Wie das Brot zum Leben: Gratis-Kultur für Bedürftige

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25. Dezember 2012, 01:14 Uhr

Hamburg | "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Ohne Kultur, davon ist die Hamburgerin Julia von Weymarn felsenfest überzeugt, fehlt ein Grundnahrungsmittel.

Und weil Theater, Musik sowie Kunst jeder anderen Art schlicht lebensnotwendig sind, verschaffen die Hamburger Kulturmanagerin und ihre Mitstreiter jenen Zugang, die es sich sonst nicht leisten können. Seit nunmehr zwei Jahren organisiert von Weymarn die Kulturloge Hamburg, die Bedürftigen den kostenlosen Eintritt zu kulturellen Ereignissen ermöglicht. Die Loge sammelt nicht verkaufte Tickets bei Kulturanbietern und reicht sie an Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende und Senioren mit Minirente weiter. Eine Win-Win-Situation der allerbesten Art. Die Theater müssen nicht vor halbleeren Rängen spielen, Mittellose genießen das, wofür sie selbst kein Geld haben.

"Ich war dank der Kulturloge das erste Mal nach zehn Jahren wieder im Theater", freut sich Petra Müller. Sie ist eine von Tausenden aus Hamburg und Umgebung, die seither zu Gratis-Karten gekommen sind. Die Kulturloge hatte sie zu einer Lesung ins Opernloft eingeladen. Die Beschenkte glücklich: "Für mich war das ein Taumel wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Jetzt weiß ich, was mir so lange gefehlt hat: das Gefühl, wieder mittendrin zu sein im kulturellen Leben in Hamburg und nicht allein vor dem Fernseher nur zuzuschauen."

Mittendrin statt außen vor in der Kulturmetropole - genau das ist das Ziel der Frauen und Männer um Julia von Weymarn. Sie wollen jene zurückholen in die Gesellschaft, die aus wirtschaftlichen Gründen isoliert sind. Und sie wollen dabei auch dazu beitragen, Kunst und Kultur aus der elitären Nische zu befreien. "Ich war selbst einige Zeit arbeitslos und habe gemerkt, wie schnell man vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist", sagt sie. Die Idee basiert auf dem Tafel-Prinzip, nur eben nicht mit Lebensmitteln, sondern mit Kulturnahrung. Was im hessischen Marburg begann, hat sich mittlerweile in rund drei Dutzend deutschen Städten und Regionen etabliert. In Hamburg sind mehr als 1500 Gäste registriert, mehr als 7000 Karten wurden vermittelt. 40 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich und halten den Kontakt zu mehr als 80 kulturellen und sozialen Partnern. Die Liste der Anbieter umfasst einen Großteil der namhaften Veranstalter in der Metropole. Nicht nur die Staatstheater Schauspielhaus und Thalia sind dabei, auch viele private Spielstätten wie die Kammerspiele, Alma Hoppes Lustspielhaus, das Altonaer Theater und die Komödie Winterhuder Fährhaus. Auch jenseits der Bühnenkunst ist die Bandbreite bemerkenswert: Karten spendieren unter anderem das Planetarium, das Bucerius Kunstforum und die Kunsthalle.

Sozial Schwachen bleibt dabei die Schmach erspart, im Theater den Sozialhilfeausweis zücken zu müssen. Interessierte weisen ihre Bedürftigkeit vorab einmalig bei der Loge oder einem der sozialen Partner nach. An der Abendkasse gibt es die Karten dann ohne weitere Nachfragen. Für die Berechtigung gelten gestaffelte Einkommensgrenzen: Einzelpersonen dürfen im Monat nicht mehr als 900 Euro zur Verfügung haben, bei Zwei-Personenhaushalten sind es 1200 Euro.

Registrierte Mitglieder erhalten das Angebot zum Kulturbesuch in einem persönlichen Telefongespräch - und das immer auch für eine Begleitung ihrer Wahl. Im Gegenzug erwarten die Macher Verbindlichkeit. Wer sein Kommen zusagt, soll auch erscheinen.

Bleibt jemand dreimal ohne triftigen Grund fern, wird er gestrichen. Im Sommer hat die Initiative "Deutschland - Land der Ideen" die Hamburger Kulturloge als "Ausgewählten Ort 2012" ausgezeichnet. In ihrer Würdigung griff auch Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) zum Bild vom Grundnahrungsmittel: "Es gibt auch den Hunger auf Kultur".

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