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„Wir sind überall dort, wo wir gebraucht werden“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Torsten Geerdts, Vorstandssprecher des Deutschen Roten Kreuzes in Schleswig-Holstein, über Einsätze und Herausforderungen der Hilfsorganisation heute

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 13:03 Uhr

Herr Geerdts, fast alle Institutionen klagen über einen Mitgliederschwund – egal ob Parteien, Kirchen, Vereine oder Verbände. Wie sieht es beim Roten Kreuz in Schleswig-Holstein aus?
Auch wir verlieren Mitglieder – vor allem altersbedingt. Wir stehen vor einem Generationenwechsel und müssen das Kunststück fertigbringen, jüngere Menschen für unsere Arbeit zu gewinnen. Aber ich bin zuversichtlich. Gerade das Jugend-Rot-Kreuz könnte ein Zukunftsmodell sein.

Fehlt es nicht gerade dort an ehrenamtlichen Kräften?
Genau dort nicht, weil das Jugendrotkreuz eine anderem Ehrenamt-Kultur hat. Ehrenamtliche Einsätze beziehen sich hier weniger auf ein Amt, sondern sind meistens Projekt-bezogen – beispielsweise bei den Landeswettbewerben Erste Hilfe. Das heißt, der Einsatz ist zeitlich begrenzt, so dass jeder nach einer bestimmten Zeit auch wieder andere Prioritäten setzen kann. Diese Form des ehrenamtlichen Einsatzes passt offenbar zum modernen Leben.

Bei welchen Projekten ist die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Einsatz besonders hoch?
Wenn aktuelle Bilder von Katastrophen uns erreichen, melden sich viele, um zu helfen. Das war zuletzt beim Elb-Hochwasser so. Es war enorm, was unsere Bereitschaften dort leisteten. Sie wurden von vielen ehrenamtlichen Kräften unterstützt. Aber denken Sie auch an den großen Bereich des Blutspendens. Tag aus, Tag ein organisieren Ehrenamtliche in den Rot-Kreuz-Vereinen Blutspendetermine. 75 Prozent aller Blutspenden in Schleswig-Holstein stammen aus diesen Aktivitäten, die letztlich anderen das Leben retten können.

Vom Blutspenden zur allgemeinen Spendenbereitschaft der Schleswig-Holsteiner: Steigt sie, oder sinkt sie?
Die Konkurrenz wird größer. Umso wichtiger ist es, dass wir Spenderinnen und Spendern das sichere Gefühl geben, dass ihre Spenden auch wirklich bei den jeweiligen Hilfsprojekten ankommen.
Können Sie das? Und wie viel Prozent einer Spende geht für Verwaltungsarbeit weg?
Wir können das garantieren, weil wir überall dort, wo wir gebraucht werden, auch selbst präsent sind. Beim Deutschen Roten Kreuz geben wir zehn Prozent jeder Spende für Vorhaltekosten aus. Das sagen wir auch allen Spenderinnen und Spendern. Mit diesem Geld halten wir einen Hilfsapparat vor, der es uns ermöglicht, in Katastrophenfällen oder bei Einsätzen wie im Syrien-Krieg schnell Hilfe leisten zu können.

Ist der Landesverband technisch ausreichend für solche Einsätze ausgestattet?
Wir sind technisch sehr gut ausgerüstet und haben ein eigenes Logistikzentrum in Schwentinental. Von dort können wir punktgenau das benötigte Material bereitstellen und in unsere Kreisverbände sowie direkt an die Einsatzorte geben. Zusätzlich sind wir in der Lage, den konkreten Bedarf an Helferinnen und Helfern zu ermitteln. Außerdem bauen wir derzeit ein zentrales Management-System auf, damit wir optimal auf jede Einsatz-Herausforderung reagieren können.

Davon haben die beiden Delegierten, die am 18. April 1864 in der Schlacht auf den Düppeler Schanzen erstmals in der Geschichte des Roten Kreuzes im Einsatz waren, nur träumen können. Wo steht das Rote Kreuz heute – 150 Jahre später?
Das Rote Kreuz wird heute überall anerkannt als der große Verband, der in Krisensituationen in der Lage ist, weltweit zu helfen. Das Deutsche Rote Kreuz hat alleine dreieinhalb Millionen Mitglieder, in Schleswig-Holstein sind es 92 000. Auf allen Kontinenten sind es etwa 100 Millionen Menschen, die sich für das Rote Kreuz und den Roten Halbmond als Schwesterorganisation engagieren. Damit kommt zu der großen Idee der Humanität die internationale Vernetzung. Kein anderer Verband kann diese weltumspannende Hilfe so leisten.

Das Rote Kreuz ist nicht nur die größte humanitäre Organisation weltweit, das Rote Kreuz ist auch – jedenfalls in Deutschland – ein Wirtschaftsunternehmen. Auch Ihr Landesverband betreibt zahlreiche Sozialeinrichtungen wie Seniorenheime. Wie funktioniert dieser Spagat?
Beide Aufgabengebiete müssen zusammen gedacht werden und dürfen auch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auseinanderfallen. Die Herausforderungen gehören zusammen. Der Landesverband unterhält zum Beispiel ein Schul- und Therapiezentrum für mehrfachbehinderte Jugendliche in Schwentinental. Wir haben mehrere Krankenhäuser im Land und zahlreiche Alten- und Pflegeheime. Natürlich müssen diese Einrichtungen wirtschaftlich geführt werden. Aber gleichzeitig müssen wir unsere Rot-Kreuz-Grundsätze überall leben und praktizieren.

Geht das, da der Wettbewerb im Pflege- und Gesundheitssektor immer schärfer wird?
Natürlich können wir uns nicht von den Marktgeschehnissen abkoppeln und müssen uns dem Wettbewerb und den Vorgaben stellen, die für alle gelten. Aber zusätzlich zu der rein wirtschaftlichen Führung der Einrichtungen können wir immer noch einen Gutteil ehrenamtlichen Engagements einbringen. Hauptamtliche und ehrenamtlich Tätige ergänzen sich bei uns – das ist unsere Stärke.

Bekommen Sie noch genügend hauptberufliche Mitarbeiter – gerade im Pflegebereich?
Wir bekommen Sie nur, wenn wir sie gut bezahlen. Dabei merken wir vor allem bei Fachkräfte-Stellen, dass sich Schleswig-Holstein geografisch eher in einer Randlage befindet und die Stellen deshalb schwerer zu besetzen sind. Generell steuern wir auf ein großes Personalproblem zu: Im gesamten Pflegebereich droht ein eklatanter Personalmangel.

Wird ein gesetzlich vorgeschriebener Mindestlohn das Problem noch verstärken?
Alle Landesverbände der Wohlfahrtsorganisationen erfüllen bereits die Vorgaben. Ich halte das auch für richtig. Wir bekommen nicht genügend Menschen in soziale Berufe, wenn wir ihnen nicht über die Entlohnung eine vernünftige Lebensperspektive bieten. Im Wettbewerb mit privaten Einrichtungen ist es nicht immer leicht, diese Bedingungen zu erfüllen. Aber wir stehen dazu.

Wie reagieren Sie auf die Alterung der Gesellschaft und ihren Folgen zum Beispiel im Pflegebereich?
Der Bereich der Pflege wird wachsen, und wir werden uns weiter spezialisieren müssen. Das betrifft vor allem auch die Pflege von Demenzkranken. Und wir werden uns auf die ambulante Hilfe und Pflege von Menschen konzentrieren müssen, die lange in ihren eigenen Wohnungen bleiben wollen und für die wir erst am Lebensende eine kurzzeitige stationäre Pflege organisieren müssen. Eine besondere Herausforderung ist hier vor allem der ländliche Raum. Hier haben wir heute schon riesige Probleme.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches Amt ist schöner – das Amt des Landtagspräsidenten, das Sie vorher innehatten, oder das Amt des Sprechers des Vorstandes des Roten Kreuzes in Schleswig-Holstein?
Das jetzige Amt ist klasse, und das Präsidentenamt war großartig.





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