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Welttag des Radios : Von „Zeckenfunk“ und offenen Kanälen

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Freie Radios wollen gegen den Mainstream schwimmen und Ungewöhnliches hörbar machen. Am Welttag des Radios haben wir nachgefragt, welche freien Sender es in Schleswig-Holstein gibt und warum sie der gewöhnliche Radiohörer überhaupt nicht empfangen kann.

Kiel | Der „Zeckenfunk“ in Lübeck, Radio Gaarden in Kiel oder die Freie Radiokooperative in Husum sind nur einige Beispiele für freie, lokale Radios in Schleswig-Holstein. Ihre Beiträge sind meist nah am Hörer und haben stark lokalen Bezug: eine Sendung auf Türkisch, eine Audio-Aufzeichnung der Sitzung des Ortsbeirats oder ein Ausschnitt aus dem aktuellen Album der Schul-Big Band. In vielen Bundesländern sind die Programme fester Bestandteil in der Landschaft der UKW-Frequenzen. Nicht so in Schleswig-Holstein: Hier dürfen Radios nur landesweit senden, nicht lokal begrenzt. Lokalen Programmen bleibt die Verbreitung via Radiowelle versagt.

Bislang behelfen sie sich zum Beispiel mit Live-Streams im Internet. Aber Radio ist eigentlich erst Radio, wenn es aus den herkömmlichen Empfängern schallt und damit für die Zuhörer Teil des Alltags werden kann: „Radio ist das Medium, das überall läuft. Ob in der Küche oder im Auto“, erklärt Klaus Lorenzen von der Freien Radiokooperative in Husum. Eine Verbreitung ausschließlich via Internet sei nicht befriedigend, denn gerade im ländlichen Raum wie in Nordfriesland oder Dithmarschen suche man schnelles Internet vergeblich.

Ein neues Gesetz könnte schon bald dafür sorgen, dass auch in Schleswig-Holstein lokale Programme aus den Radio-Empfängern schallen. „Die Chancen stehen gut“, sagt Lars Rathje-Juhl, Vorsitzender der Freien Radio Initiative Schleswig-Holstein. Die Landesregierung, der offenbar an dem Thema gelegen ist, hatte bei der Medienanstalt ein Gutachten zur Zulassung von freien Radios in Auftrag gegeben. Darin wurde für die fünf Regionen Flensburg/Glücksburg, Sylt/Bredstedt/Föhr, Kiel, Neumünster und Ratzeburg/Lübeck die Machbarkeit von lokalen Radios geprüft. Das Ergebnis: Frequenzen stehen zur Verfügung. Insbesondere für die schon bestehenden Sender RZ 1 im Kreis Herzogtum Lauenburg und Radio Sylt könnten Strukturen geschaffen werden.

Für die Freie Radioinitiative ist dieses Ergebnis gut, aber noch nicht ausreichend. „Wir möchten, dass vor allem freie Radios einen Zugang zu den Übertragungskapazitäten bekommen“, sagt Lars Rathje-Juhl. Bei den Sendern RZ 1 und Radio Sylt handelt es sich um kommerzielle Anbieter, die sich über Werbung finanzieren. Freie Radios dagegen leben von ehrenamtlichem Engagement, werden meist von Vereinen getragen und durch Mitgliedsbeiträge finanziert. „Ihr Ziel ist, Sachen hörbar zu machen, die sonst nicht hörbar sind“, erklärt Rathje-Juhl, der selber Radio macht beim Freien Sender Kombinat in Hamburg. Es gehe um die Darstellung abseitiger Kultur, der Themen von Minderheiten oder von Musik fern des Mainstreams.

Auf Sendung: André Funkhauser (45) ist Redakteur bei Radio Gaarden in Kiel. Foto: Radio Gaarden

Beispiele für solche Themen bietet Radio Gaarden in Kiel, das schon seit fünf Jahren über Politik, Wirtschaft und Kultur aus dem Stadtteil berichtet. Unter dem Titel „Literarischer Salon“ sendet das zehnköpfige Team regelmäßig Interviews oder Lesungen mit örtlichen Künstlern. Besonders stolz ist Redakteur André Funkhauser, dass Radio Gaarden die Sitzungen des Ortsbeirats aufzeichnet und sendet. „Das ist einzigartig in Deutschland“, sagt er. Zu empfangen ist der Sender 24 Stunden via Live-Stream im Internet. Dienstags und donnerstags sendet das Programm auch über den offenen Kanal, ein Angebot, das jedem Bürger offen steht. „Eine Verbreitung über UKW Frequenz würden wir uns natürlich wünschen“, sagt Funkhauser. „Vielleicht könnten wir eine Frequenz mit anderen Sendern teilen.“

Nachdem das Gutachten der Medienanstalt vergangene Woche dem Innen- und Rechtsausschuss des Landtags vorgestellt wurde, werden nun Verhandlungen über eine Änderung des Medienstaatsvertrags geführt. Interne Kreise verlauteten, dass eine Anhörung im Landtag zu diesem Thema noch vor der Sommerpause geplant sei. Bis lokale Radios dann wirklich auf Sendung gehen, würde es aber noch einige Zeit dauern. Die Vergabe von Frequenzen durch die Bundesnetzagentur ist ein langwieriges Verfahren. Laut Einschätzung der Medienanstalt ist damit frühestens Ende 2015 zu rechnen.

Was sind freie Radios?

Freie Radios sind meist gemeinnützig betriebene Radiostationen, die eine Finanzierung durch Werbung ablehnen. In vielen Bundesländern werden sie durch öffentliche Gelder von den Landesmedienanstalten gefördert. Weiterhin finanzieren sie sich durch Mitgliederbeiträge der Trägervereine und durch Spenden. Sie verstehen sich oft als dritte Säule neben öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk und ergänzen deren Angebot durch lokale Beiträge, die häufig Themen fernab des Mainstreams aufgreifen. 1977 wurde in Deutschland das erste freie Radio in Baden-Würtemberg gegründet, Radio Dreyeckland (damals: Radio Verte Fessenheim).

Welche freien Radios gibt es in Schleswig-Holstein?

In Lübeck gibt es den Zeckenfunk, ein Radio des Lübecker Bündnisses gegen Rasissmus. Es sendet jeden dritten Donnerstag im Monat auf dem offenen Kanal Lübeck. Das Kieler Radio Gaarden sendet 24 Stunden per Stream im Internet und gelegentlich über den offenen Kanal Kiel. Die freie Radiokooperative Husum sendet jeden Freitag auf dem offenen Kanal Westküste. In Kiel, Neumünster und Flensburg stehen weitere Radioinitiativen in den Startlöchen. Die Gruppe in Neumünster produziert bereits Beiträge auf Vorrat, die nach einem Sendestart ausgestrahlt werden könnten.

Warum dürfen lokale Radios in Schleswig-Holstein nicht auf UKW-Frequenz senden?

Das Verbreitungsgebiet privater Rundfunkanbieter soll in Schleswig-Holstein mindestens landesweit sein, so legt es der Medienstaatsvertrag für Hamburg und Schleswig-Holstein in Paragraph 17, Absatz 1 fest. Hintergrund dieser Regelung ist, dass die flächendeckende Verbreitung von Hörfunk gerade in ländlichen Gebieten sehr kostspielig ist. Bei Einführung des privaten Rundfunks befürchteten die Politiker, dass sich lokale Sender aus wirtschaftlichen Gründen ausschließlich auf die Städte konzentrieren würden. Um ländliche Regionen nicht zu vernachlässigen, legten sie fest, dass Rundfunkprogramme immer landesweit verbreitet werden müssen.

Was ist ein offener Kanal?

Ein offener Kanal ist eine Art Bürgerradio, das meist von den Landesmedienanstalten zur Verfügung gestellt und aus Rundfunkgebühren finanziert wird. Jeder Bürger der jeweiligen Region hat das Recht, eigene Radiobeiträge zu produzieren und zu senden. Damit soll nicht zuletzt die Medienkompetenz der Bevölkerung geschult werden. In Schleswig-Holstein gibt es offene Kanäle in Kiel, Lübeck und Heide (offener Kanal Westküste).

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erstellt am 13.Feb.2014 | 17:39 Uhr

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