Musik und Kleidung : Neonazis suchen Geldquellen

Die Einnahmen der NPD aus staatlicher Parteienfinanzierung spielen nur noch eine finanziell untergeordnete Rolle. Foto: dpa
Die Einnahmen der NPD aus staatlicher Parteienfinanzierung spielen nur noch eine finanziell untergeordnete Rolle. Foto: dpa

Verfassungsschützer schlagen Alarm: Neonazis verdienen Millionen mit Merchandising. Doch im Norden laufen die Geschäfte schlecht.

shz.de von
08. Oktober 2012, 06:02 Uhr

Kiel | Merchandising wird für deutsche Rechtsextremisten als Geldquelle immer wichtiger. "Die Szene verdient durch den Vertrieb von Musik und Kleidung mittlerweile jedes Jahr mehrere Millionen Euro", warnten Experten vor wenigen Tagen auf einer Fachtagung des Verfassungsschutzes der Länder Brandenburg und Sachsen zum Thema "Verfassungsfeinde und das Kapital: Finanzströme im Rechtsextremismus".
Die Einnahmen der NPD aus staatlicher Parteienfinanzierung spielten danach nur noch eine finanziell untergeordnete Rolle. Um rechtsextreme Strukturen zu stärken, sei der Versand von "Hassmusik" und Propagandamaterial, von Kleidung, Schmuck, Kosmetika und anderen Alltagsgegenständen mit Bezug zur Szene inzwischen viel wichtiger.
Rechte Unternehmer arbeiten auf eigene Rechnung
Die Verfassungsschützer von Schleswig-Holstein teilen die Meinung ihrer Länderkollegen, allerdings arbeiteten die rechten Unternehmer im Norden auf eigene Rechnung - die NPD profitiere weder finanziell noch parteipolitisch von den Einnahmen. "Von Unternehmen, die vom Vertrieb rechtsextremistischer Literatur, NS-Devotionalien und rechtsextremistischer Musik leben, gehen nämlich nur selten politische Aktivitäten aus", so ein Sprecher des Verfassungsschutzes. Unstrittig aber sei, dass "den Konsumenten derartiger Erzeugnisse der Weg in den Rechtsextremismus geebnet werde".
In Schleswig-Holstein beobachten die Verfassungsschützer vier rechte Musikgruppen: "Das letzte Aufgebot" (Lübeck), "Holsteiner Wölfe" (Ratzeburg), "Words of Anger" (Ostholstein), "Einherjer" und "Timebomb" (Lübeck/Ostholstein). Außerdem vier Unternehmen mit einem Bücherangebot, das auf eine rechte Leserschaft abzielt. Eine herausragende Rolle nimmt dabei laut Verfassungsschutz die Verlagsgruppe "Lesen und Schenken" aus Martensrade im Kreis Plön ein. Ihr Chef ist Dietmar Munier (58), der bereits 1973 in Kiel einen Buchladen unter dem Namen "Nordwind" eröffnete, danach beständig expandierte. Mittlerweile veröffentlicht seine Verlagsgruppe jährlich etwa 50 Bücher, Kalender, Poster, CDs und DVDs. Schwerpunkt: geschichtsrevisionistische oder holocaustleugnende Schriften.
Wirtschaftliche Parallelgesellschaft
In Sachsen erwirtschaften Neonazis derzeit pro Jahr etwa 3,5 Millionen Euro. Es habe sich dort eine wirtschaftliche Parallelgesellschaft aufgebaut, die nicht unterschätzt werden sollte", so die Experten. In Schleswig-Holstein laufen die Geschäfte allerdings schlechter. Exakte Zahlen will oder kann der Verfassungsschutz nicht nennen, erklärt aber, dass bezogen auf alle Unternehmer deren Einnahmen immerhin "teilweise zum Lebensunterhalt der Betreiber beitragen". Besorgt sei man darüber, dass das Internet die Vertriebs- und Werbemöglichkeiten begünstige. Wachstum ist somit möglich. Von bedeutsamen Finanzströmen oder gar einer wirtschaftlichen Parallelgesellschaft könne in Schleswig-Holstein aber keine Rede sein.
Das gelte auch für die Umsätze der Musikszene. Aktuell gebe es mit "Words of Anger", "Einherjer" und "Timebomb" zwar drei Musikgruppen, die bundesweit aufträten, bedeutsame finanzielle Umsätze würden aber nur mit großen Veranstaltungen rechtsextremistischer Musik erzielt. "Diese wiederum waren in Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren so gut wie gar nicht zu verzeichnen."
Unbehagen an fremdländischem Kapital
Beim Geschäft mit Bekleidung wird immer wieder die bei Rechtsextremisten beliebte Marke "Thor Steinar" genannt. Zuletzt gab es im Norden Streit um einen "Thor Steinar"-Laden in Glinde im Kreis Stormarn - samt Räumungsklage. Tatsächlich wird die Marke mittlerweile von vielen Rechten boykottiert. Grund ist der arabische Investor Faysal al Zarooni, der im November 2008 bei Hersteller "Mediatex" eingestiegen ist. Heute stellt die "Faysal al Zarooni Group of Companies" (Dubai) den Geschäftsführer.
Neben dem Unbehagen an fremdländischem Kapital wird in einem Aufruf Konsumkritik geübt: Die Firma mache sich schuldig, jüngere Kameraden zu "geldgierigen Konsummonstern" heranzuziehen, die gezwungen würden sich "zu verschulden, um sich dem rechten Lifestyle anzupassen". Der Aufruf wird bisher vor allem von den "Autonomen Nationalisten" unterstützt, die als sehr gewaltbereit gelten. Sie kopieren lieber die Outfits linker Autonomer - und tragen einen schwarzen Outdoorlook. Sachsen und Brandenburg wollen nun "wo immer möglich der Szene den Geldhahn zugedrehen". Doch zu unterbinden sind die Geschäfte nicht ohne Weiteres. "Bei allen Unternehmen in Schleswig-Holstein handelt es sich ausschließlich um Verdachtsfälle verfassungsfeindlicher, rechtsextremistischer Bestrebungen", sagt der Verfassungsschutz.

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