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Rettungsleitstelle Nord : Notruf: Das passiert am anderen Ende der 112

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ob Unfall, Feuer oder ein Herzinfarkt im Badezimmer: Wer die 112 wählt, landet in der Leitstelle. Von dort wird der Rettungseinsatz koordiniert.

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erstellt am 08.Mai.2016 | 17:11 Uhr

250 Kilogramm halten heute Morgen die Leitstelle Nord in Harrislee bei Flensburg auf Trab. Akute Lebensgefahr besteht bei dem übergewichtigen Patienten nicht, der 30-Jährige hat eine Entzündung am Unterschenkel. Er ist kaum gehfähig, hat der Vater am Telefon mitgeteilt. Doch irgendwie muss der Nordfriese nun aus seiner Wohnung heraus und ins Husumer Krankenhaus befördert werden.

„Aber 250 Kilogramm – das schaffen unsere Tragen nicht“, sagt Birte Suckow. „Selbst die Schwerlasttrage geht nur bis 240 Kilo.“ Die Leitstellen-Disponentin ruft erstmal einen Kollegen aus dem Rettungsdienst vor Ort an, der die Lage prüfen soll. „Hast du gut gefrühstückt?“, fragt sie ihn. Eine gute und eine schlechte Nachricht hat er wenig später für sie. Die gute: Der Patient ist doch gehfähig und kann auch sitzend transportiert werden. „Aber ich weiß nicht, ob er in den Sitz im Rettungswagen passt.“ Birte Suckow seufzt. „Probiert es mal.“

Das Gespräch ist gerade beendet, das Headset noch am Ohr, da ertönt erneut das dumpfe Brummen. Auf dem Bildschirm, der die ankommenden Anrufe anzeigt, blinkt „Notruf NF“. Jemand aus dem Kreis Nordfriesland hat die 112 gewählt. „Notruf 112 – wo ist der Unfallort?“, mit diesen Worten nimmt die 37-Jährige jeden Notruf entgegen. Dabei verfällt sie in eine ganz andere Tonlage. Ihre Stimme wird laut und forsch, die Finger flitzen über die Tastatur.

Die 37-Jährige muss an die wesentlichen Informationen kommen, und das ist meist gar nicht so leicht, da die Anrufer für gewöhnlich sehr aufgeregt sind – wie die junge Frau, die jetzt am Telefon ist. „Kommen Sie schnell, das Blut läuft wie ein Wasserhahn“, fleht sie. „Beruhigen Sie sich erstmal“, reagiert Suckow freundlich, aber trotzdem bestimmt. „Ich bin jetzt bei Ihnen.“ Obwohl die Anruferin nicht einmal das Wort Nasenbluten nennt, weiß sie direkt, dass es darum geht. „Schlucken Sie das Blut nicht runter, drücken Sie die Nase auf beiden Seiten zu.“ Sie gibt Anweisungen, stellt Fragen, hält die verängstigte Frau im Gespräch, woraufhin sie merklich ruhiger wird. Geht die Herzfrequenz runter, wird auch der Blutfluss schwächer. Auf einem Monitor kann Birte Suckow verfolgen, wo sich der Rettungswagen, den sie parallel zum Gespräch binnen Sekunden angefordert hat, gerade befindet. In ein paar Minuten wird er bei der Husumerin eintreffen.

Die fünf W's beachten

Wo ist etwas passiert? Was ist passiert? Wie viele Verletzte gibt es? Wer meldet den Notfall? Warten Sie auf mögliche Rückfragen! Das sind die fünf Ws, die man beim Wählen der 112 im Hinterkopf haben sollte. In der Praxis klappt das selten. Weil aber jede Sekunde zählt, müssen die Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle auch mal lauter werden. „Das wirkt oft unfreundlich auf die Leute, hilft ihnen aber, sich zu sortieren“, erklärt die Disponentin.

Sie sitzt an einem Rondell aus Monitoren. Einer zeigt eine Schleswig-Holstein-Karte mit den aktuellen Positionen aller Rettungsfahrzeuge. Blitzschnell muss sie bei einem eingehenden Notruf entscheiden, welchen Wagen sie dorthin schickt.

<p>Anrufe im Minutentakt: In der Rettungsleitstelle Nord in Harrislee arbeiten 23 Disponenten  – eine davon ist die ausgebildete Rettungsassistentin Birte Suckow. </p>

Anrufe im Minutentakt: In der Rettungsleitstelle Nord in Harrislee arbeiten 23 Disponenten  – eine davon ist die ausgebildete Rettungsassistentin Birte Suckow.

Foto: Michael Staudt
 

Per Mausklick bekommen die Kollegen auf der Straße den Einsatz übermittelt. Ortskenntnis zählt viel in ihrem Job, Entfernungen richtig einzuschätzen kann über Leben und Tod entscheiden. Zwölf Minuten beträgt die Hilfsfrist, binnen der bei einem Notruf Helfer am Unfallort sein müssen. Während sie dies erklärt, lauscht Birte Suckow mit einem Ohr den Kollegen an den anderen Arbeitsplätzen im Großraumbüro – denn es kann immer sein, dass jemand Unterstützung braucht. So wie jetzt.

Lampen an jedem Arbeitsplatz zeigen den Status an: Rot beispielsweise signalisiert „im Gespräch“, Orange bedeutet, dass der Telefonist Unterstützung durch Kollegen benötigt.
Lampen an jedem Arbeitsplatz zeigen den Status an: Rot beispielsweise signalisiert „im Gespräch“, Orange bedeutet, dass der Telefonist Unterstützung durch Kollegen benötigt. Foto: Michael Staudt

„Atmet er noch?“, fragt ihr Kollege eine Anruferin aus Erfde, die offenbar um das Leben ihres Mannes kämpft, der zusammengebrochen ist. „Haben Sie ihn jetzt auf den Boden gelegt? Hallo, hören Sie mich?“ Seine Stimme ist raumerfüllend laut. „Wie sieht er jetzt im Gesicht aus? Ist er blau? Nur blass? Atmet er ausreichend?“ Auf einem kleinen Display ruft Suckows Kollege das Menü „Rea Erw.“ auf, Reanimation Erwachsene – eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die telefonische Hilfe bei der Wiederbelebung, mit vorformulierten Sätzen wie „Machen Sie das bitte jetzt, ich bleibe für Sie am Telefon.“ Solche „standardisierten Notruf abfragen“ gibt es für verschiedene „Lagen“, wie die Angestellten in der Leitstelle eine Notfallsituation nennen. Zum Beispiel auch für einen Sturz aus großer Höhe oder für eine Geburt. Die Anleitungen helfen auf der einen Seite den Disponenten, den Stress zu reduzieren, auf der anderen Seite den Anrufern durch klare Anweisungen.

In Erfde ist mittlerweile der Hausarzt eingetroffen und hat den Patienten wiederbelebt. Die Leitstelle hatte bereits den Rettungshubschrauber angefordert, der den Mann nun in ein Krankenhaus fliegen wird. 1025 Reanimationen hat die Leitstelle Nord seit 2010 per Telefon angeleitet. „Routine ist das trotzdem nicht – dann wäre irgendwas falsch“, sagt Birte Suckow.

Den ersten Schluck Wasser nach zwei Stunden hat sie noch nicht runtergeschluckt, da surrt und blinkt es schon wieder. Dieses Mal schaltet ihre Stimme aber nicht in den Notfall-Modus. Der Anruf ist nicht über die 112 eingegangen, kann sie auf dem Bildschirm sehen, sondern über die Krankentransport-Anforderung. Diese Nummer wählen Arztpraxen und Kliniken, wenn Patienten zum Beispiel zur Dialyse gefahren werden sollen. Krankentransporte organisieren gehört auch zum Job der Leitstelle Nord, diese werden aber meist einen Tag vorher angemeldet. „Und im Notfall müssen wir die auch mal schieben, wenn das Fahrzeug woanders dringend gebraucht wird“, erklärt die Disponentin. „Ist die Person infektiös? Stark übergewichtig? Sitzend oder liegend?“ – das sind ihre Standardfragen. In Windeseile ist der Transport digital angelegt.

Um 7 Uhr hat ihr Dienst heute begonnen, um 14 Uhr ist Feierabend. Doch so gesellschaftsfähig sind ihre Arbeitszeiten längst nicht jeden Tag. Auch Wochenenden und Nächte verbringen sie und ihre Kollegen in der Leitstelle. „Anfangs war ich bei jedem Anruf aufgeregt. Die Erfahrung aus dem Rettungsdienst hilft aber sehr. Erfahrung ist das A und O in diesem Job.“ Wer als Disponent in der Rettungsleitstelle arbeitet, hat mehrere Jahre als Rettungsassistent sozusagen an der Front gekämpft. Ab und zu steigt Suckow noch als Aushilfe in den Rettungswagen, aber grundsätzlich hat sie vor fünf Jahren entschieden: „Bis zur Rente ist das hart. Die Patienten werden nicht leichter.“ In der Leitstelle hat sie weiterhin Kontakt zu ihren ehemaligen Kollegen im Rettungsdienst – und profitiert von diesem guten Draht. „Das macht die Kommunikation einfacher.“

Es surrt – Notruf von der Insel Pellworm. In einer Arztpraxis ist ein Herr mit Verdacht auf Herzinfarkt zusammengebrochen. Suckow alarmiert den Hubschrauber in Niebüll, binnen zehn Minuten ist der auf der Insel und fliegt den Patienten ins Krankenhaus.

Den zweiten Happen vom Brot, das seit Dienstbeginn neben ihr liegt, nimmt Birte Suckow um 12 Uhr. Beim Kauen surrt es. „Notfall FL“ blinkt rot auf dem Bildschirm. „Notruf 112 – wo ist der Unfallort?“

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