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Berichte über Missbräuche in Jugendheimen : Neue Vorwürfe im Fall „Friesenhof“

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Aus der Onlineredaktion

Der Streit zwischen Regierung und Opposition um die Heimaufsicht in Schleswig-Holstein geht weiter: Während Sozialministerin Alheit deutliche Verbesserungen sieht, kritisiert die Opposition Alheits Krisenmanagement.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2016 | 17:38 Uhr

Kiel | Als vorgezogenen Wahlkampf hat Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) die Kritik der Opposition an der Heimaufsicht ihres Ministeriums zurückgewiesen. Bei einer Sondersitzung des Sozialausschusses des Landtags am Montag in Kiel betonte Alheit, klare Konsequenzen aus dem Fall Friesenhof bereits gezogen zu haben.

Im vergangenen Sommer hatten unter anderem Berichte von Jugendlichen, über Demütigungen und Drangsalierungen durch das Personal zur Schließung des „Friesenhofes“ und zur Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im schleswig-holsteinischen Landtag geführt. Die neuen Vorwürfe haben die Sozialministerin in Bedrängnis gebracht. Rücktrittsrufe wurden aus der Opposition laut.

Die Opposition von CDU und FDP hielt der Ministerin vor, die Sache offensichtlich nicht im Griff zu haben. „Das Krisenmanagement funktioniert nach wie vor nicht“, sagte die FDP-Abgeordnete Anita Klahn.

Über Missstände in den Jahren 2012 bis 2015 im Friesenhof und in der „Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe Dithmarschen“ (HPJ) in Dörpling berichtete überraschend der Piraten-Landtagsabgeordnete Wolfgang Dudda. Dabei soll es um Aussagen einer namentlich nicht genannten „Auskunftsperson“ handeln, die im Friesenhof und der HPJ tätig gewesen sei. Den Inhalt des 90-minütigen Gesprächs fasste Dudda in einer eidesstattlichen Versicherung zusammen, die er nach der Sitzung Alheit übergab und dann veröffentlichte.

Eidesstattliche Erklärung von Wolfgang Dudda zur Heimaffäre

9. Mai 2016

 

Ich, Wolfgang Dudda,

(Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein, Düsternbrooker Weg 70 in 24105 Kiel)

versichere an Eides Statt durch meine Unterschrift,

dass die nachfolgenden Angaben mir gegenüber persönlich gemacht wurden. Diese Angaben basieren auf einem 90 Minuten dauernden persönlichen Gespräch, das die Auskunftsperson am 6. Mai 2016 in Kiel mit mir führte. Die Auskunftsperson machte für sich schwerwiegende Gründe geltend, deren Benennung schon die gewünschte Vertraulichkeit aufheben würden, um diese Angaben vertraulich machen zu können. Sie ist jedoch bereit diese Angaben unter der Voraussetzung des Erhaltes der Vertraulichkeit auch gegenüber einer Staatsanwaltschaft zu wiederholen.

 

Die Strafbarkeit einer falschen eidesstattlichen Versicherung ist mir bekannt, namentlich die Strafandrohung gemäß § 156 StGB bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei vorsätzlicher Begehung der Tat bzw. gemäß § 163 Abs.1 StGB bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bei fahrlässiger Begehung.

 

Die Auskunftsperson machte folgende Angaben:

1. Sie war in den Häusern des so genannten „Friesenhofes“ und der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe Dithmarschen GmbH (HPJ) in Dörpling tätig.

2. Im August 2012 wurde ein Mädchen, das zuvor aus dem Haus „Campina“ des Friesenhofes entwichen war, dafür bestraft. Die Bestrafung nahm Frank Hunting (heute Geschäftsführer der HPJ) vor. Er drückte das Mädchen durch das Umdrehen eines Armes auf den Boden und setzte sich auf den Rücken des Mädchens. Außerdem drückte ein anderer Mitarbeiter, den die Auskunftsperson nur unter dem Vornamen „Ralf“ kannte, dem Mädchen sein Knie in den Rücken und schrie es zusammen. Dann sollte das Mädchen 50 bis 70 Liegestütze machen. Die Bestrafung fand vor allen Kindern dort statt und dauerte insgesamt sechs bis sieben Stunden. Während dieser Zeit gab es keinerlei Nahrung. Lediglich eine Flasche Wasser stand zum Trinken bereit. Das Mittagessen fand an diesem Tag im „Campina“ deshalb nicht statt. Die Kinder bekamen erst zum Abendbrot wieder Nahrung.

Die Auskunftsperson kritisierte gegenüber Frank Hunting und gegenüber dem „Ralf“ das Vorgehen der beiden. Daraufhin sagte Frank Hunting: „So ist eben die Erziehung hier. Und das muss so sein.“

3. Der Entzug von Essen erfolgte regelmäßig und dauerte so lange an, bis das jeweils betroffene Kind den ihm unterstellten Fehler eingeräumt hat.

4. Die Auskunftsperson war bei der Telefon- und Postkontrolle im „Campina“ anwesend und war dabei, als den Kindern, sofern sie Kritik an der Behandlung und/oder Unterbringung im „Campina“ schriftlich äußerten, gesagt wurde, wie und was sie zu schreiben hätten.

5. Die als pädagogische Leiterin der HPJ bezeichnete Heike Hunting erschien regelmäßig erst gegen kurz vor acht Uhr in der Einrichtung, nachdem die Kinder bereits in der Schule bzw. auf dem Schulweg waren. Sie verließ die Einrichtung regelmäßig vor der Rückkehr der Kinder aus der Schule. Das geschah so, weil sich Frau Hunting um ihr eigenes behindertes Kind kümmern musste.

6. Anders als im Friesenhof durften sich die Kinder in der HPJ grundsätzlich frei bewegen, innerhalb der Vorgabezeiten kommen und gehen, wann sie wollten, und auch frei kommunizieren, sei es mit dem eigenen Handy, dem Festnetztelefon oder brieflich.

7. Bestrafungen für Fehlverhalten jedoch wurden wie im Friesenhof vor allen Kindern vorgenommen. Als Beispiel führte die Auskunftsperson an, dass ein 17-jähriger Junge auf einem Stuhl Platz nehmen musste, der zuvor auf einen Tisch gestellt worden war. Die anderen Kinder mussten sich um den Tisch herum aufstellen. Der Junge wurde dann von dem Frank Hunting „zusammengeschissen“ (wörtliches Zitat aus dem Gespräch mit der Auskunftsperson). Das war so intensiv, laut und schlimm für den Jungen, dass dieser so weinte, als habe man ihm ein Messer in den Rücken gestoßen (wörtliches Zitat aus dem Gespräch mit der Auskunftsperson).

8. Andere Formen der Bestrafung waren Stubenarrest, Ausgeh- und Fernsehverbote, aber auch das Herunterdrücken auf den Boden, so wie es die Auskunftsperson bereits aus dem Friesenhof kannte. Dabei wurde exakt die gleiche Technik angewendet wie im Friesenhof. Das Ziel dieser Maßnahme war es, so wie es  Frank Hunting der Auskunftsperson erklärte, das jeweils betroffene Kind vor den anderen Kindern zu erniedrigen. So ein Herunterdrücken zu Boden dauerte regelmäßig mindestens 15 Minuten an. Die Auskunftsperson gab, dass so etwas in der HPJ weniger oft als im Friesenhof vorkam. Dennoch geschah das durchschnittlich fünf bis sieben Mal pro Woche auch in der HPJ.

9. Gegenüber den Kindern wurde seitens des Frank Hunting im Friesenhof und in der HPJ grundsätzlich ein militärisch geprägter Befehlston angewendet.

10. Die Verpflegung der Kinder in der HPJ war schlecht und wurde nur mit dem „billigsten vom Billigen“ (wörtliches Zitat der Auskunftsperson) durchgeführt. Sie war nicht nahrhaft und auch nicht gesund. Fleisch gab es grundsätzlich nur am Wochenende. Auf dem Niveau von „Nudeln oder Spaghetti mit Sauce“, so die Auskunftsperson, fand in der Woche die Mittagsverpflegung statt. Zur Begründung führte der Frank Hunting die finanziell angespannte Lage der HPJ an. Deswegen wurden auch nur die billigsten Lebensmittel (Aufschnitt, Brot und Margarine) eingekauft. „Mehr Geld haben wir dafür nicht zur Verfügung“, hat darauf angesprochen Frank Hunting gegenüber der Auskunftsperson als Begründung angeführt.

11. Die jeweils vor Ort befindlichen Betreuer dagegen, die zusammen mit den Kindern beim Frühstück und Abendessen am Tisch saßen, bekamen Butter und frische Brötchen. Dafür zahlten sie freiwillig in eine „Kaffeekasse“ einen bis zwei Euro ein. Diese „Kaffeekasse“ wurde im Laufe des Jahres zugunsten eines Sommerfestes oder einer Weihnachtsfeier der Mitarbeiter aufgelöst. De facto haben sich die Mitarbeiter aus dem eigentlich den Kindern zugedachten Verpflegungssätzen auch ernährt.

12. In der HPJ gab es ein Punktesystem mit Belohnungs- und Strafpunkten für das jeweilige Verhalten der Kinder. Dieses hing am so genannten „Schwarzen Brett“ aus, beschrieb das System und gab den jeweiligen „Punktestand“ der Kinder wieder. Wer einen besonders guten Punktestand erreicht hatte wurde durch eine Einladung zum nächstgelegene McDonalds-Restaurant belohnt.

13. Ein Mitarbeiter, den die Auskunftsperson nur unter dem Vornamen „Michael“ kannte, wurde fristlos entlassen, weil er während einer Nachtwache mit dem seinerzeit dort ältesten Mädchen sexuelle Handlungen durchführte. Das Mädchen erzählte den Eheleuten Hunting davon. Zudem hatte er eine Beziehung mit einer Mitarbeiterin der HPJ. Diesen „Michael“ beschrieb die Auskunftsperson als durchtrainiert, etwa ,185 Meter groß, dunkelhaarig, schlank und gutaussehend. Dieser „Michael“ war Motorradfahrer und hatte vor seiner Tätigkeit in der HPJ eine Securityfirma.

14. Gegenüber der Auskunftsperson erklärte der in der HPJ beschäftigte Bernd Ploetz bei während eines Gespräches, dass er ein wenig bewegungseingeschränkt sei. Das lag, so der Bernd Ploetz wörtlich, daran, dass „er eben eine Dreiviertelstunde auf der Marie gesessen habe. Die war ein bisschen aufmüpfig.“ Den Zeitpunkt dieses Vorfalls datiert die Auskunftsperson auf etwa 14 Tage oder drei Wochen nach dem Arbeitsantritt des Bernd Ploetz in der HPJ im Jahr 2013. Das Mädchen namens „Marie“ hat diesen Vorgang gegenüber der Auskunftsperson bestätigt.

 

Kiel, den 9. Mai 2016

 

Dem heutigen HJP-Geschäftsführer Frank Hunting hielt die „Auskunftsperson“ laut Dudda brutale und erniedrigende Erziehungspraktiken vor. Hunting wiederum bestritt dies: „Ich habe solche restriktiven Methoden nicht angewandt“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Montag. Deshalb habe er den Friesenhof auch als Mitarbeiter verlassen. Ein Teil der Vorwürfe könne sich gar nicht auf die HJP beziehen, da diese erst 2014 gegründet worden sei.

Hunting bestätigte ein sexuelles Vergehen in der HJP, die nach Angaben des Geschäftsführers zurzeit 26 Kinder und Jugendliche betreut. Ein Mitarbeiter habe Anfang 2015 mit einer 17-jährigen Heimbewohnerin sexuelle Handlungen gehabt. Er habe dem Mitarbeiter sofort gekündigt, aber den Fall nicht der Staatsanwaltschaft gemeldet, da er nicht der Erziehungsberechtigte gewesen sei, sagte Hunting. Die Zusammenarbeit mit der Heimaufsicht des Landes bezeichnete er als inzwischen sehr gut.

Der ebenfalls mit Vorwürfen konfrontierte Hof Seeland der Kinder- und Jugendhilfe Rimmelsberg (Kreis Schleswig-Flensburg) setzt auf Transparenz und hat die Presse am 19. Mai nach Sillerup eingeladen.

Friedrich betonte im Ausschuss, beide Einrichtungen seien nach Hinweisen mehrfach kontrolliert worden. Teils hätten sich die Vorwürfe nicht erhärtet. Und kritische Punkte seien im Einvernehmen mit den Betreibern geändert worden.

Alheit betonte, die Heimaufsicht sei seit 2013 von vier auf jetzt zwölf Stellen verdreifacht worden. Außerdem sei das Referat von anderen Aufgaben entlastet worden. Zudem setze sich Schleswig-Holstein für Gesetzesänderungen ein, um leichter anlasslos und unangemeldet kontrollieren und bei Missständen die Betriebserlaubnis schneller entziehen zu können.

Bislang müsse die Heimaufsicht nachweisen, dass eine Einrichtung das Kindeswohl gefährde und dies auch nicht abstellen wolle. Künftig solle eine Einrichtung nachweisen müssen, dass sie das Kindeswohl sicherstellen könne. Die angestrebte Änderung des Sozialgesetzbuchs VIII dürfte im Einvernehmen mit den anderen Bundesländern und dem Bund noch in dieser Legislaturperiode erreicht werden, sagte Alheit.

Die CDU-Sozialexpertin Katja Rathje-Hoffmann hielt Alheit zögerliches Handeln vor - zu Lasten der Kinder und Jugendlichen. Mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Friesenhof-Affäre sei die neue Kinder- und Jugendhilfeverordnung noch nicht in Kraft. „Dieser Erlass hätte längst kommen müssen“, sagte Rahtje-Hoffmann.

Dagegen lobte die sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagfraktion, Marret Bohn, Alheits Auftritt: „Die Kritik der Opposition bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen.“ Der SPD-Abgeordnete Wolfgang Baasch hielt der Opposition vor, einen Popanz aufgebaut zu haben.

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