Wo Rassismus kein Einzelfall ist

Kämpft gegen Diskriminierung: Die Beauftragte Samiah El Samadoni.
Kämpft gegen Diskriminierung: Die Beauftragte Samiah El Samadoni.

„Neger bezahlen eben mehr“ – Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Landes muss eine erschreckende Bilanz vorlegen

shz.de von
07. Mai 2015, 11:39 Uhr

Der Fall, den Samiah El Samadoni für den Landtag dokumentiert hat, macht fassungslos. Da will ein 13-jähriges dunkelhäutiges Mädchen im Bus ein Schülerticket kaufen. Der Fahrer schiebt das – teurere – Billet für Erwachsene herüber. Von dem Kind auf das vermeintliche Versehen aufmerksam gemacht, erwidert der Fahrer rüde: „Neger müssen eben mehr zahlen“...

Alltagsrassismus – passiert in Schleswig-Holstein. Ein Einzelfall? Keineswegs. So wurde einem deutschen Staatsbürger irakischer Herkunft zweimal der Zutritt zu einer Großraumdisko verwehrt – wegen dessen ausländischen Aussehens.

El Samadoni leitet die Antidiskriminierungsstelle des Landes. Seit gut zwei Jahren gibt es die mit nur einer Referentenstelle bescheiden ausgestattete Einrichtung unter dem Dach der Bürgerbeauftragten für soziale Angelegenheiten. Gestern legte El Samadoni ihre erste Bilanz vor. 139 Menschen haben sich seit 2013 an die Antidiskriminierungsstelle gewandt – weil sie sich wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder einer Behinderung benachteiligt gefühlt haben.

Wie die junge Frau, der der Arbeitgeber nach Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft kurzerhand die Fortbildung strich. Die Frau wandte sich an die Gleichstellungsbeauftragte – mit der Folge, dass das Unternehmen ihr mit einer Abmahnung und nachfolgender Kündigung drohte. Begründung: Durch ihr Verhalten sei „der Betriebsfrieden gestört“ worden. Die Antidiskriminierungsstelle intervenierte, der Arbeitgeber ruderte daraufhin zurück. Man fand eine für beide Seiten annehmbare Lösung.

Die Dunkelziffer der Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz oder im Alltag, da ist El Samadoni sicher, dürfte weit höher liegen, als in den selbst zusammengetragenen Zahlen bisher erkennbar wird. Vielen Bürgern seien nämlich die eigenen Rechte nicht bekannt.


Der lange Weg zu einer Entschuldigung


Normiert sind die im AGG, dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Das Regelwerk soll „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, des Alters, der sexuellen Identität oder einer Behinderung verhindern und beseitigen“.

Behinderung? Auch da gibt es Diskriminierungen. So berichtete eine Petentin der Antidiskriminierungsstelle, was ihrer schwerbehinderten Tochter und deren ebenfalls schwerbehinderten Freundinnen passiert war. Kaum war die Gruppe mit ihren Rollstühlen im Bus untergekommen, komplimentierte die Busfahrerin die Mädchen wieder vor die Tür, um somit mehr Nicht-Rollstuhlfahrer befördern zu können. Immerhin: Es gibt eine Entschuldigung und die Zusage des Busunternehmens, sein Personal besser zu „sensibilisieren“.

Im Fall der 13-Jährigen, die sich als „Neger“ beschimpfen lassen musste, wurde El Samadoni aktiv, nachdem das Busunternehmen zunächst lediglich bereit war, die Differenz zwischen Erwachsenen- und Schülerkarte zurückzuerstatten – „gegen Vorlage des Originalfahrscheins“. 90 Cent wären das gewesen.

Dabei wollte die Petentin nicht einmal Schadensersatzansprüche durchsetzen, was laut El Samadoni nach dem AGG sogar möglich gewesen wäre. Eine Entschuldigung hätte gereicht.

Das Ende der Geschichte: Eine Serie von Gesprächen mit dem Geschäftsführer des Unternehmens, in denen anfangs noch bestritten worden sei, dass der Begriff „Neger“ überhaupt gefallen sei. Dann die Mitteilung, dem Busfahrer sei fristlos gekündigt worden. Auch die Entschuldigung gab’s noch – Kinogutscheine und eine Spende von 200 Euro für eine von dem Mädchen zu benennende Einrichtung inklusive.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen