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Tinder-Erfahrungsbericht : Online-Dating: So funktioniert das Geschäft mit der Einsamkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flirt-Portale sind ein Milliardengeschäft. Doch beim Geschäft mit der Sehnsucht nach Liebe und Nähe wird schnell alles beliebig.

shz.de von
erstellt am 26.Dez.2015 | 17:32 Uhr

„Eine Bekannte hat mir erzählt, wir seien alle auf der Suche nach jemandem, dem wir quer durch’s Gesicht lecken können. Denn was man anleckt, darf man behalten. Denkst Du, sie hat recht?“ – Ich tippe diese Sätze in mein Smartphone und schicke sie ab. Die Empfängerin der Zeilen kenne ich nicht. Doch bei der Flirt-App Tinder haben wir ein Match. Mein Profilbild hat der Frau also gefallen – und mir ihres. Ich habe dafür zustimmend auf dem Handy-Bildschirm nach rechts gewischt, sie ebenso. Daher dürfen wir uns jetzt Nachrichten schicken, wenn wir das wollen. Ich will.

 

Vor Jahren riet mir eine Freundin zum Online-Dating. Sie selbst war damals bei einem großen Fernsehsender beschäftigt – eine intelligente, attraktive und erfolgreiche junge Frau. Es mangelte ihr nicht an Verehrern. Allein, es waren immer die falschen Männer, wie sie mir erzählte. Den Partner fürs Leben fand sie schließlich im Internet. Aus der Liebe im Netz wurde sehr bald eine Ehe. Die Tochter des Paares wird dieses Jahr drei. Das gemeinsame Haus ist gebaut.

Gut neun Millionen Deutsche waren schon mal im Netz auf Partnersuche. Aktuell klicken sich mehr als vier Millionen durch die diversen Plattformen oder wischen sich durch mobile Apps wie Tinder. Das geht aus Zahlen des Hightech-Branchenverbands Bitkom hervor. Mit Anfang 30 sind die meisten meiner Freunde verheiratet und haben Kinder. Die meisten Frauen aus meinem Bekanntenkreis sind vergeben. Meine Zeit verbringe ich nicht mehr überwiegend in Wohngemeinschaften oder auf Studenten-Partys, sondern in einem Großraumbüro. Ich bin jetzt einer dieser vier Millionen.

„Individualität jenseits des Fotos wird auf Flirtseiten zurechtgestutzt“

Anfangs lese ich die Angaben von Profilen auf Flirtseiten wie Finya, Friendscout und Co. noch aufmerksam. Dabei denke ich immerzu an die Fernseh-Freundin, ihre Tochter, ihre Ehe – und dass ich genau das will. Ich studiere die Interessen der Frauen und versuche anschließend in einer ersten Nachricht auf viel Persönliches von ihr einzugehen, das Besondere hervorzuheben. Aber die Vorliebe für italienisches Essen und Reisen ist nicht besonders, auch der gelegentliche Besuch eines Kinos ist es nicht. Individualität jenseits des Fotos wird auf Flirtseiten zurechtgestutzt, bis nur noch die Serie bleibt; die Suche nach Einzigartigkeit ist ein Stochern im Nebel. Obendrein gehört zur Wahrheit, dass viele Nachrichten, die Männer an Frauen schreiben, im Nirgendwo versanden und niemals gelesen werden. Sehr bald fertigte ich daher die Nachrichten auch nur noch nach dem Baukasten-System an. Die Namen wechseln, der Text bleibt. Zehn Nachrichten verschicke ich am Abend. Beim Online-Flirt, so sage ich mir, regiert das Gesetz der großen Zahlen. Je mehr Frauen ich anschreibe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine Antwort.

 

Auf seine Art trägt Tinder dem Nachrichten-Nirwana klassischer Flirtportale Rechnung. Die Partnerwahl wird bei der App auf ein Porträtfoto reduziert. Weitere Angaben zur Person sind nicht vorgesehen. Angeschrieben werden können nur Nutzer, mit denen es ein Match gibt. Ob daraus mehr wird, entscheidet meist schon die erste Nachricht. Mit dem hundertsten „Hallo“ ist es da nicht getan, auf das tausendste Kompliment für Haare oder Augen folgt ebenso in der Regel Schweigen. Auf die Frage nach der Leck-Theorie antwortet hingegen fast jede. So etwa Sabine*, eine Studentin, die mir schreibt, sie habe als Kind auch immer alles angeleckt – als Schutz vor ihren Geschwistern.

„An mir haben all diese Firmen jedenfalls schon gutes Geld verdient“

Online-Dating ist ein gewaltiges Geschäft. Finanzinvestoren, wie die Investment-Gesellschaft Oakley Capital aus London, entdecken es zunehmend für sich. Vor einigen Monaten schluckten die Briten Parship. Im Sommer dieses Jahres kam für 22 Millionen Euro die Seite Elite-Partner hinzu. Zeitgleich krempeln Apps wie Tinder weltweit den Markt um. „Durch mobile Partnersuchen per Dating-App auf dem Smartphone wird Online-Dating künftig weiter zunehmen“, sagt Bitkom-Experte Tobias Arns voraus. An mir haben all diese Firmen jedenfalls schon gutes Geld verdient – über Abos, kostenpflichtige Zusatzfunktionen oder Daten. Tinders Unternehmensmutter Match ist an der Börse bereits gut eine halbe Milliarde US-Dollar wert.

Auf ihrer App streicht mein Finger nach kurzer Zeit nur noch reflexhaft über das Display. Ich denke kaum noch darüber nach. Auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg zum Sport, auf dem Weg zum Einkaufen – immerzu wische ich auf dem Display nach rechts. Bei so ziemlich jeder Frau. Je häufiger ich nach rechts wische, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für ein Match – das Gesetz der großen Zahlen. 20, 30 Profile sind es in der Minute. Mit jedem Wisch werden sich die Bilder der Frauen, ihre Posen, ihre Frisuren, die Gesichtsausdrücke ähnlicher. Ich stumpfe ab – und wische weiter.

„Es ist mehr ein Quiz als ein Gespräch“

In Asien genießt WeChat große Popularität. Die App ist keine klassische Dating-App, sondern vom Konzept her eine Mischung aus Twitter, Whatsapp und Facebook – und obendrein vermutlich der Albtraum aller Datenschützer. WeChat zeigt seinem Nutzer nämlich, welche anderen Personen sich in seiner Umgebung aufhalten und Interesse haben, andere Menschen kennenzulernen. An einem verregneten Nachmittag in Hamburg ist das zum Beispiel Malie. Sie ist Ende 20 und mit einer Reisegruppe aus Thailand in Europa unterwegs. In ihrer Heimat kümmert sie sich als Geschäftsführerin um den Betrieb ihrer Eltern. Wir treffen uns in einer Hotel-Bar. Malie trägt ein kurz-geschnittenes Kleid. Auf Fragen antwortet sie knapp, schiebt auf Englisch immer schnell ein „Next Question“ hinterher, als müsse jede kleine Pause vermieden werden. „Nächste Frage!“ Es ist mehr ein Quiz als ein Gespräch. Irgendwann habe ich alle W-Fragen aufgebraucht. Malie hat bis dahin von ihrer Familie erzählt, der elterlichen Kondom-Fabrik, ihren Pflegekindern – und schließlich ihrer Einsamkeit. Von meiner TV-Freundin und ihrer Ehe, ihrer dreijährigen Tochter und dem neugebauten Haus am Rande von Leipzig, ist das alles in diesen Minuten weit entfernt. Zum Abschied erzählt Malie noch, wie Männer in Deutschland sie auf der Straße angesprochen und ihr Geld für Sex geboten hätten, nur weil sie Thailänderin sei. Sie verspricht, sich zu melden, wenn sie im kommenden Jahr wieder in Deutschland ist – ich erwarte nicht, je wieder von ihr zu hören.

 „Zwei, drei Tage in Kontakt. Im Tinder-Kosmos ist das eine Ewigkeit“

Noch während ich das Hotel verlasse, meldet sich Tinder. Ein neues Match. Ich schicke der Frau die üblichen drei Sätze. Julia, wie sie heißt, findet die Theorie vom Anlecken zumindest interessant. Sie arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus. Wir haben mehrere gemeinsame Freunde. Zwischen zwei Operationen schreibt sie mir von ihrer Doppelschicht, dem Stress bei der Arbeit und welche Pläne sie fürs Wochenende hat. Wir bleiben zwei, drei Tage in Kontakt. Im Tinder-Kosmos ist das eine Ewigkeit. Dann wissen wir beide nicht mehr recht, was es einander noch zu sagen oder vielmehr zu schreiben gibt – und jedes Wischen könnte eh einen noch interessanteren, hübscheren oder passenderen Menschen präsentieren, dem wir tatsächlich durchs Gesicht lecken wollen; sofern die Theorie meiner Bekannten stimmt.

Flirtportale sind wie ein Club oder eine krude Sekte. Es gibt jene, die dort kurz vorbeischauen, die für einige Wochen Mitglied bei der einen oder anderen Seite oder App sind. Und es gibt einen harten Kern, der immer wieder zurückkehrt wie der Täter zum Tatort. Carina und ich haben uns vor gut vier Jahren über Friendscout kennengelernt. Wir haben uns damals geschrieben, einmal miteinander telefoniert. Getroffen haben wir uns nie, bis heute. Beide haben die Nummer des anderen im Handy gespeichert. Carina ist inzwischen Mutter geworden – und alleinerziehend. Hin und wieder tauschen wir eine SMS aus – und begegnen den Bildern des anderen in den diversen wechselnden Singlebörsen.

Die Tinder-App auf meinem Smartphone meldet sich. Ich kann mich nicht erinnern, das Profilfoto der Frau schon einmal gesehen zu haben. Es sagt mir nicht zu – ich wische nach links. Gut jeder vierte Nutzer von Partnerbörsen soll Bitkom zufolge falsche Angaben machen, bei Alter, Gewicht oder Familienstand lügen. „Eine gesunde Distanz zu den Angaben auf Dating-Plattformen kann vor Überraschungen schützen“, sagt Bitkom-Experte Arns.

Wieder meldet sich Tinder. Eine weiteres Match: Katharina hat zwei Kinder, wünscht sich ein drittes. Sie würde sich gerne treffen. Noch lebt sie mit ihrem Mann zusammen. Die Scheidung läuft. Das ist mehr Leben, als ich gesucht habe. Bei den anderen Flirtportalen habe ich mich inzwischen abgemeldet. Sabine schickt eine Nachricht, die Studentin. Sie wolle sich nicht heimlich davon schleichen, schreibt sie – und dass sie jemanden kennengelernt habe. Auf einer Party, am Wochenende, ohne Tinder. Dort melde ich mich jetzt auch ab.

„El mundo será Tlön“ schrieb der Argentinier Jorge Luis Borges in den 1940er Jahren – die ganze Welt sei Tlön. In seiner Erzählung verwischt er die Grenzen von Wahrheit und Fiktion bis ins Extrem. Er erzählt von einem fantastischen Reich, dessen Sprache nur unpersönliche Verben kennt. Hätte er den Text heute geschrieben, hieße es wohl zeitgemäß: Die ganze Welt ist Tinder. Durch’s Gesicht leckt sich dort niemand. Schade.

*Namen der Frauen wurden geändert

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