseits sind die Unfallursachen Nummer zwei und drei - Missachtung der Vorfahrtsregeln und Fehler beim Abbiegen - bei Unfällen, in die ältere Autofahrer verwickelt sind, besonders häufig anzutreffen.
Freiwilligkeit oder Zwang?
Was also kann, was muss getan werden, um bestimmte Vertreter der Risikogruppe der über 75-jährigen Verkehrsteilnehmer zu der Einsicht zu bewegen, dass sie, wie es dann immer so flapsig heißt, den Lappen abgeben? Beziehungsweise, dass sie zumindest ein spezielles Training absolvieren sollten, um ihre Fahrtüchtigkeit nach objektiven Standards überprüfen zu lassen? Bislang gibt es nur freiwillige Aktionen; etwa das "Sicher mobil"-Programm des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Die Teilnahme an solchen Fahr-Fitness-Checks setzt allerdings die Einsicht voraus, dass es ganz gut wäre, die subjektive Einschätzung "Ich kann doch noch fahren" überprüfen zu lassen.
Wie auch immer man sich persönlich in der Frage der (Zwangs-)Testung positionieren möchte: Fakt ist, dass sich die Relevanz des Themas im Zuge der viel zitierten Alterung der Gesellschaft in den kommenden Jahren weiter erhöhen wird. Zurzeit sind 20 Prozent der deutschen Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt. In vier bis fünf Jahrzehnten wird dieser Anteil auf 35 Prozent angestiegen sein. Und der Wunsch, im - Gott sei dank verlängerten - Herbst des Lebens mobil zu bleiben, ist nun wirklich mehr als verständlich.
Mit- statt gegeneinander
Die Devise muss ohnehin lauten, die Debatte um die Silver Ager am Steuer behutsam, ohne verletzenden Grundton und ohne Pauschalanklagen zu führen. Denn natürlich werden Forderungen nach einer Zwangstestung der Fahrtüchtigkeit (wie sie beispielsweise in den Niederlanden ab Vollendung des 70. Lebensjahres durchgeführt werden) manchen Senior an den - häufig nach Kräften verdrängten - Umstand erinnern, dass er alt wird. Natürlich wird der ein oder andere betagte Fahrer (zu Recht) auf seine Fahrerfahrung verweisen; und darauf, dass die jungen Hüpfer doch viel riskanter und obendrein häufig angeschickert führen.
Die letzten Jahre sollten uns in puncto Diskussions(un-)kultur zwischen Jung und Alt eine Lehre sein. Es geht nicht gegeneinander. Es geht nur miteinander. Wenn, wie vor einigen Jahren, JU-Funktionäre anfangen, die Sinnhaftigkeit kostspieliger Hüft-OPs bei älteren Patienten in Frage zu stellen, verhärten sich die Fronten zwischen den Generationen in Windeseile. Wo denn da bitteschön die Dankbarkeit bleibe; wer denn den Wohlstand der Wirtschaftswunder-Republik überhaupt erarbeitet habe und so weiter.
Verbot von Kita-Neubauten in Wohngebieten gefordert
Gleichzeitig müssen auch die Älteren aufpassen, nicht zu motzig, nicht zu destruktiv rüberzukommen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Senioren-Union, Leonhard Kuckart, hat in diesem Zusammenhang kürzlich ein abschreckendes Beispiel geliefert, als er forderte, Kita-Neubauten in Wohngebieten zu verbieten. Sie seien eine "unzumutbare Lärmbelästigung"; Senioren hätten "ein Anrecht auf Ruhe und Erholung".
Unsere Gesellschaft rast, um im Bild zu bleiben, in eine Sackgasse, wenn sie Frontstellungen zwischen den Generationen aufbaut. Andererseits dürfen übertriebene, Political Correctness-geschwängerte Rücksichtnahmen schmerzhaften, aber überfälligen Debatten nicht im Wege stehen. Und die Debatte um das Sicherheitsrisiko Senioren am Steuer ist überfällig.
(shz)

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