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Interview : „Muskelsucht“: Jede Sehne zählt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 29.Sep.2013 | 15:46 Uhr

Viele Menschen trainieren in Fitnessstudios, um gut auszusehen. Woran erkenne ich als Sportler, dass ich muskelsüchtig bin?
Oft gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der eigenen Körperwahrnehmung zur Objektivität. Ab einem gewissen Trainingsstadium findet ein Großteil der Bevölkerung Muskelberge unästhetisch. Der Muskelsüchtige empfindet seinen Körper hingegen als unterentwickelt oder „nur“ normal. Ein zweiter Anhaltspunkt ist die Einnahme leistungsfördernder Substanzen wie Amphetamine oder Steroide, aber auch zu Kokain oder anderen Drogen greifen Betroffene häufig.

Welche Folgen kann das haben?
Das ist dann das dritte Kriterium für Muskelsucht: gesundheitliche Schäden. Die treten bei Bodybuildern relativ früh auf, beispielsweise in Form von Vermännlichung bei Frauen oder dem Wachsen von Brüsten bei Männern, was dann teilweise sogar operativ entfernt wird. Durch Substanzmissbrauch können Psychosen auftreten oder auch Depressionen. Trotz dieser Schäden setzt der oder die Betroffene sein Training uneingeschränkt fort. Man spricht hier von der Magersucht des Mannes. Die Krankheitsbilder scheinen verwandt zu sein.

Frauen können auch betroffen sein?
Ja, in Deutschland gibt es eine weibliche Bodybuilder-Szene. Die muskelsüchtigen Frauen sind in der Minderheit aber es gibt sie, wie es auch magersüchtige Männer gibt.

Warum werden Männer süchtig nach Muskelmasse?
Meistens liegt es an einem geringen Selbstwertgefühl, das man zu kompensieren versucht. Manche machen das durch Tattoos oder einen Kampfhund und manche durch das Trainieren. Dabei tritt dann eine Zufriedenheit ein: Ich kann meinen Körper kontrollieren und formen. In der ersten Phase bekommen Betroffene viel Anerkennung. Nur kommt es dann zu einer Art Fehlfunktion im Gehirn. Man erkennt die Grenze nicht mehr und denkt: Mehr trainieren macht mich noch besser. Bestätigung bekommt man dann meist nur noch in der Szene. Was folgt, ist eine schnelle Isolation.

Trotzdem begeben sich nur wenige Patienten in Behandlung.
Ja, weil sie es selbst nicht als Störung wahrnehmen. Muskelsüchtige halten sich häufig in Kreisen auf, in denen eine gesunde Rückmeldung fehlt. Bei Bodybuildern rekrutiert sich oft der ganze Freundeskreis aus anderen Bodybuildern. Da bleibt die Rückmeldung aus: Jetzt wird es unästhetisch mit deinem Körper. Das ist eine relativ autarke Szene und es entsteht zunächst kein Leidensdruck. Übermäßiges Muskelwachstum scheint ja so selbstwertsteigernd zu sein, dass man selbst gesundheitliche Schäden in Kauf nimmt. Außerdem ist in der Allgemeinheit kaum bekannt, dass so etwas psychiatrisch als Diagnose gelten und behandelt werden könnte.

Gibt es eine bestimmte Altersgruppe, die gefährdet ist?
Das sind vor allem junge Männer geringeren Bildungsniveaus in der unteren Mittelschicht. Ich glaube, das hängt mit dem schwachen Selbstwertgefühl zusammen, das mit einem niedrigen Einkommen und einem schlechten oder fehlenden Schulabschluss einhergehen kann. Auch eine gestörte oder nicht vorhandene Beziehung zum Vater kommt in diesen Bevölkerungsgruppen häufiger vor. Das sind Bedingungen, die Alkoholismus und Drogensucht begünstigen.

Wo finden Betroffene Hilfe?
Zunächst bei einem Psychiater. Der erste Therapieversuch wäre dann eine ambulante Psychotherapie bei einem niedergelassenen Diplompsychologen.

Wie wird Muskelsucht therapiert?
Mit ähnlichen Strategien, wie bei der Behandlung einer Essstörung. Auch hier arbeiten wir mit Videokonfrontationen. Dabei filmen Patienten ihren Körper und lernen so die Größe und die Fülle des eigenen Körpers einzuschätzen. Über eine Kamera kann der Realitätsbezug wiederhergestellt werden. Auch Trainingsprotokolle sind eine Möglichkeit. Die Patienten kontrollieren damit wie häufig sie trainieren und auch welche Medikamente sie einnehmen. Darauf aufbauend erstellt man einen Plan, mit dem dann abtrainiert wird. Auch am geringen Selbstwertgefühl und der hohen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild kann therapeutisch gearbeitet werden, um nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursache zu berücksichtigen.

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