Youtube und Facebook : Wenn heimliche Gaffer-Videos zum Internet-Hit werden

Cyber-Mobbing auf Youtube und Facebook: Im Netz verbreiten sich heimlich aufgenommene Videos und Fotos von verhaltensauffälligen Menschen. Die Reaktionen der Netzgemeinde schwanken zwischen Belustigung und Netz-Kritik.

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04. Juli 2014, 10:13 Uhr

Flensburg | Etwas gekrümmt sitzt er auf dem Sitz im 90er-Jahre-Stil. Er fängt an mit ersten Rufen. Laute wie „Tick Tick“. Er blickt hinaus, dann in den Gang und singt. „Mein Freund der Baum ist tot“. Eine Handvoll Leute muss ihn direkt gesehen haben, in diesem fast leeren Flensburger Linienbus. Mehr als 25.000 Menschen sahen ihn indirekt. In einem heimlich gefilmten Handyvideo, das jemand bei Youtube eingestellt hat.

Unzählige solcher Videos von auffälligen Menschen finden sich in verschiedenen Online-Portalen. Gern kommentiert mit Bemerkungen zum Thema Drogenkonsum. Es sei an sich kein neues Verhalten, dass auf Menschen mit offensichtlichen geistigen Behinderungen herablassend reagiert wird, sagen Experten. „Früher hat man mit Steinen geschmissen, heute werden Handyvideos gedreht“, sagt Psychologin Julia Scharnhorst aus Wedel. „Manche haben Vergnügen daran, das Leid anderer zu sehen. Ganze Fernsehshows basieren darauf.“

Viele Nutzer werden über soziale Medien auf die Videos aufmerksam. Auch in der Facebook-Gruppe Flensbook sorgte der Mann im Bus für Aufmerksamkeit. Die lokale Gruppe funktioniert wie eine Art digitales schwarzes Brett für die Stadt. Schrankwände, Kinderspielzeug und alte Handys werden zum Verkauf feilgeboten, nahezu täglich fällt die Frage nach dem Verbleib des Hähnchenwagens. Alteingesessene helfen Zugezogenen mit Tipps zu den Spezialitäten der Stadt. Zu den Spezialitäten offenbar gehören auch sie, verhaltensauffällige Menschen, denen man häufig in der Innenstadt begegnet. Der bärtige Mann in Flensburg, der schreiend durch die Fußgängerzone geht. Eine hagere Frau in Kiel, die sich gern in Rollstühle setzt und damit rückwärts durch die Gegend fährt. In der Stadt spricht man über sie, hinter halb vorgehaltener Hand. Abfällig, mitleidig. Rätselnd. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das Thema auch in der Facebook-Gruppe landet.

Die Administratoren der Gruppen verbieten beleidigende Inhalte, so dass die Posts mittlerweile gelöscht wurden. Ein auf Kielbook veröffentlichtes Foto der Frau im Rollstuhl wurde von den Nutzern der Gruppe scharf kritisiert und wenige Stunden später entfernt. Auch bei Flensbook passt die Community meist auf. Ein Administrator stellt klar: „Wer hier Videos von Behinderten oder Menschen mit gesundheitlichen Problemen postet, fliegt sofort raus! Dazu gehört selbstverständlich auch der geistig verwirrte Flensburger.“

Heikel wird das Online-Gaffen besonders, wenn prominente Nutzer im Netz das Thema viral verbreiten. So wurde auf der Facebookseite des Models Gina-Lisa Lohfink ein Video des Flensburgers im Bus veröffentlicht mit dem Kommentar: „OMG er hat was genommen !!!“ Eine Sprecherin des TV-Sternchens ist sich aber sicher: „Gina-Lisa hat das Video selbst nicht veröffentlicht. Wahrscheinlich kennt sie es gar nicht.“ Vielmehr würden sich Administratoren um die Seite kümmern und dort Inhalte veröffentlichen, um die Fanzahlen der Seite zu vergrößern. „Aber es war sicher nicht die Absicht, jemanden zu diskriminieren“, sagt die Sprecherin. Das Video wurde mittlerweile von der Pinnwand entfernt. Dennoch wurden weitere Internetnutzer auf die Zurschaustellung aufmerksam.

„Solche Inhalte sollte man weder ins Netz stellen noch verbreiten“, sagt Psychologin Scharnhorst. Wer ein solches Video finde, sollte es beim Betreiber der Seite melden. Manchmal helfe es auch, den Filmer direkt anzusprechen. „Wenn man sieht, wie jemand heimlich filmt, kann man ihn darauf hinweisen, dass das die Menschenwürde verletzt. Allerdings besser, wenn er alleine ist und nicht vor einer Gruppe.“ Manchmal helfe es schon, dem Filmer die Hintergründe zu erklären.  Wer diese verstehe, verliere oft auch die Lust darüber zu lachen. „Oft filmen Menschen, die es nicht besser wissen und die selbst nicht furchtbar sensibel sind“, erklärt Scharnhorst.

Ein Tabu, über geistige Behinderung zu sprechen, wäre allerdings auch kein richtiger Ansatz. „Wer sich für ein Krankheitsbild interessiert, kann es auch beschreiben, ohne eine konkrete Person zu benennen – und dann Fragen dazu stellen“, rät Scharnhorst. Die Menschen selbst auf der Straße anzusprechen sei nicht immer die richtige Lösung. Scharnhorst: „Am besten ist, jemanden zunächst zu fragen, ob man ihn ansprechen darf – und wenn er das ablehnt, dies auch zu akzeptieren.“

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