Getötete Soldatin : Mutter klagt gegen die Bundesrepublik

Saskia (19) wurde von einem Kameraden erwürgt. Foto: Knoop
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Saskia (19) wurde von einem Kameraden erwürgt. Foto: Knoop

Als "Mord an Bord" machte der Fall Schlagzeilen. Der Täter kommt im Sommer frei, für die Mutter des Opfers ist der Kampf um Gerechtigkeit noch lange nicht ausgestanden.

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14. April 2009, 11:32 Uhr

Eckernförde | Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundeswehr, dass ein Soldat eine Soldatin tötete. An Bord des Minentaucherboots "Mühlhausen", stationiert in Eckernförde, starb die Obermaatin Saskia S. (19). Sie wurde in ihrer Kabine erwürgt. Seit ihrem Tod sind fünf Jahre vergangen. Die "Mühlhausen" ist außer Dienst gestellt. "Und der Täter kommt wohl diesen Sommer vorzeitig wieder frei", sagt Astrid S. (48), die Mutter der ermordeten Soldatin. Dann ist es für ihn ausgestanden, und die Behörden schließen ihren Akten.
Doch für Astrid S. ist die Zeit stehen geblieben. Sie kann jenen Dezembertag nicht vergessen, jenen Moment mitten in der Nacht, als zwei Offiziere an ihrer Tür klingelten und ihr die schlimmste Nachricht ihres Lebens überbrachten: "Ihre Tochter ist tot." "Wir wurden erst 20 Stunden nach dem Auffinden ihrer Leiche informiert", sagt Astrid S. bitter. "Und ein Kondolenzbrief kam irgendwann nach vier Wochen." Mit der Bundeswehr hat die Mutter bis heute ihren Frieden nicht gemacht. Zu schwer wiegen in ihren Augen die Versäumnisse, zu schwer ist das Zerwürfnis im Streit um eine Entschädigung.
Dabei hatte der Weg von Saskia S. so vielversprechend begonnen. Schon als Kind wollte sie zur Marine, bewarb sich nach dem Realschulabschluss und verpflichtete sich für acht Jahre. Danach wollte sie Berufssoldatin werden. Ihre Mutter: "Ihr Kommandeur hatte ihr gesagt, dass sie eine glänzende Karriere machen könnte." Doch es gab auch Probleme. Astrid S. hat der Bundeswehr deswegen während des Prozesses in Kiel schwere Vorwürfe gemacht: Mehrfach habe die Obermaatin um einen Schlüssel für ihre Kabine gebeten, die sie sich mit einer anderen Soldatin teilte. Doch Privatphäre gab es für die Frauen an Bord der "Mühlhausen" kaum. Wenn Saskia duschen wollte, musste sie früher aufstehen.
Gericht wertete die Tat als einen Totschlag im Affekt
Für das Verbrechen verurteilte das Kieler Landgericht den Hauptgefreiten Nick W. (damals 19) zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren Haft wegen Totschlags. Er hatte mit Saskia S. und anderen Kameraden in der Nacht zum 18. Dezember in der Eckernförder Großdiskothek "K 7" gefeiert, fuhr mit ihr und einem weiteren Crew-Mitglied gegen drei Uhr im Taxi zurück an Bord. Auf dem Schiff trennten sich beiden, aber Nick W. ging davon aus, dass er die Obermaatin später in ihrer Kabine besuchen dürfe.
Als Saskia S. dann doch keinen Sex wollte, würgte Nick W. die junge Frau, bis sie leblos liegenblieb. Durch eine DNA-Analyse gelang es der Kieler Mordkommission, ihn zu überführen. Hautpartikel von ihm fanden sich unter den Fingernägeln der Obermaatin. Nick W. gestand, sprach von einem Unglück. Das Gericht wertete die Tat als einen Totschlag im Affekt, begangen im Zustand erheblich verminderter Steuerungs- und Schuldfähigkeit. Laut einem Gutachten hatte Nick W. zur Tatzeit eine "tiefgreifende Bewusstseinsstörung."
Mutter Astrid S. führte während des Prozesses ein Gespräch mit dem Täter. Ihr gehe es nicht um eine härtere Strafe, vielmehr müsse dafür Sorge getragen werden, dass die Persönlichkeit von Nick. W stabilisiert werde, sagte sie. Von der Bundeswehr ist Astrid S. bitter enttäuscht: "Bis heute lehnt sie ab, eine Entschädigung zu zahlen, denn Saskia sei nicht im Dienst gestorben." Die Mutter will jetzt Klage gegen die Bundesrepublik erheben, sagt: "Saskia war doch an Bord eines Marineschiffes und wurde von einem Soldaten getötet."

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