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Analyse zur Kieler OB : Warum Susanne Gaschke scheitert

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Journalistin wechselt von einer Zeitungsredaktion in die Verwaltung – und wird von der politischen Praxis eingeholt. Eine Analyse von Erich Maletzke.

Kiel | Wenn jemand an einer Aufgabe scheitert, gibt es fast immer zwei Hauptursachen. Sie sind in der Person des Gescheiterten zu suchen und in seinem Umfeld. Im Fall der Susanne Gaschke ist die Verzahnung zwischen beiden Feldern besonders eng, und ein Scheitern war geradezu programmiert.

Zunächst zum ursprünglichen beruflichen Umfeld der Kieler Oberbürgermeisterin. Die Mitglieder der Zeit-Redaktion empfinden sich als journalistische Elite, verkehren „auf Augenhöhe“ mit den höchsten Würdenträgern aller gesellschaftlicher Schichten. Sie glauben zu wissen, wie die Welt funktioniert und wie Probleme gelöst werden können. Das erklären sie ihren Lesern, die sich auch zur Elite zählen, in meist geistreichen und wohlformulierten Artikeln. Susanne Gaschke war Mitglied im Zirkel dieser Edelfedern. Zuletzt vorwiegend zuständig für die Kinderseiten. Ihr Arbeitsplatz war gesichert, sie genoss Ansehen, nur das Pendeln zwischen dem Wohnsitz in Kiel und der Hamburger Zeit-Zentrale mag etwas mühsam gewesen sein.

Dann wird in der Landeshauptstadt plötzlich der Stuhl des Oberbürgermeisters frei, und zur allgemeinen Überraschung erklärt sich Susanne Gaschke bereit, sich als Bewerberin zur Verfügung zu stellen. Nach der journalistischen Theorie locke sie nun die politische Praxis, lässt sie sinngemäß wissen. Ihr Mann Hans-Peter Bartels, seit vielen Jahren SPD-Bundestagsabgeordneter, lässt sie gewähren, hat ihr vielleicht sogar zugeredet.

Was für eine doppelte Fehleinschätzung; denn die Gemeinsamkeiten zwischen einer Zeitungsredaktion und einer Verwaltung mit 4500 Mitarbeitern sind ähnlich groß wie zwischen einem Fußballclub der ersten und der vierten Liga.

Um im Bild zu bleiben: Es gibt gewiss Spieler, die den Sprung schaffen, das aber sind Ausnahmeerscheinungen. Susanne Gaschke ist das nicht.

Und damit zur Person: Vor der eigentlichen Abstimmung um die Spitzenkandidatur für das Oberbürgermeisteramt gab es Vorstellungsveranstaltungen. Und schon dabei verhielt sich Susanne Gaschke merkwürdig. Mal wirkte sie abwesend, dann aufgedreht. Ihre Reden glichen sorgsam formulierten Zeitungsartikeln. Kein Funke wollte überspringen. Die Reaktion bei Parteimitgliedern und politisch interessierten Besuchern war zwiespältig und skeptisch.

Realitäten total verkannt

Lebens- und politikerfahrene Ratgeber hätten ihr zu diesem frühen Zeitpunkt sagen sollen: Achtung, du begibst dich auf ein Minenfeld, noch besteht Gelegenheit zum Rückzug.

Aber Susanne Gaschke wollte den Gefahren trotzen und kämpfen. Wie sehr sie die Realitäten verkannte, zeigte sich bei der Kampfabstimmung um die Spitzenkandidatur. Mit 145 : 143 setzte sie sich gegen die bieder wirkende, aber verwaltungserfahrene Leiterin der Kommunalabteilung im Innenministerium, Manuela Söller-Winkler, durch. Ein derart knappes Ergebnis hätte sie nur dann akzeptieren dürfen, wenn die Mächtigen in ihrer Partei auf ihrer Seite gestanden hätten. Ministerpräsident Torsten Albig und SPD-Chef Ralf Stegner aber unterstützten ihre Gegnerin.

Spätestens jetzt hätte Susanne Gaschke das Handtuch werfen müssen. Und wenn sie schon nicht das drohende Unheil erkannte, warum hat nicht ihr politisch erfahrener Mann die Reißleine gezogen?

Auch das landespolitische Umfeld hat stark zum Scheitern der Quereinsteigerin beigetragen. Das Ehepaar Gaschke/Bartels nimmt in der Landes-SPD – ähnlich wie der frühere Kieler OB Norbert Gansel – eine Außenseiterrolle ein. Vor allem ihr Verhältnis zum wieder aufblühenden Vorsitzenden Stegner gilt als gespannt. Wenn nun auch der jedem Streit möglichst aus dem Weg gehende Torsten Albig ungewohnt kritische Töne anschlägt, dann gewiss deshalb, weil Susanne Gaschke mit dem Steuererlass eine Schwachstelle aus seiner OB-Zeit an die Öffentlichkeit getragen hat.

Ein weiteres Umfeld hat die Affäre befeuert, nämlich das des Nutznießers der Steuer-Amnestie. Ausgerechnet Uthoff, heißt es bei den Kritikern des Deals immer wieder. Viele hundert Mieter haben den umtriebigen Professor aus seiner Zeit als Immobilienhändler in schlechter Erinnerung, als Elvis-Verschnitt gibt er auf der Bühne ein lächerliches Bild ab, und wer den Prachtbau seiner Kieler Augenklinik sieht, kann sich nur schwer vorstellen, dass hinter den weißen Mauern Insolvenz und Armut lauern.

All dies und manches mehr sind Bestandteile von Susanne Gaschkes Scheitern. Hauptschuldige aber ist sie selbst, und zwar auf zwei Ebenen, die allerdings eng verbunden sind. Da ist zum einen die falsche Sachentscheidung. Sie hätte nicht im Schutz des Kieler-Woche-Trubels und im Eilverfahren die Steuerschuld erlassen dürfen. Warum sie es tat, ist unerklärlich, schließlich ist die Angelegenheit von ihren Amtsvorgängern jahrelang hin- und hergeschoben worden.

Falsch gemacht, was falsch gemacht werden konnte

Nur einmal angenommen, Torsten Albig hätte die gleiche Entscheidung gefällt – was er nicht getan hat und hätte –, wahrscheinlich wäre er mit einem Rüffel davongekommen. Susanne Gaschke aber fiel in das tiefe Loch, in dem sie jetzt sitzt, weil sie bei der Bewältigung der Krise alles falsch machte, was man nur falsch machen kann. Und weil außerdem viele Leute nur darauf warteten, dass sie einen schweren Fehler begeht, weil man erkannt hatte, dass da jemand am falschen Platz sitzt.

Der Ton macht bekanntlich die Musik. Es gehört schon etwas dazu, einen im Grunde gutmütigen Mann wie Innenminister Andreas Breitner derart in Rage zu bringen, wie es Susanne Gaschke mit Hilfe ihres Mannes gelungen ist. Aber auch innerhalb des Rathauses hat die neue Verwaltungschefin für Unmut gesorgt. Sie gilt als beratungsresistent und wankelmütig. Sie sagt Termine zu, dann kurzfristig ab. Reden werden geschrieben, müssen wieder umgeschrieben werden. Hektik macht sich breit. Unverständlich auch dieser weinerliche Auftritt vor der Ratsversammlung. Politiker dürfen hierzulande nur Rührung zeigen, wenn es um das Elend anderer geht, nicht um das eigene. Als der CDU-Hoffnungsträger Christian von Boetticher seinen Liebeskummer tränenreich zur Schau stellte, da war er endgültig erledigt.

Stress und vernichtende Kommentare haben Susanne Gaschke krank gemacht. Sie ist ein trauriges und zugleich warnendes Beispiel dafür, welche Folgen überzogener politischer Ehrgeiz haben kann.

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erstellt am 23.10.2013 | 07:00 Uhr

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