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Unbehandelter Tumor : Nach Tod von Rockertochter Gina Behrens: 21 Ärzte im Visier der Staatsanwälte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mediziner sollen den Tumor der Patientin ignoriert haben – es besteht Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2017 | 19:44 Uhr

Kiel | Wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt die Staatsanwaltschaft Kiel gegen 21 Ärzte des Städtischen Krankenhauses und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel. Vergangene Woche beschlagnahmten Ermittler der Kriminalpolizei Unterlagen in beiden Kliniken. Es geht um den Tod von Gina Behrens (29). Die Bürokauffrau war am 31. Januar an Krebs gestorben. Ihr Vater Michael Behrens erstattete danach Strafanzeige. Oberstaatsanwalt Axel Bieler: „Die Prüfung der vom Vater mitgebrachten Behandlungsunterlagen ergab Anhaltspunkte, die den Anfangsverdacht einer fahrlässigen Tötung bejahen.“

Die Leukämie-Erkrankung der Kielerin hatte Schlagzeilen gemacht, weil  Michael Behrens, Chef des Rockerclubs „United Tribuns“, im August 2016 mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS eine Typisierungsaktion organisiert hatte, begleitet von der Polizei. 810 Freiwillige ließen sich registrieren.

Im September 2015 war bei Gina Behrens akute Leukämie diagnostiziert worden. „Bei der Behandlung haben die Ärzte einen zweiten Tumor in der Hüfte ignoriert, obwohl sie durch einen Radiologen frühzeitig gewarnt und um Abklärung gebeten wurden“, sagt Vater Michael Behrens (53). Die Ärzte seien wegen der Schmerzen, die ins linke Bein strahlten, von einem entzündeten Ischiasnerv ausgegangen. „Und von dieser Diagnose wurde trotz immer stärkerer Beschwerden nicht abgerückt“, so der Vorwurf des Vaters. „Das war Ginas Todesurteil.“

Dabei gab es Mitte 2016 noch Hoffnung: Bei der Typisierungsaktion wurde ein passender Spender gefunden – und nach der Stammzellentransplantation im September 2016 schien Gina Behrens auf dem Weg der Besserung.

Rocker-Einsatz: Dario U.,Mitglied der „United Tribuns“, lässt sich von Krankenpfleger Lars Seifert Blut abnehmen.
Rocker-Einsatz: Dario U.,Mitglied der „United Tribuns“, lässt sich von Krankenpfleger Lars Seifert Blut abnehmen. Foto: Rieke Beckwermert
 

Doch das Bein, der Grund, weshalb sie ursprünglich überhaupt zum Arzt gegangen war, wurde immer schlimmer. „Zuletzt konnte Gina vor Schmerzen nicht mehr schlafen, weinte und schrie“, schildert der Vater ihren Leidensweg. Kurz vor Weihnachten habe er sie verzweifelt in die Notaufnahme gefahren, wo erneut ein MRT gemacht wurde. „Da ist ein Tumor“, sollen die Ärzte dann gesagt haben. Nach Angaben des Vaters war es ein Chlorom, das akute Leukämie häufig begleite – oder dieser vorausgehe. Bei frühzeitiger Diagnose kann eine Therapie gelingen, doch für Gina Behrens kam sie zu spät.

Wer sind die United Tribuns?

Die United Tribuns kommen aus Baden-Württemberg – eine Gruppierung, die sich selbst als eine Vereinigung aus Bodybuildern, Kampfsportlern und Türstehern bezeichnet und 2004 gegründet wurde. Schlagzeilen gab es zuletzt bundesweit – auch wegen Todesopfern nach Bandenkriegen mit Schießereien wie mit den Hells Angels in Leipzig im Juni dieses Jahres. In Kiel seien die „Tribuns“ bisher als Rocker-Vereinigung nicht negativ aufgefallen, teilt Sprecher Matthias Arends von der Polizeidirektion Kiel auf Nachfrage mit. „Dass es sie gibt, wissen wir, und wir haben auch ein Auge drauf.“

 

Die Kieler Staatsanwaltschaft hat jetzt bei der Rechtsmedizin ein Gutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, ob ein Behandlungsfehler Todesursache war. Die hohe Zahl der beschuldigten Ärzte erklärt Behördensprecher Bieler damit, dass zunächst gegen „alle in die Behandlung involvierten Verantwortlichen“ ermittelt werde. „Vom Gutachten hängt es dann ab, ob ein strafrechtlicher Vorwurf erhärtet werden kann, und wenn ja, gegen wen.“

Gina Behrens im Urlaub kurz vor der Diagnose. Die Bürokauffrau starb am 31. Januar
Gina Behrens im Urlaub kurz vor der Diagnose. Die Bürokauffrau starb am 31. Januar Foto: SH:z
 

„Papa, warum haben die mir nicht geglaubt?“, sagte Gina kurz vor ihrem Tod. Das ist nun der Antrieb des Vaters: „Ich hoffe, der Fall kann helfen, anderen Patienten ein solches Schicksal zu ersparen, indem genauer hingeschaut wird.“

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