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Vorsicht Kamera in Wald und Flur

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Tausende Wildkameras stehen in den Wäldern und an den Feldern Schleswig-Holsteins – Piraten wollen Fotos von Spaziergängern verhindern

Der zunehmende Einsatz von Kameras zur Überwachung von Wildtieren verstärkt Befürchtungen, dass die Aufnahmen außer Wölfen oder Wildschweinen auch Waldspaziergänger erfassen. Angesichts dieser Gefahr prüft die Regierung in Kiel den Umgang mit Kameras, die nicht für genehmigte wissenschaftliche Zwecke eingesetzt werden. Dies ergab die am Montag bekanntgewordene Antwort des Umweltministeriums auf eine Kleine Anfrage der Piraten Angelika Beer und Patrick Breyer. In welchen öffentlich zugänglichen Wäldern und Naturflächen Kameras installiert sind, ist nicht bekannt. Eine Anzeige- und Genehmigungspflicht gibt es nicht. Experten gehen davon aus, dass im Land Tausende Kameras angebracht sind, mindestens aber viele hundert.

„Kann man heutzutage nicht einmal mehr unbeobachtet im Wald spazieren gehen?“, fragt der Piraten-Politiker Breyer. „Dass man nicht einmal in seiner Freizeit noch vor Überwachung sicher ist und teilweise sogar im Dunkeln gefilmt oder fotografiert wird, ist in meinen Augen fatal.“ Breyer forderte von Umweltminister Robert Habeck (Grüne) eine Dienstanweisung zur Entfernung sämtlicher Wildkameras aus den Wäldern, die nicht genehmigten wissenschaftlichen Zwecken dienen.

Das Ministerium will diese Frage mit dem Unabhängigen Zentrum für Datenschutz erörtern. Dessen Leiter, Thilo Weichert, hat bisher Beschwerden „im einstelligen Bereich“ von Menschen entgegengenommen, die befürchten, dass sie von Kameras aufgenommen wurden. Deren Zahl ist stark gestiegen, seit Discounter solche Kameras verkauft haben. Vor zwei Jahren soll in Österreich eine Wildkamera einen Lokalpolitiker beim außerehelichen Sex aufgenommen haben – die Bilder landeten in der Boulevardpresse.

Der Landesjagdverband sieht ebenfalls die Gefahr, dass Tierkameras auch Menschen ablichten. Die Jäger seien in solchen Fällen angehalten, die Bilder umgehend zu löschen, sagte Pressesprecher Marcus Börner. Für Wildkameras, die meist auch bei Dunkelheit funktionieren, gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten. „Viele Jäger wollen wissen: Was tut sich bei mir im Revier?“ So seien die Kameras etwa bei der Wildschweinjagd hilfreich, um zu prüfen, ob etwa eine „Lockfütterung“ angenommen werde. Mit ihnen kann aber auch festgestellt werden, wie Wildbrücken oder Otterunterführungen genutzt werden, oder ob tatsächlich wieder Wölfe im Land sind. Allein 16 offizielle „Wolfskameras“ sind im Norden installiert.

Aus Sicht von Datenschützer Weichert sind Kameras in reinen Wildbereichen rechtlich in Ordnung. Problematisch werde es allerdings, wenn auch allgemein zugängige Wege erfasst werden. Hier kommt eine Hinweispflicht ins Spiel: Schilder müssten dann das Vorhandensein einer Kamera anzeigen. Der Landesjagdverband befürwortet, dass sie am Eingang des Waldes aufgestellt werden: „Wegen der Gefahr von Diebstählen wären Schilder direkt bei der Kamera aber kontraproduktiv.“

Weichert kritisiert, dass die Video-Überwachung generell zunimmt. Würden auch intime Räume wie der Wald mit Kameras zugepflastert, dann drohten „orwellsche Verhältnisse“. „In Anbetracht der schon im täglichen Leben ausufernden Überwachung geht es nicht an, dass wir auch noch in unserer Freizeit bei Spaziergängen oder beim Pilzesammeln im Wald aufgenommen werden“, kommentierte Piraten-Politiker Breyer. Er verlangte ein Register aller Kameras zur Überwachung des öffentlichen Raums.

Was die Wildkameras angeht, so sagt Marcus Börner vom Landesjagdverband: „Das wäre ein Aufbau von Bürokratie – und ich bezweifele, dass die Bürger am Ende da reingucken.“

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