zur Navigation springen

Tauschringe in Schleswig-Holstein : Neue Frisur gegen Gemüse: Wer tauscht, spart Geld

vom

Fenster putzen, Nachhilfe oder Selbstgebackenes. Kaufen muss man diese Dienstleistungen und Sachen nicht unbedingt. In Tauschringen können Mitglieder Dinge auch untereinander tauschen und Geld sparen.

shz.de von
erstellt am 15.Aug.2014 | 19:44 Uhr

Die aufgeschlissene Lieblings-Jeans, der defekte Computer oder die Geschirrspülmaschine, die spinnt. Der Wunsch, Gitarre spielen zu lernen, mal mit einem Oldtimer zu fahren oder Walzer zu tanzen. Gegenstände, die sich reparieren und Wünsche, die sich erfüllen lassen. Vorausgesetzt, man hat Geld. Erlaubt das Portemonnaie jedoch keinen regelmäßigen Freizeitspaß oder dass Rechnungen für Elektriker oder Näherin bezahlt werden, gibt es eine Alternative: Tauschringe.

Bei dem Tauschring in Dithmarschen existiert das Wort „Geld“ gar nicht. Hier wird mit Talenten gehandelt. Sönke Dohrn aus Wesseln (bei Heide) ist der 1. Vorsitzende des Vereins und hat gleich mehrere verschiedene Talente, die er zum Tausch anbietet. Er kennt sich zum Beispiel mit Computern und Elektronik aus und programmiert oder schließt Fernseher an. Im Gegenzug nimmt er regelmäßig Gitarren-Unterricht zusammen mit seinem Sohn, lernt Trommeln und bekommt „richtig gute“ Bio-Eier. Tauschen kann man nämlich nicht nur Dienstleistungen, sondern auch Sachen.

Zu seinem Geburtstag, den er im Kreise seiner Tauschring-Kollegen feierte, ließ der 44-Jährige sich gleich mehrere Kuchen backen. „Das ist auch eine Möglichkeit“, sagt Dohrn. Er weist darauf hin, dass ein Tausch meist kein direkter Handel ist. Jedes Mitglied hat ein Konto, auf welchem ihm Talente, die auch gleichzeitig die Währung darstellen, gut geschrieben beziehungsweise abgezogen werden.

Babysitten, Massage, Reiki, selbstgebackene Kekse, Gartenarbeit, Nachhilfe, Fenster putzen. So viele Talente. Da könne es auch mal passieren, dass Mitglieder mehr in Anspruch nehmen, als sie eigentlich „zahlen“ können. „Man kann auch Minus machen“, erklärt Sönke Dohrn. Doch wer in den Miesen ist, muss keine Zinsen befürchten. So etwas gibt es beim Tauschring in Dithmarschen nicht. Dohrn und seine Kollegen haben in solchen Fällen ein Auge auf das jeweilige Konto und geben entsprechende Tipps. „Wenn man wenig Zeit hat, kann man ja auch Sachen anbieten“, sagt der Vorsitzende.

Der Tauschring in Dithmarschen ist in Schleswig-Holstein einer von vielen. Auf Sylt gibt es seit über sieben Jahren einen solchen Verein. Gegründet hat ihn Jochen Nickel. Der 54-Jährige erstellt Gutachten, spielt Saxophon und lebt in Wenningstedt. Im Kreise des Tauschringes begutachtet er Wohnungen oder Häuser oder spielt Saxophon auf Geburtstagen, Firmenfeiern oder auch Lesungen. Für seine verdienten Talente lässt er sich regelmäßig die Haare schneiden. „Oder auch Kulinarisches“, sagt er. Ist er zu Feiern eingeladen, „ertauscht“ er sich auch mal eine Torte.

Die Heilpraktikerin Ulrike Weinrich hat zusammen mit Günter Leitner den Tauschring in Kellinghusen (Kreis Steinburg) gegründet. Wer Mitglied in dem Tauschring ist und sich für Bachblüten interessiert oder bei diversen Problemen wie beispielsweise Lernschwierigkeiten beraten werden möchte, ist bei der 59-jährigen Heilpraktikerin an der richtigen Stelle. Weinrich selbst tauscht Gartengemüse und Obst ein.

Der Tauschring in Kellinghusen hat derzeit rund 30 Mitglieder. Ulrike Weinrich erzählt, dass die Aktivitäten momentan „schleppend“ laufen. „Das liegt zum einen an der Anzahl der Mitglieder, zum anderen aber auch daran, dass auf dem Land viele Netzwerke noch funktionieren“, klärt sie auf. Da ist es normal, dass Nachbarn einander helfen. Die Gründer des Tauschrings wollen die Struktur und Funktionsweise des Vereins jedoch umkrempeln und entwickeln. Laut Weinrich soll ein Zeitbankkonzept eingeführt werden, mit dem die Mitglieder Zeit ansparen können, um sie zu einem späteren Zeitpunkt einzulösen - so wie es auch der Tauschring in Dithmarschen praktiziert.

Die Nordfriesen können auch tauschen, wenn sie wollen. In Husum ist der Tauschring „TauschWatt“ ansässig. Helga Scharmer-Martens hat den Verein 2006 mitbegründet - heute sind rund 150 Mitglieder angemeldet. Die 55-Jährige schätzt auch den sozialen Aspekt. „Wir tauschen uns ja auch untereinander aus“, sagt sie. Selbst hilft sie bei Hochzeiten aus oder fährt andere Menschen mit ihrem Auto von A nach B. Fahrten seien immer ein Thema, erzählt Scharmer-Martens. Sei es eine Tour zum Baumarkt oder nach Flensburg ins Krankenhaus.

Was sie sich durch ihre Dienste verdient, löst die 55-Jährige häufig ein gegen Unkraut zupfen und andere Gartenarbeiten. Aber auch wenn sie mal Hilfe braucht, beim Ausmisten ihres Dachbodens, greift sie auf die Hilfe der anderen Mitglieder zurück. Es gefalle ihr außerdem, dass der Verein „TauschWatt“ ein nachhaltiges, kooperatives, nachbarschaftliches und regionales Tauschnetzwerk darstellt. Nachhaltig darum, weil es den Mitgliedern am Herz liege, Dinge erst zu reparieren, bevor sie entsorgt werden.

So wie Helga Scharmer-Martens ist es auch Dagmar Scherber aus Ahrensburg „eine Freude“ mit anderen Menschen zu tauschen. Der Verein in Ahrensburg handelt mit sogenannten Schimmerlingen. Zehn Schimmerlinge entsprechen einer Stunde Lebenszeit, erklärt die 61-Jährige. Ihre Spezialität sei es, „kalten Hund“ herzustellen. Außerdem hilft sie auch bei Festen aus und springt bei Gartenarbeiten ein. Andererseits lässt sie sich auch Kekse backen, weil sie immer viele im Haus haben müsse, sagt Scherber. Spricht sie von dem Tauschring in Ahrensburg, so gerät sie ins Schwärmen.

Alle Mitglieder scheinen die Mitgliedschaft als Bereicherung anzusehen. Auch wenn es einem selbst unbedeutend vorkommt, so kann jeder etwas. „Und es gibt immer Menschen, die Hilfe brauchen“, sagt Helga Scharmer-Martens.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen