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Pflege in SH : „Wir wollen keine Insel sein“

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Träger und Einrichtungen suchen nach Lösungen, um älteren Menschen mit Behinderung ein Leben inmitten der Gesellschaft zu ermöglichen.

Kiel | Es war eines der vielen grausamen Verbrechen – während der Zeit des Nationalsozialismus wurden auf deutschem Boden Zehntausende Menschen mit geistigen Behinderungen ermordet. Erst seit dem Ende des Weltkriegs 1945 konnten neue Generationen aufwachsen. Diese Menschen kommen nun vermehrt ins Seniorenalter.

„Die Welle kommt immer näher“, sagt Max Detlef Schröder, Fachgebietsleiter für Eingliederungshilfe im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Schröder hat im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe zum Thema Senioren mit Behinderungen eingerichtet. Man wolle in einem Kreis von Experten aus Politik, Verwaltung und Einrichtungen sowie im Dialog mit Betroffenen Meinungen einholen. „Es geht hier um die Teilhabe älterer behinderter Menschen  in der Gemeinschaft, die Frage ist doch: Wie wollen wir damit umgehen?“, fragt Schröder. Wenn bei jenen Senioren mit Behinderungen die Arbeit in der Werkstatt wegfalle, müsse man ihnen eine neue Tagesstruktur geben. „Es gibt eine Gruppe von Leuten, die braucht eine pädagogische Betreuung und einen Halt, zu Hause oder in den Wohnstätten.“ Über Fragen zur Finanzierung zusätzlicher pädagogischer Kräfte macht sich der Arbeitskreis keine Gedanken. Soweit sei man noch nicht.

Ein Teilnehmer in der Arbeitsgruppe ist Volker Zimmermann, Leiter des Erlenhofs in Aukrug (Kreis Rendsburg-Eckernförde). 122 Menschen wohnen auf dem Gelände, 270 Beschäftigte arbeiten in den Werkstätten der vom Landesverein für innere Mission Schleswig-Holstein betrieben Einrichtung.  „Bei uns befinden sich zwölf Menschen im Ruhestand“, so Zimmermann. „Und die wollen natürlich in ihrem Zuhause bleiben.“

2007 hat der Erlenhof eine eigene Pflegeeinrichtung aufgemacht, Hintergrund waren eigene Erfahrungen mit konventionellen Pflegeeinrichtungen: „Wir hatten Menschen, die ins Altenheim gekommen sind. Aber die wollten unbedingt wieder zurück, und unsere Leute hier haben sie auch ständig dort besucht“, so Zimmermann. 40 Plätze hat der eigens eingerichtete Wohnkomplex, der als Pflegeeinrichtung anerkannt ist. „Wir haben hier eine Lücke geschlossen“, sagt Zimmermann, „denn diese Menschen hätten sonst kein Zuhause mehr.“ Es gelte nicht einfach nur den Alltag zu bewältigen. „Die Frage ist doch, was ein Mensch braucht, um  ein schönes Leben zu haben?“ Wichtiger Teil des Konzepts: Im neu geschaffenen Wohnkomplex leben neben 30 Menschen mit Behinderungen auch zehn Senioren aus dem Ort. „Das ist ein tolles Modell, das Miteinander in der Einrichtung funktioniert hervorragend“, so Zimmermann.

Menschen mit Behinderungen hätten zumeist keine Kinder, doch durch die nicht behinderten Bewohner kämen sehr viele Angehörige aller Altersgruppen ins Haus. Die kümmerten sich dann auch um die Bewohner mit Behinderungen – und umgekehrt. „Wir essen zusammen, feiern zusammen, verbringen Freizeit zusammen, gestalten das Leben zusammen. Wir wollen keine Insel sein.“ Zimmermann spricht von einem großen Andrang – so groß, dass viele Anfragen nicht erfüllt werden können. Eine zweite Einrichtung des Landesvereins für innere Mission ist der Eiderhof in Flintbek bei Kiel. Hier arbeiten 290 Beschäftigte, 117 Menschen wohnen vor Ort, 40 Menschen sind im Seniorenalter. Auch hier sieht man sich auf dem Weg zu einer anerkannten Pflegeeinrichtung. „Das ambulant betreute Wohnen wird dabei allgemein klar favorisiert“, sagt Zimmermann. „140 Menschen jeder Altersgruppe wohnen in ihrem eigenen Zuhause im Mietverhältnis und werden ambulant betreut.“

Auch die Stiftung Drachensee in Kiel engagiert sich für ältere Menschen mit Behinderungen: In deren Werkstätten arbeiten rund 650 Menschen mit Behinderungen, es gibt 203 Wohnplätze in elf Häusern in der Region Kiel.  Die anderen Mitarbeiter wohnen entweder zu Hause oder in Einrichtungen anderer Träger. „1997 waren fünf Prozent der Werkstattmitarbeiter über 60 Jahre alt – heute sind es mit 60 Mitarbeitern schon knapp zehn Prozent.“ sagt Iris Guhl, Sprecherin der Stiftung. Diese Menschen aus ihrem Zuhause rauszureißen und in Pflegeeinrichtungen umzusiedeln, sei keine Lösung. „Wir haben ein spezielles Wohnangebot für ältere Menschen mit Behinderungen mit einer besonderen Tagesbetreuung. Wir wussten ja, das kommt irgendwann.“  Seit 2003 gibt es eine Tagesbetreuung für Senioren mit 15 Plätzen.  „Sie leben weiterhin in ihrem Haus, wir bieten die Betreuung an, wo sie wohnen.“ 2011 wurde ein Gebäude mit 30 Wohnplätzen altersgerecht umgebaut.

Volker Zimmermann spricht von einer sozialen Verantwortung für die Zeit des Nationalsozialismus, die gesellschaftlich getragen werden müsse. Der Personalbedarf des Erlenhofs und des Eiderhofs werde mit dem Kreis geregelt, das funktioniere auch. Doch Zimmermann beklagt die knappen Personalschlüssel: „Die Träger erbringen Leistungen, aber gehen in die Miesen. Pflegeeinrichtungen haben Probleme, aus den roten Zahlen herauszukommen.“ Das Ehrenamt allein könne fachliche Pflege nicht ausgleichen. „Zudem müssen die pädagogischen Anteile mehr Raum bekommen. Die Politik muss sich überlegen, welchen Bedarf es gibt und welche Strukturen es aufzubauen gilt.“

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erstellt am 04.Feb.2014 | 14:13 Uhr

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