Matthias Wolfskeil im Interview : "Nicht alle Entscheidungen sind klug"

Energieversorgung braucht stabile politische Rahmenbedingungen, keine sprunghaften Entscheidungen, sagt Matthias Wolfskeil. Foto: Staudt
Energieversorgung braucht stabile politische Rahmenbedingungen, keine sprunghaften Entscheidungen, sagt Matthias Wolfskeil. Foto: Staudt

"Energieversorgung braucht stabile politische Rahmenbedingungen": Im Interview spricht Flensburgs Ex-Stadtwerke-Chef über die Energiewende und die Zukunft kommunaler Energieversorger.

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24. März 2012, 12:07 Uhr

Flensburg | Herr Wolfskeil, die Energiepreise explodieren. Gibt es auf den Energiemärkten eine Renaissance nationalen Handelns?
Man kann schon seit Jahren eine immer stärkere Einmischung und Reglementierung des Staates feststellen. Wirklich frei sind nur noch der Vertrieb und die Erzeugung. Wobei aus den erneuerbaren Energien eine Einschränkung durch die festgelegte Einspeisevergütung und vorrangige Abnahme entsteht, die politisch im Sinne der Energiewende gewollt ist.
Verschieben die erneuerbaren Energien das Gewicht zugunsten der kommunalen Stadtwerke im Vergleich zu den vier großen Energiekonzernen?
Der Trend scheint momentan zur dezentralen Versorgung vor Ort zu gehen. Langfristig glaube ich aber, dass es sich wieder umkehren wird. Derzeit erkennt man, dass Bürger vor Ort die Energieversorgung aktiv in die Hand nehmen wollen. Die dezentrale Energieversorgung könnte die Verbundversorgung, die durch zentrale Großkraftwerke geprägt ist, ablösen. Das stärkt auch die Rolle der Stadtwerke. Hinzu kommen neue Konzessionen, die die Macht der Kommunalpolitik zunehmen lassen. Bundesweit möchten Politiker stärker über die Energiepolitik ihrer Region entscheiden, ohne langfristig die wirtschaftliche Verantwortung dafür zu übernehmen. Das ist eine gewisse Gefahr, denn nicht alle dezentral getroffenen Entscheidungen sind klug für die Zukunft.
Wie groß ist die Gefahr, dass es schief geht, wenn Politik in die freien Märkte eingreift?
Es kann zu einer Fehlverteilung der Ressourcen führen. Einige Beispiele: Mit den Einnahmen aus der Ökosteuer werden die Renten gestützt. Durch das Deckeln der Netzentgelte fehlen finanzielle Anreize zum dringend erforderlichen Ausbau der Netze für die erneuerbaren Energien und den Erhalt der bestehenden. Ein weiterer Aspekt ist der Ausstieg aus der Atomkraft. Die AKW sind oder werden in den nächsten zehn Jahren abgeschaltet. Dies wird zu massiven Arbeitsplatzverlusten und Kaufkraftverlusten in den betroffenen Regionen führen. Genauso kann ein Kommunalpolitiker entscheiden: Was darf ein Stadtwerk verdienen und was soll der Kunde für einen Energiepreis bekommen. Dieses Wechselspiel zwischen Gemeinwohl und wirtschaftlichem Interesse muss wohl ausbalanciert werden. Und da hab ich momentan das Gefühl, es schwappt derzeit mehr zum Bürger als zur Wirtschaftlichkeit der Unternehmen. Mit anderen Worten: Es werden nicht immer kluge Entscheidungen getroffen, die die langfristige Überlebensfähigkeit sichern. Investitionen in der Energiewirtschaft müssen sich über 20 Jahre rechnen. Politische Entscheidungen werden oft nur für drei oder vier Jahre getroffen.
Ist die Energiewende aus Ihrer Sicht auf dem richtigen Weg?
Auch hier: Die Politik ist leider nur kurzfristig orientiert, da sie ja von den Wählerstimmen der nächsten Wahl abhängig ist. Heute ist es für Bürgermeister oder Landespolitiker doch politischer Selbstmord, sich nicht für erneuerbare Energien im allgemeinen, E-Mobility und Fotovoltaik auf den Dächern der Gemeinden im Speziellen einzusetzen. Das sind aber Investitionen, die sich langfristig rechnen müssen, auch ohne Sozialisierung der Kosten auf alle Kunden. Hier ist die Grenze der Tragfähigkeit bei fast 50 Cent Staatsabgabe bei einem Euro Umsatz erreicht. Richtig ist: Atomenergie wird bei uns langfristig keine Zukunft haben. Aber ich glaube, wir versuchen uns gerade auf der rechten Spur der Autobahn zu überholen und fahren selber auf der linken. Es gibt einige K.o.-Kriterien, die die Energiewende vielleicht doch nicht so schnell möglich machen - und ein Kriterium ist der Netzausbau. Die Anteil der erneuerbaren Energien soll sich verdoppeln, aber schon heute ist es nicht möglich, den Windstrom von Norddeutschland in die Verbrauchszentren nach Süddeutschland abzutransportieren, aufgrund fehlender Netze.
Bei den Netz-Konzessionen werfen die großen Konzerne ja den kommunalen Stadtwerken vor, dass sie sich nur die Rosinen herauspicken wollen und die großen Energieversorger auf den Kosten sitzen bleiben. Stimmt das?
Stadtwerke sollten sich darauf konzentrieren, Netze im Umkreis von zirka 75 Kilometern zu erwerben. So macht es zum Beispiel als Stadtwerk aus dem nördlichen Landesteil keinen Sinn, sich in Dithmarschen Netze zu sichern. Das wäre eine zu große Entfernung, und die Netze sind zu kleinteilig. Umgekehrt wird dies aber für die Großen zu keinem wirtschaftlichen Desaster führen. Die eventuelle Mehrkosten kann er ja wieder auf die Netzkosten umlegen. Das zahlen dann im Endeffekt alle Bürger.
Stichwort: der Bürger zahlt. Muss über die staatlichen Förderprogramm für erneuerbare Energien noch einmal grundsätzlich nachgedacht werden?
Man muss fragen, was dem Verbraucher eine saubere Umwelt Wert ist. Alle wollen Grüne Energie haben, aber keiner will dafür mehr bezahlen. Zwischen dem Wollen und dem Handeln liegt eine Kluft. Fotovoltaik ist wahrscheinlich die teuerste Form, CO2 einzusparen, während Wind ein Bruchteil kostet. Die Förderung sollte dort ansetzen wo die Erneuerbaren den effizientesten Beitrag für die Umwelt leisten können. Und jeder weiß, dass wir bei nur 900 Sonnenstunden im Jahr in Norddeutschland von der Sonne nicht gerade verwöhnt werden. Darüber hinaus kann man sich ja fragen, wer an den Erneuerbaren Energien verdient.
Das EEG funktioniert ja als kollektives Umlageverfahren zum Wohle einiger weniger. Der Bürger zahlt’s. Es verdienen Fonds, Steuersparmodelle für Freiberufler und sonstige. Meine Forderung wäre, diejenigen Energien stark zu fördern, die am meisten zur Schonung der Umwelt beitragen. Das sind Wind, Biogas, Biomasse, Holz und Gülle. Biogas- und -massekraftwerke sind dazu auch noch grundlastfähig: Die liefern immer Strom - und sauberen Strom. Mit Fotovoltaik fördern wir augenblicklich die chinesische Wirtschaft, während deutsche Hersteller ums Überleben kämpfen. Die meisten großen Kollektorenfelder, die derzeit entstehen, kommen aus asiatischer Produktion.
Wie ist Ihre Prognose für die Entwicklung der Energiepreise?
Sie werden sich weiter nach oben entwickeln - wie stark, das hängt von den politischen Rahmenbedingungen ab. Die meisten Studien kommen zum Ergebnis, dass auch der Atomausstieg preistreibend ist. Der politisch gewollte weitere Ausbau der Erneuerbaren und die dazu fehlenden 3000 Kilometer Stromnetze werden der zweite Preistreiber sein. Der starke Wettbewerb wirkt vielleicht etwas preisdämpfend, weil die Margen der Energieversorger sinken. Das Thema Energieeffizienz über intelligente Netze und die dazugehörenden modernen Steuerungssysteme werden zu weiteren Mehrkosten führen.
Welche Möglichkeiten hat der Verbraucher, auf seinen Energiepreis Einfluss zu nehmen?
Er hat natürlich die Chance, bundesweit unter zig Produkten und Anbietern auszuwählen. Es gibt noch keine Mini-Blockheizkraftwerke für Einfamilienhäuser, allerdings schon für Mehrfamilienhäuser. Er kann sich Fotovoltaik und Solarthermie aufs Dach packen, er kann sich auch noch ein kleines Windrad daneben stellen und schon ist er autonom. Fürs gute Gefühl kann er sich CO2-neutral stellen, physikalisch ist das nicht möglich und günstiger wird diese Lösung auch nicht.
Ihr Nachfolger bei den Flensburger Stadtwerken und die Gremien haben entschieden, sich von den Kohlebeteiligungen zu trennen. War das verkehrt?
Bei dem Kraftwerksprojekt in Lettland hat die Politik mit Unterstützung des Landes entschieden reinzugehen und in einer frühen Phase wieder entschieden rauszugehen. Bei der Chance ein 120-Millionen-Projekt, das einem zu fast 50 Prozent gehört hätte, ist man mit viereinhalb Millionen ins Risiko gegangen. Weitere Finanzierungsrisiken in der Finanzmarktkrise wollte man nicht eingehen. Der Ausstieg war schon während meiner Zeit beschlossene Sache. In Lünen ist man nach meinem Kenntnisstand weiter dabei. Krefeld war von vorne herein eine Option. Es gab nur einen Projektentwicklungsauftrag. Jetzt soll dort ein Gaskraftwerk gebaut werden, an dem sich meines Erachtens die Stadtwerke nicht beteiligen werden.
Wen meinen Sie, wenn Sie sagen: Nicht alle politischen Entscheidungen sind klug?
Energieversorgung lebt von langfristig stabilen politischen Rahmenbedingungen und nicht von reflexartigen und sprunghaften Entscheidungen.
Reden wir jetzt von Kommunal- oder Landespolitik?
Auch von nationaler Politik. In Flensburg gab es nach der Wahl im Mai 2008 neue Mehrheiten im Rat und im Aufsichtsrat. Die Wachstumspolitik außerhalb Flensburgs in der Energieerzeugung und bei den Erneuerbaren, in den neuen Geschäftsfeldern und im Vertrieb ist politisch nicht mehr gewollt. Heute will man extrem hohe Transparenz und kollektive Unternehmensentscheidungen. Die Verantwortung kann aber nur einer haben. Der Aufsichtsrat als Organ oder eben als Person der Geschäftsführer. Ich stehe für die Wachstumsstrategie. Das war der Auftrag, den ich bekommen habe. Einmal getroffene Entscheidungen zu revidieren, nur weil wir jetzt eine andere politische Konstellation haben, ist aus meiner Sicht nicht klug. Was ich beobachte, ist, dass man sich jetzt wieder stärker lokal orientiert. Wenn man die Aktivitäten der Töchter zurückführt und sich von Beteiligungen trennt, die man nicht versteht oder verstehen will, führt das doch letztlich zur Fokussierung aufs Lokale. Dann wird Flensburg an überregionaler Bedeutung verlieren, was nicht so schlimm ist. Aber für 1000 Jobs muss man dann auch neue Aufgaben finden. Ich finde diese Entwicklung schade. Wenn nach der nächsten Kommunalwahl wieder andere Mehrheiten herrschen, machen wir wieder das Gegenteil. Hier muss man Entscheidungen mit einem Horizont von 20 Jahren treffen, doch die Politiker, die das entschieden haben, sind dann womöglich schon lange nicht mehr am Ruder.
Es gab viel Aufregung um die Personalie Walter Baar, der als technischer Leiter zugleich Auftragnehmer war. Warum wurde diese Konstruktion damals gewählt?
Es ist ein Trugschluss, wenn jemand glaubt, dass da nur sehr wenige eingeweiht waren. Das ist alles ganz transparent innerhalb der Gremien geschehen. In der Erzeugung wurde kurzfristig ein neuer Erzeugungsleiter gesucht, Herr Baar war zu diesem Zeitpunkt als Ingenieur beratend im KWK-plus-Projekt tätig und arbeitete dort mit einigen Mitarbeitern. Er war daher dem Aufsichtsrat bekannt und galt als kompetenter Ingenieur. Deshalb ist er als Erzeugungsleiter auf Zeit eingekauft worden. Selbst bis hin zum Gehalt ist alles im Aufsichtsrat transparent berichtet und entschieden worden. Es gab keine Verflechtung zwischen der Aufgabe Kraftwerksleiter und der Ingenieursgesellschaft bei der Frage, ob er sich selber beauftragt hat. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die die Vorgänge hierzu geprüft hat, kam zu dem Ergebnis, dass der Kraftwerksleiter Walter Baar keine Aufträge sich selbst erteilt hat. Wenn Leistungen in Anspruch genommen wurden, ist dies über Ausschreibungen, die vom Einkauf gesteuert wurden, erfolgt.

Zur Person
Matthias Wolfskeil brachte die Flensburger Stadtwerke seit dem Jahr 2000 als Geschäftsführer auf Wachstumskurs. Der Diplom-Kaufmann wechselt nach seinem Ausscheiden 2011 zur Quanto Gruppe, einem Kieler Beratungshaus mit einem Schwerpunkt in der Energiewirtschaft.

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