Bikertreff bei "Annies Kiosk" : Motoren, Maschinen - und Hotdogs

Biker-Treff am Dienstag Abend in Sønderhav an der Flensburger Förde: Dicht an dicht sind die Motorräder geparkt. Foto: Stahl
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Biker-Treff am Dienstag Abend in Sønderhav an der Flensburger Förde: Dicht an dicht sind die Motorräder geparkt. Foto: Stahl

Abgase und Ölgeruch mischen sich mit dem Duft dänischer Würstchen: Sønderhav an der Flensburger Förde ist jeden Dienstag Treffpunkt für Motorradfahrer aus der ganzen Region.

shz.de von
28. Juli 2011, 07:05 Uhr

Sønderhav | Dienstag Abend, 18 Uhr. Durch die 200-Seelen-Gemeinde Sønderhav an der Flensburger Förde weht der Duft von verbranntem Benzin. Motoren jaulen auf, Auspuffrohre knattern, Motoren grollen in dumpfem Crescendo. Für Detlev Jensen könnte es kein schöneres Konzert geben. Der 69-Jährige kommt jede Woche zum Treffen der Motorradfahrer an Annies berühmten Hot-Dog-Kiosk bei den Ochseninseln.
Mehrere hundert Maschinen lassen die blanken Chromteile in den Abendhimmel blitzen, doch auf Jensens Nimbus, Baujahr 43, klebt der Straßenstaub. "Die läuft immer", sagt er, "seit 20 Jahren. Man muss nie dran schrauben, ja, ich putze sie nicht einmal." Beiläufig lässt er die Hand über den Sitz gleiten. Detlev Jensen fährt die älteste Maschine am Platz. 4 Zylinder, 750 Kubik, offen liegende Ventile. Die betagte Dame schafft kaum mehr als Tempo 100 - und trotzdem: Seit 20 Jahren kann sich ihr Besitzer kein schöneres Gefährt vorstellen. Zwei historische Harleys (Baujahr 46 und 50) und eine 14 Jahre alte BMW bleiben meist in Jensens Garage stehen. "In Dänemark kam früher sogar die Post auf einer Nimbus", sagt der 69-Jährige. Offenbar ein Qualitätsmerkmal.
"Das beste Hot Dog der Welt"
Detlev Jensen lässt seinen Blick über die Förde schweifen; Abgasfahnen, Ölgeruch mischt sich mit dem Duft dänischer Würstchen. Einige Meter weiter lässt Hauke Söth seine Pølser knacken. Er ist extra aus Heide angereist, um bei Annie "das beste Hot Dog der Welt" zu essen. Eine zweite Wurst im Brötchen bringt er seiner Enkelin mit, die Leckerei wird der Achtjährigen aufs Söths BMW R 1200 GS entgegenreisen. Erst immer am Fjord entlang, später kurvig durch Norddeutschlands Natur. "Aber vorher gibts natürlich noch nen Kaffee", murmelt Söth, während er den letzten Bissen kaut.
Jette Kristiansen, alias "Mai-Ling", bahnt sich ihren Weg durch die Fahrer. Die Rotblonde plauscht auf deutsch und dänisch oder wirft einer Lederkutte einen frechen Spruch hinterher. Im Sommer brettert "Mai-Ling" oft täglich auf ihrer Honda Shadow VT 600 von Kliplev nach Sønderhav.
Anwohner in Sønderhav fühlen sich vom Lärm der Motorräder gestört
Sie verhandelt auch stellvertretend für die gesamte Biker-Schar mit Polizei und Kommune. In letzter Zeit gab es Ärger, deshalb sind Vertreter der Behörden aus Apenrade angereist, um sich ein Bild zu machen. "An einem Dienstag Ende Juni waren knapp 1000 Biker hier", gibt Bent Johnsen, Abteilungschef Technik und Umwelt, zu Protokoll, "die meisten Motorradfahrer parken auf den Radwegen, weil der Sandplatz einfach nicht ausreicht." Offenbar nur ein Teil des Problems: Anwohner in Sønderhav fühlen sich vom Lärm der Motorräder gestört. "Außerdem wird von akrobatischen Fahrten auf dem Hinterrad berichtet", ergänzt Bjarne Davidsen, Einsatzleiter der Polizei Apenrade, "es gab deshalb schon Unfälle".
Wieder blockieren Motorräder dicht an dicht den Seitenstreifen der Fahrbahn. Vorerst will die Polizei aber keine Strafzettel verteilen. "Wir befragen die Leute hier und versuchen, eine gute Lösung für alle zu finden", schildert Davidsen die dänische Polizeiarbeit. In deutsch-dänischem Kauderwelsch fachsimpeln die Motorradfans indes ungerührt weiter. Lennart Ohlsen fällt auf mit seinem "Firefox". Dekor-Flammen lodern über den schwarzen Lack, alles, was sich irgendwie verchromen lässt, blinkt in der sinkenden Sonne.
Hanne ist auf einer dreirädrigen Maschine unterwegs
"Ich habe mir jedes einzelne Teil selbst ausgesucht und in der berühmten Werkstatt Custombike im süddeutschen Grünsfeld zusammenbauen lassen", erzählt der Motorrad-Narr. Kostenpunkt: 33.000 Euro; Technische Eckdaten: 1800 Kubik - und 83 PS. Seine Frau Hanne Jensen meint: "Beim Start qualmt es jedenfalls ordentlich, das schindet Eindruck." Hanne ist auf einer dreirädrigen Maschine unterwegs, die sie auf den Namen "Lady" getauft hat. "So hieß früher mein Pferd", erzählt die in Harrislee wohnende Dänin. Vor sieben Jahren hat Hanne von einem auf ganze 53 PS umgesattelt.
Gut 50 Meter entfernt parkt das Kontrastprogramm zum Lady-Trike: Die kleinste Maschine auf Annies Parkplatz bringt gut 51 PS weniger ins Spiel. Gleichwohl ist auch Peter Hansens "NSU quickly" aus dem Jahr 1953 inzwischen eine Rarität. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders galt die NSU als das meistverkaufte Moped weltweit, damals beworben mit dem Slogan: "Nicht mehr laufen, Quickly kaufen!" Allerdings ist das zarttürkisfarbene Vehikel mit einer Höchstgeschwindigkeit von rund 70 Stundenkilometern heute kaum mehr als besonders flott zu bezeichnen. Dafür verbraucht es gerade einmal 1,5 Liter auf 100 Kilometer. In den Tank kommt ein hausgebrautes 2-Takt-Gemisch: 1:25 Benzin mit Öl. "Es gehen bloß drei Liter rein", sagt Peter Hansen, "aber wenn der Motor einmal ausgeht, kann man die Quickly auch einfach als Fahrrad benutzen". Tatsächlich: An den Seiten sind Pedalen montiert. Für den Heimweg hat Hansen aber noch genug Sprit im Tank.
Gegen 21 Uhr ist schließlich auch der letzte Motorradfahrer an Annies Kiosk satt und im Kafferausch wieder auf seine Maschine gestiegen. Die Anwohner dürfen aufatmen, denn das Grollen der Motoren verhallt über der Förde, bald herrscht wieder Stille. Bis zum nächsten Dienstag, 18 Uhr.
(nia, shz)

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