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Weg zum Abi immer stressiger

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zwei von drei Schülern an Gymnasien klagen über Kopfschmerzen und Schlafstörungen – unabhängig von den Schulformen G8 oder G9

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2013 | 00:31 Uhr

Für Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) sind die „auffälligen“ Befunde „auffällig“, ein „Anlass zur Sorge“, CDU-Bildungsexpertin Heike Franzen ist „alarmiert“. Nur jeder dritte Schüler an schleswig-holsteinischen Gymnasien fühlt sich richtig fit. Der Rest sieht sich gestresst durch den Schulalltag, klagt über Kopfschmerzen oder Schlafbeschwerden.

Belastungen auf dem Weg zum Abitur in Schleswig-Holstein wollten Landesschülervertretung und Landeselternbeirat der Gymnasien ausloten. Und wohl auch mit der Darstellung aufräumen, das Turbo-Abitur sei ungleich anstrengender als die traditionelle und vor fünf Jahren – weitgehend – abgeschaffte G9-Variante.

Nicht zuletzt deshalb hatte die schwarz-gelbe Koalition Gymnasien die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 eröffnete und sogar das Nebeneinander beider Optionen (GY) erlaubt. Den Weg hat die Küstenkoalition aus SPD, Grünen und SSW per Gesetz wieder versperrt. G8 gilt nun exklusiv für Gymnasien, G9 für Gemeinschaftsschulen. Nur das gute Dutzend bestehender G9- oder GY-Gymnasien dürfen mit dem Langsam-Abi weitermachen.

Deutlich wird aus der Umfrage: Stress haben Schüler auf beiden Wegen zum Abitur. Bei G8 allerdings wird die gesundheitliche Belastung als noch höher empfunden als bei G9. Nur 33,6 Prozent der G9-Schüler gaben an, keine Beschwerden zu haben, bei G8-Schülern waren dies nur 27,5 Prozent.

Überraschend: Fast jeder zweite G8-Schüler sitzt nach der Schule noch mindestens eine Stunde und mehr bei den Hausaufgaben oder der Unterrichtsvorbereitung. Bei G9-ern liegt diese Quote bei rund 34 Prozent. Kaum Unterschiede gab es bei der Frage nach der Freizeitgestaltung wie Freunde treffen, Sport treiben, am Computer sitzen oder Musik machen. Wie viel Zeit dafür jeweils zur Verfügung steht, untersuchten die Initiatoren der Umfrage nicht.

Für den Vorsitzenden des Landeselternbeirates der Gymnasien, Thomas Hillemann, ist dennoch klar: „Es gibt keine gravierenden Unterschiede zwischen G8 und G9.“ Das Turbo-Abitur sei „besser als sein Ruf und mittlerweile an das Gymnasium herangekommen“. Dass G8 die „Quelle alles Bösen ist, lässt sich mit dieser Umfrage verneinen“.

Ins selbe Horn stießen die Bildungspolitiker der Küstenkoalition. Es werde Zeit, „die Jagd auf das vermeintliche G8-Gespenst zu beenden“, fand Martin Habersaat von der SPD. Der Weg zum Abi sei anstrengend, gleich ob man acht – wie international üblich – oder neun Jahre am Gymnasium verbringe. Die Zufriedenheit mit der Schule liege in beiden Gruppen im oberen Bereich. Bei den Noten schnitten G8-Schüler etwas besser ab. Die Grüne Schulpolitikerin Anke Erdmann zeigte sich zurückhaltender: Unklar sei bei der gesamten Umfrage, welche Unterschiede statistisch signifikant seien. Die Ergebnisse einer Umfrage mit Fragebogen lägen hier vor, nicht die einer „echten Studie“. Nachdenklich mache dennoch, wie viele Jungen und Mädchen „ein individuelles Belastungsgefühl haben“. Hier müsse genauer hingeschaut werden.

Nach der Herbstpause beginnt der Bildungsausschuss des Landtags mit den Beratungen der von der Regierung vorgelegten Schulgesetznovelle. Die Opposition nahm die Umfrage als Wasser auf ihre Mühlen: „G8 und G9 sollte den Schulen nicht von oben verordnet werden“, sagte CDU-Schulexpertin Heike Franzen. Die Umfrage „bestätigt in fast allen Fragestellungen, dass G8-Schüler einer stärkeren zeitlichen und gesundheitlichen Belastung als G9-Schüler ausgesetzt sind“, assistierte ihr Parteikollege Tobias Loose. Deshalb solle die Entscheidung für die ein oder andere Schulform „vor Ort getroffen werden“, sagte Franzen. Das findet auch die FDP-Abgeordnete Anita Klahn: Die Wahlfreiheit für G9 und GY an Gymnasien müsse wieder eingeführt werden.

Wenig überraschend: Bildungsministerin Wende will davon nichts wissen. Viele G8-Schulen hätten in den vergangenen fünf Jahren die Chance genutzt, „gute Schule mit einem neuen Ansatz zu machen. Man werde weiter daran arbeiten, „G8 immer besser zu machen“.

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