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Museum für Outsiderkunst : Wer ist hier behindert? Outsiderkunst als Inspiration

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Dieses Museum ist nicht einfach ein Ort für Ausstellungen. Es bietet für die Künstler oft die einzige Möglichkeit, sich auszudrücken. Denn sprechen können manche nicht - oder wollen es nicht. In Schleswig bekommen Außenseiter ein Forum und werden zu Vorbildern.

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2013 | 07:32 Uhr

Schleswig | Ein bisschen Miró, ein bisschen Picasso, ein bisschen Chagall - die Bilder von Dagmar Reifenhausen erinnern in ihrer Art an die Werke großer Künstler. Doch Reifenhausen ist nicht berühmt, ihre Bilder hängen nicht in klassischen Museen - sie stellt im Museum für Outsiderkunst in Schleswig aus. Vor allem geistig behinderte und psychisch kranke Künstler zeigen in einem ehemaligen Armenstift das, was für viele von ihnen die einzige wirkliche Chance sich auszudrücken ist. „Die Malerei ist für viele die Möglichkeit, aus ihrem Leben zu erzählen“, berichtet Barbara Leonhard, die Kuratorin des Museums.

„Sie sagen nicht, was sie damit meinen, aber das müssen sie auch nicht.“ Für die Künstler ist die Dependance des Stadtmuseums eine wichtige Plattform, sagt auch Sonja Bandt vom Betreuungsunternehmen Hesterberg & Stadtfeld, das Partner des Museums ist. „Im Mittelpunkt stehen, die Begabung der interessierten Öffentlichkeit zeigen und Anerkennung für die geleistete Arbeit zu erhalten, bedeutet für unsere ausstellenden Künstler, Mitglied der Stadt Schleswig und der Gesellschaft zu sein.“ 

Auch wenn manches von der „normalen“ Kunst Gewohnte wie politische Aussagen und Reflexionen fehlt. „Viele werfen ihnen das vor“, hat Leonhard beobachtet. „Aber Kunst darf keine Grenzen kennen und muss alles gestatten.“ Mancher Besucher des Museums sagt, „so kann mein kleiner Sohn auch malen“. Doch die 56-Jährige, selbst Künstlerin, sieht das anders. Das Werk einer Frau, das eine Backszene zeigt, dazu der Text eines alten Kinderliedes - da musste auch sie erst einmal genau hinschauen, um einen Zugang zu finden. Dann entdeckte sie Detailfreude, liebevoll gezeichnete Kleinigkeiten, ungewöhnliche Ideen.

„Ich denke manchmal, was malt man so gefällig. Ich habe viel gelernt von ihnen, arbeite jetzt viel authentischer.“ Manche Bilder im Museum wirken nur auf den ersten Blick bunt, gefällig. Dann sieht man Klauen, aufgerissene Mäuler, traurige Augen. Dass die Outsider auch arrivierten Künstlern etwas geben können, bestätigt der Schleswiger Claus Vahle. Werke von ihm gehören etwa der Artothek und Graphothek Berlin, dem Altonaer Museum und der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf.

Vahle hat 2010 gemeinsam mit behinderten Künstlern ausgestellt. Er gestaltete die Kugelschreiber-Grafik eines Kollegen bunt, „um auch ins Gespräch mit ihm zu kommen, dass er auch mal Farbe versucht, aber er meinte, das wäre nichts für ihn“. Dabei, bedauert Vahle, sah das neue Werk aus wie von Paul Klee. Der für Künstler so wichtige Austausch untereinander, der fehle, wenn man mit „Outsidern“ ausstellt, räumt Vahle ein. Die Kreativität der Menschen sei erstaunlich, „aber über ihre Werke reden ist schwierig. Manche sind ganz versteinert. Kunst-Äußerungen sind ihre Sprache.“ Mit einem Künstler, dem Glücksburger Jürgen Stenzel, habe er aber hochinteressante Gespräche geführt und Werke von ihm gekauft.

Auf Outsiderkunst herabsehen, das fällt Vahle nicht ein, im Gegenteil. „Man wird selbst als Künstler oft neidisch, wie die Menschen da herangehen, wie frei sie mit Formen und Farben umgehen.“ Da guckt sich der 73-Jährige, Mitglied im Landesverband Bildender Künstler, noch etwas ab. In der Reihe Offene Ateliers, die Künstler in Schleswig jährlich veranstalten, sollen 2014 auch Outsiderkünstler als Gäste dabei sein. Da gab es zuerst Widerstände, gibt Vahle zu, denn ihre Werke selbst vorzustellen, das sei ja schwierig, die Outsider bräuchten ihre Betreuer.

Vahle hatte nie Berührungsängste, sein Großvater war Direktor der Schleswiger Taubstummenanstalt. Schleswig ist eine von ganz wenigen Städten in Deutschland, die Outsiderkunst ein Museum widmen.

Dabei ist diese Kunst, auch Art brut genannt, eigentlich lange anerkannt. Der Begriff wurde im 20. Jahrhundert von dem französischen Maler Jean Dubuffet geprägt, später kam die Bezeichnung als Outsiderkunst durch den britischen Kunstprofessor Roger Cardinal hinzu. Picasso, Klee, Chagall, viele Große kannten Art brut, ein Begriff, der anfangs vor allem für Werke psychisch Kranker verwandt wurde, berichtet Barbara Leonhard.

Und nun hängen im Schleswiger Museum Bilder der Outsider und erinnern ihrerseits an die Werke der berühmten Vorbilder. „Bei einer Ausstellung fragten die Besucher: Wer ist denn hier der Behinderte?“, erinnert sich Leonhard und lacht. „Es geht um das Werk und nicht darum, wer hat es gemacht.“

Service - Aktuelle Ausstellung geöffnet bis 8. März, Mittwoch und Donnerstag 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr, Samstag 11.00 Uhr bis 14.00 Uhr, aus der Arthotek des Museums können auch Werke ausgeliehen werden.

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