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Sylter Seehundjäger : „Nicht jeder Seehund ist ein Heuler“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Darf man kranke Seehunde erschießen? Die BUND-Meeresbiologin Stefanie Sudhaus erklärt, warum nicht jedes gefundene Tier aufgepäppelt werden kann.

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erstellt am 06.02.2014 | 17:00 Uhr

Kiel/Sylt | Die Verunsicherung ist groß: Was hat es mit den geschossenen Robben und Seehunden an Sylter Stränden auf sich? Gerade in den vergangenen Tagen klingelt in der Landesgeschäftsstelle des BUND in Kiel regelmäßig das Telefon. Dort versucht unter anderem Diplom-Meeresbiologin Stefanie Sudhaus die Arbeit der Seehundjäger zu erklären.

Frau Sudhaus, was fällt Ihnen bei diesen Anrufen auf?
Die große Unkenntnis, die über Robben und Seehunde bei vielen vorherrscht. Vielen ist nicht bekannt, dass die Seehundjäger für ihre Arbeit gut ausgebildet sind und sie auch kontrolliert werden. Es würde auffallen, würden sie Tiere schießen, die nicht schwer krank sind.

Worin liegt dieses Unwissen begründet?
Es fehlt an Öffentlichkeitsarbeit von Seiten der zuständigen Behörden. Zum einen sollten zumindest die gesammelten Daten öffentlich gemacht werden. Diese zeigen, dass bei den Seehundjägern und in der Aufzuchtstation Friedrichskoog alles vorschriftsmäßig abläuft. Zum anderen werden vor allem Presseinformationen zum Thema Heuler herausgegeben: In den Medien und der Öffentlichkeit geht es fast nur um sie. Um die kleinen Robben oder Seehunde, die von ihrer Mutter getrennt und am Strand aufgefunden wurden – also die Tiere, die in die Seehundstationen gebracht werden. Durch diese Berichterstattung halten die Menschen schnell sämtliche Seehunde oder Robben am Strand für Heuler – und denken, diese müssten jetzt alle gerettet werden. Das hat Konsequenzen: Vor einigen Jahren noch schätzten Experten, dass 90 Prozent der als Heuler eingelieferten Heuler gar keine waren. Ihre Mutter war vielleicht nur gerade jagen. Bei den oft durch Lungenparasiten erkrankten Tieren, die derzeit häufig am Strand gefunden werden, verschätzen sich die Finder teilweise ebenfalls, weil kranke Tiere nicht unbedingt krank aussehen müssen.

Kritiker der Seehundjäger fordern, dass versucht werden müsste, alle am Strand gefundenen Tiere zu retten. Was spricht denn dagegen?
Natürlich stimmt das Herz dem sofort zu. Als Tierfreund möchte man dies gerne erreichen. Trotzdem gibt es ein großes Aber. Es handelt sich um Wildtiere. Und jeder menschliche Eingriff in die Population hat Folgen. Es gibt beispielsweise das Risiko der Krankheitsübertragung zwischen Wildbeständen und den Tieren in der Pflege. Und auch wenn in den Auffangstationen darauf geachtet wird, dass die Tiere nicht viel Kontakt zu Menschen haben, haben die Tiere bei ihrer Rückkehr in die freie Natur ihre Scheu teilweise verloren. Dadurch sind sie gefährdeter, beispielsweise zu nahe an Boote heran zu schwimmen. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass jeder menschliche Kontakt und vor allem der Transport nach Friedrichskoog für die Tiere unglaublichen Stress bedeuten, den man ihnen nicht sinnlos antun sollte, wenn sie ohnehin sterbenskrank sind.

Dass so viele Seehunde lungenkrank sein sollen, klingt aber schon beunruhigend.
Der Seehund-Population in der Nordsee geht es dennoch vergleichsweise gut. Mit schätzungsweise 38.500 Tieren ist sie auf einem Rekordhoch: Mehr Tiere wurden seit Beginn der Zählung 1975 nicht gezählt.

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