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Warum starb die dreijährige Yagmur?

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Tod des Kindes in Hamburg-Billstedt wirft Fragen auf – es wurde seit seiner Geburt vom Jugendamt betreut

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2013 | 18:36 Uhr

Nachbarn haben Kerzen, Rosen und Kuscheltiere in den Hauseingang des schmucklosen Wohnblocks gelegt. „Du wirst nicht vergessen“, steht auf einem selbstgebastelten Schild. Einen Tag nach der Nachricht vom Tod der dreijährigen Yagmur aus Hamburg-Billstedt sind noch viele Fragen ungeklärt. Starb das kleine Mädchen nach einer Misshandlung oder war es ein Unfall? Hat das Jugendamt Fehler gemacht? Denn dies betreute die kleine Yagmur seit ihrer Geburt. Mit Hochdruck versuchen nun die Ermittler und Behörden in Hamburg diese Frage zu klären. „Die Untersuchungen sind in vollem Gange“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach.

Die 26-jährige Mutter spricht von einem Unfall. Hämatome am Körper des Kindes ließen jedoch die Vermutung aufkommen, dass die Dreijährige misshandelt worden war. Sie wurde daraufhin in die Rechtsmedizin gebracht. Das erste Ergebnis: Das Mädchen ist durch einen Riss in der Leber innerlich verblutet. Der wegen Körperverletzung, Diebstahl und Drogendelikten polizeibekannte Vater war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause. Der 25-Jährige schweigt nach Polizeiangaben bislang. Gestern Abend wurde gegen die Eltern ein Haftbefehl erlassen.

Yagmur lebte erst seit August dieses Jahres wieder bei ihren leiblichen Eltern. Zuvor war sie in einer Pflegefamilie – auf Wunsch der Eltern, weil die sich überfordert fühlten. Doch schon Anfang 2013 gab es den Verdacht, das Kind sei misshandelt worden. Wegen einer schweren Schädelverletzung wurde das Mädchen operiert. Es lebte zu diesem Zeitpunkt noch bei der Pflegefamilie, hatte aber auch Kontakt zu seinen Eltern. „Das Verfahren wurde damals gegen alle Personen geführt, die mit dem Kind zu tun hatten“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es wurde erst im November eingestellt, weil sich die Ursache der Verletzung nicht aufklären ließ. Die Nachricht, dass das Kind im August trotz der laufenden Ermittlungen zu seinen leiblichen Eltern zurück durfte, sorgt bei vielen Menschen für Kopfschütteln.

Yagmurs Tod weckt Erinnerungen an den Fall der elfjährigen Chantal, die im Januar 2012 an einer Überdosis des Heroin-Ersatzstoffs Methadon ihrer drogensüchtigen Eltern starb. Auch sie hatte unter Aufsicht des Jungendamtes gestanden, dem später schwere Fehler vorgeworfen wurden.


Pro Jahr 60 bis 100 getötete Kinder


Doch „Kindstötungen werden nie ganz verhindert werden können“, sagt Prof. Theresia Höynck. Sie forschte lange am kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN), lehrt inzwischen an der Universität Kassel und ist Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen. Zwischen 60 und 100 Kinder würden in Deutschland jährlich durch ihre Eltern getötet. Dabei machten Todesfälle durch Misshandlungen wie Schütteln, Ersticken, Erdrosseln oder Ertränken rund ein Viertel der Todesfälle von Kindern unter sechs Jahren aus. „Häufig kommen die Eltern aus einem sozio-ökonomisch schwierigen Umfeld, haben komplizierte Biografien und gewaltbelastete Beziehungen und sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert“, sagt die Rechtswissenschaftlerin.

Vorherzusehen, wann Eltern für ihre Kinder zur Gefahr werden könnten, sei schwierig. „Wir haben eigentlich eine gute Betreuungsstruktur“, sagt Höynck und warnt vor übereiltem Aktionismus. „Wenn man alles umsetzten würde, von dem bekannt ist, dass es nützlich sein kann, wäre schon viel gewonnen. Hektische Schnellschüsse schützen Kinder nicht.“

Am Montag soll es eine Sondersitzung der Bürgerschaft geben. Die Opposition fordert vom SPD-Senat eine lückenlose Aufklärung des Falls.

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