zur Navigation springen

Seenotkreuzer „Vormann Leiss“ : Wie eine Männer-WG Leben auf See rettet

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Wir sind mehr als eine Besatzung, wir sind ein Team“: Die Crew-Mitglieder des Seenotkreuzers „Vormann Leiss“ sind von ihrem Beruf begeistert – und berichten von ihrem Alltag auf dem Wasser.

shz.de von
erstellt am 04.01.2014 | 13:45 Uhr

Amrum | Ein grauer, ruhiger Tag im Segelhafen von Wittdün auf der Insel  Amrum. Hier liegt der Seenotkreuzer „Vormann Leiss“ – blitzsauber geputzt und mit seinem signalroten Deckshaus-Anstrich kilometerweit sichtbar. Doch die Ruhe trügt. „In drei bis fünf Minuten sind wir weg“, kündigt  Rolf Pultz (51), Mitglied der vier Mann starken Crew, an. Jens Rossa steht im offenen Fahrstand des  Seenotkreuzers, startet  die Maschinen. Nur wenige Sekunden, dann laufen die beiden 972 PS starken Dieselmotoren. Sofort stöpseln am Anleger zwei  Crew-Mitglieder die Versorgungskabel für Landstrom, Telefon und Rundfunk ab, gehen an Bord. Pultz macht vier Tampen los – dann ist die 23,3 Meter lange „Vormann Leiss“ bereits auf dem Weg in die Nordsee. Es ist eine Kontrollfahrt. „Die machen wir mindestens alle zwei Tage“, sagt Rossa. „Wir prüfen alle Systeme des Schiffes, aber auch, ob es Veränderungen am Meeresgrund gibt. Das Wattenmeer verändert sich ständig – und damit auch die Fahrrinnen.“

Dass es so schnell losgeht, ist im Notfall lebensrettend. Auch wenn die „Vormann Leiss“ im Hafen liegt, sind die Maschinen stets vorgewärmt. „Und an Bord ist alles picobello aufgeräumt“, sagt Rossa. Wenn das Schiff durch meterhohe Wellen muss, darf an und unter Deck nichts durcheinanderwirbeln.

Jens Rossa ist der 3. Vormann der insgesamt neun Mann starken Stammbesatzung. Stets sind vier Mann an Bord – zwei Nautiker und zwei Maschinisten. Sie wechseln sich alle 14 Tage ab. „Wir haben das ganze Jahr über zwei Wochen Dienst, danach zwei Wochen frei“, erklärt der 56-jährige Amrumer, der inzwischen mit seiner Familie auf dem Festland im nördlichen Kreis Nordfriesland lebt. In der Dienstphase wohnen und arbeiten Rossa und seine Crew-Mitglieder Tag und Nacht an Bord, jeder übernachtet  in einer eigenen, kleinen Schlafkammer.

„In dieser Zeit sind wir sozusagen eine Männer-WG“, sagt Bernd Zimmermann (51), 1. Maschinist, und lacht. „Man verbringt in dem Beruf mehr Zeit mit den Kollegen als mit seiner Frau, da müssen wir zueinander passen“, meint  der Amrumer Familienvater, der seit 22 Jahren als Retter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) angehört. „Wir sind hier mehr als nur eine Besatzung. Wir sind ein Team.“ Wenn an Bord – was  selten vorkommt – doch einmal gestritten wird, „dann musst du im nächsten Moment jedem dein Leben wieder anvertrauen können“. Jeder muss sich bei den Einsätzen stets völlig auf den anderen verlassen können.

Sie wurden angesprochen – seitdem sind sie SeenotretterDass die Männer zum Team gehören, ist meistens kein Zufall: Viele von ihnen sind nach ihrer Ausbildung und seefahrtsnahen Berufstätigkeit von einem älteren Vormann der Seenotretter angesprochen worden. „Shanghait“, nennen das die Männer an Bord im Scherz in Anspielung auf die unfreiwillige Rekrutierung, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert in der Seefahrt vorkam.  

Von Zwang ist freilich nichts zu spüren, die Seenotretter sind von ihrem Beruf begeistert. „Es ist eine herrliche Sache“, sagt  Crew-Mitglied Rolf Pultz. Seine Augen leuchten dabei. Der 51-jährige Brunsbütteler  hat Matrose gelernt, ist von Jugend an weltweit zur See gefahren und kam vor mehr als sieben Jahren auch aus familiären Gründen zu den Seenotrettern. Die 14-tägige Schicht komme ihm dabei sehr entgegen: „An Land halte ich es nicht lange aus, da werde ich schnell kribbelig.“ 

Gegessen wird ebenfalls auf dem Kreuzer – in der Bordküche. „Crash Huhn“, nennen sie das Gericht, das Pultz, der auch begeisterter Koch ist, für die Männer dieses Mal  zubereitet hat. „Ich hoffe es schmeckt – sonst muss ich hinterherschwimmen“, sagt Pultz mit einem Augenzwinkern. Muss er nicht. Bei seinem Hühnerfrikassee mit Reis nimmt sich jeder noch einen ordentlichen Nachschlag. Der Abwasch erfolgt sofort nach dem Essen, das Geschirr kommt an seinen sprichwörtlich „festen Platz“ – wichtig für eine reibungslose Einsatzbereitschaft.

Zur Ordnung an Bord gehört auch das Putzen und Polieren. So wirkt der Maschinenraum der 28 Jahre alten „Vormann Leiss“ noch wie neu. „Auch das hat System“, sagt Lars-Peter Jensen (40). Der Amrumer Familienvater ist 3. Maschinist auf dem Kreuzer. „Wenn alles sauber ist, entdeckt man bei  Defekten  schneller die Ursache.“ Kleinere Reparaturen übernehmen die Männer sofort. Nur zu größeren Inspektionen kommt das Schiff in die Werft. Von Routine seien sie  dennoch weit entfernt, sagt Jensen weiter. „Es ist ein abwechslungsreicher und anspruchsvoller Job. Man weiß nie vorher, was kommt.“

So auch auf dieser Kontrollfahrt. Kurz vor Hooge meldet sich am Bordtelefon beim Vormann der Kapitän der Fähre „Hilligenlei“ der Wyker Dampfschiffs-Reederei. Die Fähre ist in Sichtweite und legt gerade von der Hallig ab. Jens Rossa legt den Hörer auf, verlangsamt sofort die Maschinen und steuert in Richtung Ufer. „Er hat uns Bescheid gesagt“, sagt er und zeigt voraus. „Da treibt was.“ Vorsichtig manövriert der Vormann den Kreuzer  heran – und die Crew erkennt das Treibgut: Ein dicker, mehrere Meter langer, zerfaserter Tampen liegt im Wasser.

Pultz und Jensen hieven das Teil mit einem Bootshaken an Bord. „Das stammt von einem Schiff“, sagt Pultz. Als Seemann erkennt er sofort: „Die Leine hat sich wohl  aufgeknäult – und da wurde sie einfach abgesägt und ins Meer geschmissen.“ Inmitten des Tampens versteckt sich sogar noch ein Stahlseil. Pultz  schimpft: „Das sind Idioten, die so etwas über Bord werfen. Wenn das dicke Tau in eine Schraube reinzieht, ist das  Schiff  manövrierunfähig.“ Und damit vielleicht ein Fall  für die Seenotretter. „Das kommt schon vor“, sagt Rossa. „Das ist dann technische Hilfeleistung.“

Warum die „Vormann Leiss“ dem Hubschrauber folgte

Etwa 100 Einsätze zählt die Mannschaft der „Vormann Leiss“ jährlich. Ob bei Havarien, bei Bränden an Bord oder bei der Suche nach vermissten Wassersportlern. In vielen Fällen aber  müssen Menschen wegen eines medizinischen Notfalls von den Inseln und Halligen oder von Schiffen nach Föhr zum Insel-Krankenhaus  transportiert werden.

Spektakulär war ein Notfalleinsatz Anfang November. Der Kapitän eines Büsumer Kutters hatte um Hilfe gebeten, da ein Fischer auf dem Schiff offensichtlich schwer erkrankt war. Mit einer Ärztin von Amrum an Bord fuhr die „Vormann Leiss“ sofort los. „Auch wenn es bei aufgewühlter See zwei Stunden dauern kann – das ist für uns kein Thema“, sagt Lars-Peter Jensen. „Hauptsache, man fährt erst mal los.“ Zeitgleich war von Helgoland aus ein SAR-Hubschrauber in Richtung Kutter unterwegs. Mehrere Kilometer westlich von Amrum trafen sich der Hubschrauber und der Seenotkreuzer. Mit einer Seilwinde wurde die Ärztin hochgezogen. Mit ihr eilte der Hubschrauber weiter zum Kutter. Jensen: „Es war dunkel und wir hatten vier Meter hohe Wellen, da wussten wir nicht, ob es der Hubschrauber-Crew gelingt, die Ärztin auf dem engen Kutter abzuseilen. Deshalb fuhren wir ebenfalls weiter, um notfalls die Ärztin wieder bei uns an Bord zu nehmen. Wir wären dann längsseits zum Kutter gegangen, um dem  Fischer zu helfen.“ Doch das Abseilen auf den Kutter gelang.  Am Ende brachte der Hubschrauber den Patienten in Begleitung der Ärztin ins Krankenhaus. 

Gut ausgegangen – solche  Einsätze mögen die Seenotretter

Anders bei einem Einsatz vor Amrum Ende der 1990er Jahre, der Bernd Zimmermann bis heute in den Knochen steckt. „Da war ein Boot mit Außenbordmotor nachts verunglückt. Vier junge Leute waren an Bord – und alle  tot“, berichtet der 51-jährige Amrumer. Was ihn direkt berührt: „Das Mädchen war eine Klassenkameradin meines Sohnes, ein weiterer junger Mann war ein Freiwilliger von uns.“ Wenige Tage  später seien noch das zweite Mädchen gefunden und der Bootsbesitzer bei Kniepsand westlich von Amrum angeschwemmt worden. Der Grund des Unglücks: „Die wollten mit dem Boot nach Föhr, um dort in die Disco zu gehen. Es war Nacht und es war kalt – sie prallten gegen eine Seetonne.“ Wenn Zimmermann davon berichtet, wird er sehr ernst: „Glauben Sie mir, ich hole lieber Lebende aus dem Wasser.“

Zum Beispiel Wattwanderer, wenn sie sich verirrt haben. Für solche Fälle ist das knapp sieben Meter lange Tochterboot „Japsand“ an Bord der „Vormann Leiss“. Bei der Kontrollfahrt wird es zu Wasser gelassen. „Das eignet sich gut im Flachwasserbereich“, sagt Zimmermann. Ganze Wattwanderer-Gruppen hätten die Retter damit schon an Bord holen können. „Die haben wir dann über das ganze Schiff verteilt“, berichtet Zimmermann, als der Seenotkreuzer wieder in Wittdün einläuft.

Nach der Kontrollfahrt wird der Seenotkreuzer samt Tochterboot gründlich abgespült. „Das machen wir immer, wenn wir zurückkommen. Das Salz muss runter, sonst blüht alles auf“, sagt Rolf Pultz mit Blick auf drohende Korrosionsschäden. Dann legt sich der  Abend über den Segelhafen – samt der  „Vormann Leiss“. Alles ist ruhig. Aber nicht sehr lange. Es ist längst dunkel geworden, als der Seenotkreuzer bereits wieder im Einsatz ist. Eine Hochschwangere von der Insel Amrum wird nach Wyk auf Föhr gebracht.

Seenotretter Historie und Zahlen

Mitte des 19. Jahrhunderts verunglückten jährlich etwa 50 Schiffe vor den deutschen Nordseeinseln. Von Schiffs-Katastrophen mit vielen Toten bewegt, gründeten sich in Norddeutschland die ersten Rettungsvereine. Am 29. Mai 1865 vereinigten sie sich in Kiel zur Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).

Bis Ende Oktober 2013 haben nach Angaben der DGzRS die Besatzungen der 20 Seenotkreuzer und 40 Seenotrettungsboote in Nord- und Ostsee 60 Menschen aus Seenot gerettet, 641 Menschen aus  Gefahr befreit, 363-mal erkrankte oder verletzte Menschen von Seeschiffen, Inseln oder Halligen zum Festland transportiert, 34 Schiffe und Boote vor dem Totalverlust bewahrt, 936 Hilfeleistungen für Wasserfahrzeuge aller Art erbracht sowie 476 Einsatzanläufe und Sicherungsfahrten absolviert.

In der Gesamtbilanz sind seit dem Bestehen der Gesellschaft bis Ende Oktober 80.899 Menschen aus Seenot gerettet oder Gefahrensituationen befreit worden.

Die Seenotretter finanzieren  ihre gesamte Arbeit „ausschließlich durch Spenden und freiwillige Zuwendungen“, so DGzRS-Sprecherin Antke Reemts. 85 Prozent fließen demnach direkt in die Arbeit auf See. Ganz bewusst werde auf jegliche staatliche Unterstützung verzichtet und damit die Unabhängigkeit in allen Entscheidungen bewahrt.

Informationen gibt es auch im Internet: www.seenotretter.de blu Spendenkonto: Sparkasse Bremen (BLZ 290 501 01), Kontonummer 107 2016

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen