Zwangsheirat : Mit der Hochzeit beginnt die Qual

Eine Zwangsheirat stürzt junge Frauen oft in tiefe Verzweiflung. Foto: sh:z
Eine Zwangsheirat stürzt junge Frauen oft in tiefe Verzweiflung. Foto: sh:z

Mit 16 Jahren wurde Nurhan Kara mit einem Mann verheiratet, den sie hasste. Ihre Geschichte klingt wie aus 1001 Nacht, ist aber für viele Migrantinnen in Deutschland harte Realität.

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08. März 2010, 12:14 Uhr

Flensburg | Ihren Hochzeitstag würde Nurhan Kara* am liebsten aus ihrem Leben streichen. Knapp 18 Jahre liegt er nun zurück. Doch die 33-Jährige erinnert sich an den 14. April 1992, als wäre er erst gestern gewesen. Elf Jahre dauerten Karas Seelenqualen, die mit diesem Tag ihren Anfang nahmen. 1991 war Nurhan Kara aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie war 14 Jahre alt, lebte bei ihrem Bruder und besuchte die siebte Klasse einer Hauptschule. Als sie 15 Jahre alt war, verlobte ihr Bruder sie mit einem Cousin. Sie kannte den ein Jahr älteren Jungen von Familienfesten. Er war ihr gänzlich unsympathisch. "Ich habe ihn gehasst. Schon immer. Nicht einmal seinen Geruch konnte ich ertragen", sagt Nurhan Kara heute.
Gegen die geplante Eheschließung wehrte das Mädchen sich mit Händen und Füßen. Sie weinte, haute für eine Nacht von Zuhause ab. Als sie zurück kam und die Hochzeit weiterhin ablehnte, kassierte sie von ihrem Bruder Schläge. "Er sagte nur, ich soll meine Klappe halten." Der Hochzeitstag kam für Nurhan Kara überraschend. Als sie vom Einkaufen nach Hause kam, saßen dort ihre zukünftigen Schwiegereltern und empfingen sie mit den Worten: "Wir nehmen dich jetzt mit." Nurhan Kara ergab sich in ihr Schicksal. Am selben Abend kam ein Geistlicher und verheiratete das Paar. Die Ehe war damit zwar noch nicht rechtskräftig, aber sozial verbindlich.
"Ich verstehe nicht, warum ich das zugelassen habe"
Wenn Nurhan Kara an ihre Hochzeitsnacht denkt, füllen ihre dunklen Augen sich mit Tränen. "Für mich war das wie eine Vergewaltigung. Mit Spaß hatte das nichts zu tun." All die Jahre war Sex für sie eine eheliche Pflicht, an die sie sich gewöhnte, die ihr aber keine Freude machte. "Ich war froh, wenn ich meine Periode hatte", sagt sie.
Warum zwang ihr Bruder sie zu dieser Ehe? "Ziel war es, die eigene Familie durch Heirat größer zu machen, unter sich zu bleiben", erklärt Nurhan Kara und schüttelt den Kopf. "Ich verstehe nicht, warum ich das zugelassen habe." Ihre Gedanken schweifen zurück zu ihrem 18. Geburtstag, der unwillkürlich die standesamtliche Trauung nach sich zog. Nun war ihre Ehe rechtskräftig. Nurhan Kara wurde schwanger, brachte erst einen Sohn, drei Jahre später eine Tochter zur Welt. Als ihre Kinder in den Kindergarten kamen, fing sie an zu arbeiten. Zuerst in einer Fabrik, dann in einer Bäckerei. "Ich wurde selbstbewusster und habe nicht mehr zu allem ,ja gesagt. Das konnte er nicht akzeptieren." Immer wieder kam es zum Streit - und zu Gewalt. "Er schlug mich ins Gesicht, zog an meinen Haaren. Einmal stand er mit einem Messer vor uns. Es war furchtbar." Elf Jahre lang war Nurhan Kara in dieser Ehe gefangen. Eines Tages hielt sie es nicht mehr aus. Nachdem ihr Mann zur Arbeit gegangen war, schnappte sie sich ihre Kinder und fuhr zum Bahnhof. Über Umwege kam sie in ein schleswig-holsteinisches Frauenhaus. "Ich wollte irgendwohin, wo mich keiner kennt. So konnte ich ein neues Leben anfangen."
Über den Gesetzentwurf soll der Bundestag entscheiden
Wie viele Frauen Nurhan Karas Schicksal in Schleswig-Holstein teilen, ist ungeklärt. Nach Angaben der Landesregierung dokumentieren nicht alle Frauenhäuser solche Fälle. Schleswig-Holstein stimmte kürzlich aber im Bundesrat für ein Gesetz, in dem Zwangsheirat als Straftatbestand geahndet wird. Die Tat soll mit einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft werden können. Bislang ist Zwangsheirat nur als "besonders schwere Nötigung" strafbar. Über den Gesetzentwurf soll demnächst der Bundestag entscheiden.
Die Organisation "Terre des femmes" begrüßt diese Initiative. "Zwangsheirat ist ein Phänomen streng patriarchalischer Gesellschaften. Sie wird in der Türkei, in Pakistan, Jordanien, Indien und in afrikanischen Ländern praktiziert. Auch vor Migrantinnen in Deutschland macht sie nicht halt. Dabei stellt sie eine massive Menschenrechtsverletzung dar, unter der in Deutschland mehrere hundert Frauen leiden", sagt Myria Böhmecke von "Terre des femmes". Die Dunkelziffer sei hoch, da die Mädchen vor der Verheiratung massiv eingeschüchtert würden oder sich erst meldeten, wenn es fast schon zu spät sei.
"Die ersten beiden Jahre waren hart, aber heute bin ich stolz auf mich"
Petra Tappe, Koordinatorin des KIK-Netzwerks (Kooperations- und Interventionskonzept bei häuslicher Gewalt), kann das bestätigen. "Für die Frauen, die zwangsverheiratet werden sollen oder es schon sind, gehört großer Mut dazu, sich an ein Frauenhaus zu wenden. Aus ihrer Sicht verraten sie ihre Familie." Die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern können den Frauen aber helfen. Sie unterstützen sie bei Behördengängen, stellen ihnen vorübergehend Wohnraum zur Verfügung. Doch selbst mit dieser Hilfe schaffen längst nicht alle Migrantinnen den Schritt in ein neues Leben. "Viele sind gerade mal 18 Jahre alt und der psychische Druck ist groß. Sie können sich nicht vorstellen, ohne ihre Familie zu leben und gehen wieder zurück", sagt Tappe. Nurhan Kara ist eine der wenigen, die es geschafft hat. Da sie aber die Familienehre beschmutzt hat, muss sie Racheakte von Verwandten fürchten. "Einer meiner Cousins hat gedroht, mich umzubringen", sagt sie. Inzwischen ist sie geschieden, hat zu ihrem Ex-Mann keinen Kontakt mehr. Mit ihrer Tochter hat sie sich ein selbstbestimmtes Leben aufgebaut, arbeitet halbtags in einer Modeboutique, trifft sich mit neuen Freunden. "Die ersten beiden Jahre waren hart, aber heute bin ich stolz auf mich."
Trotzdem holt die Vergangenheit Nurhan Kara immer wieder ein. Ihr Sohn (14) hat sich für ein Leben bei seinem Vater entschieden, ihn sieht sie nur selten. Ein Treffen mit ihm zu organisieren, ist schwierig. Und wenn es klappt, zerreißt es ihr fast das Herz. "Ich sehe, dass er unglücklich ist. Aber er hat Angst, sich diesen starken Familienbanden zu widersetzen. Das tut mir so weh." Wieder fließen Tränen Nurhan Karas Wangen hinunter. Ihre Zwangsehe hat auf ihrer Seele Narben hinterlassen. Das stellt die türkische Migrantin auch im Umgang mit Männern fest. Sie hat große Probleme, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Die Hoffnung auf ihren Traummann gibt sie aber nicht auf. "Ich möchte endlich das erleben, worüber alle reden: die große Liebe."
*Name geändert

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