Weltkriegsmunition im Meer : Wissenschaftler warnt vor Gift in Fischen

Torpedo-Bergung in der Ostsee: Tausende Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch im Wasser.
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Torpedo-Bergung in der Ostsee: Tausende Tonnen Munition aus dem Zweiten Weltkrieg liegen noch im Wasser.

Fisch ist gesund? Senfgas-Dorsch oder Arsen-Schollen aus Nord- und Ostsee können Menschen gefährlich werden.

shz.de von
12. Januar 2015, 12:44 Uhr

Kiel | Das Thema ist noch lange nicht vom Tisch: Das Giftgas aus nach dem Zweiten Weltkrieg im Meer versenkten Kampfstoffen gefährdet nicht nur Tiere und Pflanzen in Nord- und Ostsee, sondern kann über Fische für auch Menschen gefährlich werden. Davor warnt der Umweltbiologe Stefan Nehring, der sich seit Jahren mit Munitions-Altlasten in den Meeren beschäftigt, in einem Artikel in der Fachzeitschrift Waterkant.

In Zeitungsartikeln, aber auch in wissenschaftlichen Fachartikeln, hat er eine Vielzahl von Fällen aus den 1940er und 1950er Jahren gefunden, bei denen Hunderte Verbraucher in Dänemark, Deutschland und Polen nach dem Verzehr von Dorsch aus dem besonders belasteten Gebiet vor Bornholm schwere Vergiftungserscheinungen zeigten. Auch die Helsinki-Kommission (Helcom), die für die Anrainerstaaten die Belastung der Ostsee mit Chemiewaffen untersucht, weist in ihrem aktuellen Bericht auf die Möglichkeit von Senfgas-Vergiftungen hin.

Die untersuchten Vergiftungsfälle liegen schon lange zurück – „das Risiko, heute mit Kampfstoffen belasteten Fisch auf den Teller zu bekommen, ist sicherlich gering, aber nicht Null“, schreibt Nehring. Seit 1950 verbietet eine Bundesverordnung das Anlanden von kontaminiertem Fisch, etwa wenn den Fischern neben dem Fang Munition ins Netz geht oder sie selbst Anzeichen zeigen: Senfgas greift innerhalb von Sekunden die Haut an. Nicht sofort erkennbar ist dagegen die Belastung mit dem krebserregenden Arsen. In dem im vergangenen Jahr abgeschlossenen Projekt „Chemsea“ haben Wissenschaftler Fische in der Nähe der Giftgas-Lagerstätten bei Bornholm untersucht – sie hatten ein geschwächtes Immunsystem und waren magerer und weniger fit als Fische aus anderen Regionen. Die Ergebnisse der Untersuchungen speziell auf Kampfstoffe stehen noch aus. Dennoch raten die Wissenschaftler Verbrauchern davon ab, Fische aus dem Gebiet zu essen.

Die Gefahr durch Senfgas-Dorsch oder Arsen-Schollen nimmt zu, warnt Nehring: Die etwa vor Helgoland sowie in und vor der Flensburger Förde versenkte Munition rostet seit Jahren vor sich hin. In den tickenden Zeitbomben lagern Millionen Tonnen Kampfstoffe auf dem Meeresgrund. „Zur Mitte des Jahrhunderts werden die Hüllen durchgerostet sein, die giftigen Stoffe werden freigesetzt“, so Nehring. Noch sei es also möglich, die Altlasten zu bergen. Aber: „Die Zeit drängt. Je stärker die Metallhülle wegrostet, umso schwieriger wird das Finden und Bergen der giftigen Inhaltsstoffe.“

Dass die Staaten wirklich interessiert sind, die Munition zu bergen, bezweifelt Nehring jedoch. „Derzeit ist nicht erkennbar, dass eine großräumige Gefährdung der marinen Umwelt über den lokalen Bereich der munitionsbelasteten Flächen hinaus vorhanden oder zukünftig zu erwarten ist“, lautet das Fazit einer Bund-Länder-Kommission. Austretende Stoffe würden sich schon verdünnen, so die vorherrschende Meinung – eine Meinung, die Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich im Deutschlandfunk als „bescheuert“ bezeichnete. In Schleswig-Holstein befreit der Kampfmittelräumdienst zumindest die Fahrrinnen von Munitionsresten. Eine grundsätzliche Lösung des Problems durch die Ostsee-Staaten ist nicht in Sicht.

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