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Schiffsunglück auf der Ostsee : Vor 20 Jahren sank die „Estonia“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am 28. September jährt sich eines der schwerten Unglücke der zivilen Schifffahrt zum 20. Mal. 852 Passagiere ertrinken oder erfrieren damals, als die „Estonia“ sinkt. Bis heute ist das Drama auf der Ostsee umstritten.

Tallin/Flensburg | Die letzte Reise der Estonia begann am Abend des 27. Septembers 1994 bereits mit Verspätung. Erst gegen 19.17 Uhr legte die Fähre im Reisehafen der estnischen Hauptstadt Tallinn unter dem Kommando der beiden Kapitäne Arvo Andresson und Avo Piht ab und nahm Kurs auf Stockholm. An Bord: mindestens 989 Menschen. Ob dies die genaue Zahl ist, bleibt ungewiss. Bis zum Estonia-Unglück gibt es keine kompletten Passagierlisten auf Fähren, erst nach dieser Nacht werden sie Pflicht.

Das Wetter ist rau, meterhohe Wellen peitschen die See. Trotz des Seeganges versucht die Estonia, ihren Fahrplan einzuhalten, versucht, die verlorene Zeit aufzuholen. Die Fähre läuft 15 Knoten, 28 Stundenkilometer. Es ist nach Mitternacht, etwa 35 Seemeilen südöstlich der finnischen Insel Utö. Einer der Schiffsoffiziere entdeckt auf einem Kontrollmonitor Wasser im Bereich des Bugvisiers. Er glaubt, dass es sich beim eintretenden Wasser nur um Gischt handelt. Die Lenz-Pumpen laufen. Doch Minuten später befindet sich bereits zu viel Wasser im Schiff. Kurz darauf neigt sich die Fähre stark zur Seite. 0.22 Uhr sendet die „Estonia“ den ersten Notruf. „Wir haben schwere Schlagseite rechts“, heißt es zuletzt. Um 0.55 Uhr verschwindet die „Estonia“ vom Radar der anderen Schiffe. Etwa eine Stunde nach dem Untergang trifft die „Mariella“ am Unglücksort ein. Wenig später drei weitere Fähren. Die See und 10 Grad Wassertemperatur — die Rettungsaktion ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

137 Menschen können in dieser Nacht gerettet werden, unter ihnen drei Deutsche. Einer der drei ist der Süderbraruper Georg Sörnsen. Er fuhr mit seinem ebenfalls aus Süderbrarup stammenden Freund Herbert Augustin am 27. September gegen 17 Uhr aufs Autodeck der „Estonia“. Den Tag hatten sie Tallinn verbracht. Die beiden waren über Kiel, Klaipeda und Riga nach Tallinn gereist. Später erinnert er sich: „Es war gegen 23.45 Uhr, als wir wach wurden. Wir waren im Bett, in der Koje. Mein Freund Herbert sagte 'Du, hier stimmt was nicht. Ich sehe Wasser durchs Fenster.' Ich sagte, wir seien im vierten Deck. Über der Wasserlinie. Doch Herbert sagte 'Wir haben Wasser vorm Fenster'. Ich rief 'aber sofort raus, aber sofort'. Da hatte das Schiff schon 30 Grad Schlagseite. Portemonnaie, Brille, alles fiel vom Tisch.“ Nur im Nachtzeug liefen die beiden bis zum siebten Deck, finden in einer Kiste Schwimmwesten. „Dann kippte die Estonia 90 Grad zur Seite. Da standen viele Leute vorne und stürzten ins Wasser. Das war schlimm“, so Georg Sörnsen. „Und dann ging das Schiff hinten unter. Die Luft im Schiff, es war wie ein Luftballon, presste mit großem Druck durch diesen Ausgang. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog durch diese Tür. Die Tür riss aus den Hängen, wir schossen ins Wasser. Dann war es dunkel. Es dauerte eine Dreiviertelstunde, dann war alles vorbei.“

Unmittelbar nach dem Untergang bildeten die direkt betroffenen Staaten Schweden, Estland und Finnland eine Untersuchungskommission. Die Ermittlungen zogen sich bis ins Jahr 1997, immer wieder berichteten Medien über Ungereimtheiten.

Die im Bericht veröffentlichten Ergebnisse belegen, dass die Scharniere der Bugklappe bei der rauen See starken Belastungen ausgesetzt waren und während der Fahrt brachen. Der wenig erfahrene Kapitän verringerte trotz der Probleme mit der Bugklappe nicht die Fahrt. So brach beim hohen Wellengang das Bugvisier um etwa 1.15 Uhr weg und große Wassermengen konnten ungehindert in das Schiff eindringen. Daraufhin bekam die Fähre starke Schlagseite und sank innerhalb kurzer Zeit.

Nur wenige Minuten nach dem ersten Notruf um 1.22 Uhr, riss der Funkkontakt um 1.29 Uhr ab. Bereits kurze Zeit später verschwand die Estonia von den Radarschirmen der umliegenden Schiffe und der Militäranlagen an Land und auf Inseln.

Sofort nach dem Drama auf der Ostsee wurden Verschwörungstheorien über den Untergang der Fähre laut. So gab es Gerüchte über Explosionen an Bord. Demnach sei der Grund für das verspätete Auslaufen der Estonia eine Bombensuche an Bord der Fähre gewesen. Dies behauptete ein estnischer Kadett in einem im Januar 2000 ausgestrahlten Interview mit Spiegel TV. Dieser will auf dem Schulschiff Linda gegen 19.30 Uhr über Funk erfahren haben, dass die Offiziere auf der Kommandobrücke der Estonia von der Hafenkontrolle gefragt wurden, was die Suche mit den Hunden nach der Bombe erbracht habe. Ein Offizier der Estonia habe daraufhin geantwortet, die Suche sei ohne Ergebnis beendet worden.

Bereits im Dezember 1999 waren Experten der Meyer Werft zu dem Ergebnis gekommen, dass die Bugklappe der Estonia nicht – wie offiziell festgestellt – durch Seegang gelöst, sondern durch mindestens zwei Detonationen unterhalb der Wasserlinie abgesprengt wurde. Nach Angaben des Hamburger Kommissionsmitglieds Kapitän Werner Hummel seien auf Videos, die Taucher vom Wrack anfertigten, deutlich zwei Sprengstoffpakete zu sehen, die nicht detoniert waren.

Befeuert wurden derartige Spekulationen auch durch das Verhalten der schwedischen Regierung. So sollte die gesamte Fundstelle des Wracks mit allen Wrackteilen in einen Beton-Sarkophag eingeschlossen werden, was jegliche weitere Untersuchung beinahe unmöglich gemacht hätte. Offizielle Begründung: Niemand dürfe die Totenruhe stören. Rund 33 Millionen Euro (damals 65 Millionen D-Mark) hätten die Kosten betragen. Noch bevor in Stockholm dazu eine endgültige Entscheidung getroffen wurde, transportierten Schiffe Tonnen von Geröll und Schutt herbei und schütteten sie über die Estonia. Massive Proteste von schwedischen Bürgern und Angehörigen stoppten das Unternehmen. Am 1. Juli 1995 wurde ein Bannmeilengesetz erlassen, mit dem das Wrack der Estonia abgesperrt wird. Ende 2004 berichtete ein pensionierter schwedischer Zollbeamter, dass schon vor dem Untergang Militärelektronik und Waffenteile aus dem russischen Raum auf die Estonia gebracht worden seien und diese Transporte nicht kontrolliert werden durften.

Diese übliche Praxis sei wiederholt vorgekommen und von höheren Stellen angeordnet gewesen. Diese Information führte zum Einsetzen einer neuen Untersuchungskommession. Inzwischen haben sowohl das schwedische Militär wie auch der damalige estnische Außenminister Trivimi Velliste zugegeben, von Waffentransporten gewusst zu haben. Im Jahr 2006 leitete Schwedens Justizkanzler Göran Lambertz eine neuerliche Untersuchung über mögliche Vertuschungsversuche durch die schwedische Regierung ein. Lambertz begründete seinen Schritt mit neuen Berichten, wonach mit Wissen der Regierung kurz nach der Schiffskatastrophe das Wrack von Tauchern in einer Geheimaktion untersucht worden sei. Über diese geheime Tauchaktion hatte Ende 1999 der schwedische Militärtaucher Håkan Bergmark bereits in einem TV-Interview mit der Journalistin Jutta Rabe berichtet.

2007 wurde noch einmal das Unglück in Form einer Computersimulation untersucht. Dabei nutzten Hamburger Forscher das Simulationsprogramm Rolls für Schiffsunglücke.

Mit dem Programm konnte gezeigt werden, dass die bei schwerem Seegang und hoher Geschwindigkeit auftretenden Kräfte bei Weitem die Werte überstiegen, für die das Bugscharnier ausgelegt war. Eine Sprengung des Scharniers, war dazu nicht notwendig.

Der Süderbraruper Georg Sörnsen hat das Unglück so verarbeitet – so gut es geht. Nach drei Jahren ist er sogar wieder auf eine Fähre gestiegen. Aber: „Immer mit dem Blick, wo steht das Auto? Wo bin ich einquartiert? Wie sieht es oben aus, auf dem Bootsdeck? Das erste Mal nach der „Estonia“-Katastrophe bin ich nachts um halb zwölf rausgegangen. Ich konnte nicht unter Deck sitzen. Einfach um zu sehen, wie ist das Wetter, wo ist man überhaupt? Sieht man noch Land? Auch weil man weiß, da unten, zehn Meilen ein bisschen vor oder zurück, da irgendwo liegt der Dampfer. Dieses Erlebnis, es geht nicht vorbei, denke ich.“

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erstellt am 21.Sep.2014 | 17:59 Uhr

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