Interview mit Herbert Zickfeld : Vom Schmerz des Machtverlustes

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Was macht Macht so verführerisch, dass manche Politiker allen Widrigkeiten zum Trotz daran festhalten? Im Interview versucht Soziologe Herbert Zickfeld, das zu ergründen.

shz.de von
09. November 2013, 00:31 Uhr

Kiel | Macht hat enorme Vorteile für denjenigen, der sie ausübt. Aber nur, wenn der Mächtige mithilfe seiner Kompetenz und Erfahrung die ihm verantworteten Geschicke so gestaltet, dass er von anderen anerkannt wird. Jedoch: Nicht wenige Mächtige überschätzen sich, erklärt Professor Dr. Herbert Zickfeld, promovierter Soziologe und Präsident der Fachhochschule Flensburg, gegenüber sh:z. Sie scheitern. Was dies in der von den Medien bestimmten Gesellschaft etwa für die ehemalige Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke oder für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff bedeutet, zeigt Prof. Zickfeld in diesem Interview auf.


Herr Professor Zickfeld, was ist Macht?
Max Weber hat es einmal so formuliert: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen …“.

Und das allein macht die Macht für viele Menschen so verführerisch?
Es gibt natürlich mehr Gründe als nur den Wunsch, etwas zu gestalten. Mit Macht sind oft Vorteile verbunden – angefangen beim Dienstwagen mit Chauffeur. Das ist verführerisch. Hinzu kommt das Gefühl, bedeutend und wichtig zu sein.

Führt dieses Gefühl bei Mächtigen dazu, sich oftmals für bedeutender und wichtiger zu halten, als sie sind?
Ja, sicher. Nehmen Sie die gescheiterte Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke. Sie sah sich nach der gewonnenen Direktwahl offenbar als große Gestalterin, als mächtige Politikerin. Dabei lag ihre eigentliche Herausforderung doch darin, als Verwaltungschefin eine Behörde zu führen. Da geht es weniger um Macht, sondern schlicht um Kompetenz und Erfahrung in der Leitung eines großen Apparates, die sie schlicht nicht hatte.

Sie hat sich und ihre Macht also überschätzt?

Offensichtlich. Aber es kommt noch ein anderer wichtiger Aspekt hinzu. Der Mensch lebt von Selbstanerkennung. Selbstanerkennung setzt aber Fremdanerkennung voraus. Es reicht nicht, sich jeden Tag selbst gut zuzusprechen und zu sagen: „Ich bin Tarzan“, wenn das soziale Umfeld über einen lacht. Fremdanerkennung aber wird durch Macht, durch Status und die entsprechenden Statussymbole leichter – auch wenn die Fremdanerkennung oft nur so lange hält wie das entsprechende Amt.

Was passiert, wenn diese soziale Anerkennung plötzlich verloren geht – wie aktuell im Fall der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke?
Hier spielen – wie auch beim Sturz von Bundespräsident Wulff oder des früheren Verteidigungsministers zu Guttenberg – sicher die Medien eine Rolle. Sie machen Mächtige in ihren Ämtern groß, aber sie bringen sie auch zu Fall. Das schmerzt dann doppelt. Bei der Kieler Oberbürgermeisterin hat das offensichtlich dazu geführt, dass sie sich öffentlich gedemütigt fühlt – zusätzlich zum Verlust der Fremdanerkennung. Bildlich gesprochen, schlägt sie um sich. Dahinter verbirgt sich die Angst vor dem tiefen Fall. Je größer die Angst, desto mehr Feindbilder bauen sich auf, desto stärker wird das Gefühl, hintergangen worden zu sein. Am Ende ist die Wahrnehmung gestört, weil die eigene Welt im Kopf nicht mehr mit der Realität übereinstimmt.

Ist der Machtverlust auch deshalb oft für die Betroffenen so schmerzhaft, weil in Deutschland das persönliche Ansehen stark vom Status abhängig ist – egal, ob im Beruf oder in der Politik?
Eindeutig ja. Ich glaube, dass dieser gesellschaftliche Ansehensverlust in vielen anderen Ländern nicht so ausgeprägt ist. Doch machen wir uns nichts vor: Wer Macht verliert, der kann weniger gestalten, hat weniger Privilegien, muss Abschied von Statussymbolen nehmen, ist weniger bedeutend. Das ist schon etwas Reales. Aber der Umgang damit hat etwas mit einem gesellschaftlichen und, was die Politik betrifft, auch mit einem demokratischen Grundverständnis zu tun. Die Frage ist doch, ob Wandel und Veränderungsprozesse grundsätzlich als etwas Positives oder als etwas Negatives betrachtet werden.

Wie kann das gesellschaftliche Bewusstsein in Deutschland verändert werden?
Wir müssen Wandel akzeptieren – dazu gehört auch das Scheitern in einem Amt oder beispielsweise auch bei einer unternehmerischen Tätigkeit. Ein Ministerpräsident oder eine Oberbürgermeisterin a. D. oder ein Unternehmer, der mit seiner Firma in die Insolvenz gegangen ist, braucht sich nicht zu verstecken. Der frühere Verteidigungs- und Finanzminister Hans Apel hat einmal erzählt, wie Menschen, die während seiner Amtszeit gern seine Nähe suchten, ihn bereits wenige Tage nach dem Verlust seines Ministeramtes plötzlich nicht mehr kannten. Das zeigt übrigens auch die doppelseitige Anerkennung von Macht. Die Mächtigen erfahren sie. Zugleich gibt es in ihrem Umfeld Menschen, die etwas von der Bedeutung des Mächtigen abbekommen. Beim Machtverlust gehören sie dann auch zu den Verlierern und stürzen leicht mit ab.

Trotzdem gehen Mächtige offenkundige unterschiedlich mit dem Verlust der Macht um. Die einen sind nach dem Ausscheiden aus einem hohen Amt befreit, die anderen verbittert. Woran liegt das?
Hier spielt sicher die Biographie eine Rolle. Woher komme ich, wie anerkannt bin ich in meinem sozialen Umfeld, wie viel Selbstbewusstsein habe ich? Das muss schon sehr ausgeprägt sein, denn in der Mediengesellschaft gibt es für Personen der Zeitgeschichte kaum noch Rückzugsräume des Privaten. Und viele Menschen in der anonymen Massengesellschaft, die sich unbedeutend fühlen, setzen gern den Hammer an Denkmäler und stürzen sie. Man sitzt zu Hause auf dem Sofa und freut sich, wenn Mächtige möglichst tief fallen.

Kommen wir zu Ihnen. Als Präsident der Fachhochschule Flensburg mit über 4000 Studenten sind sie mächtig. Wie fühlt sich das an?
Es macht Spaß, etwas an der Hochschule mit anderen gestalten zu können. Hinzu kommt große Dankbarkeit. Schauen Sie auf meine Biografie. Ich besuchte zunächst neun Jahre die Volksschule, acht davon in einem kleinen Dorf. Dass ich später Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft und schließlich bei Heinrich Popitz an der Universität Freiburg Soziologie studieren und in diesem Fach promovieren durfte, empfinde ich bis heute als große Glück. Das reicht als Fremdanerkennung, dazu brauche ich keine Ämter mehr. Gleichwohl empfinde ich es als Geschenk und Privileg, Präsident der Fachhochschule zu sein.

Und wenn Sie in anderthalb Jahren in den Ruhestand gehen?
Sie werden es nicht glauben, aber ich freue mich darauf, weil ich mich dann im Ruhestand nach mehr als 30 Jahren wieder dem wissenschaftlichen Thema der Soziologie der Macht zuwenden und aufregende Systeme zur strategischen Unternehmensanalyse entwickeln kann.

„Tschüss, geliebte Macht!“ lautet der Titel des neuen Buches von Erich Maletzke. Der Autor, der täglich für die Zeitunges des sh:z die Kolumne „Moment mal…“ (Seite 2) schreibt, wird am Dienstag, 12. November, im sh:z-Medienhaus in Flensburg, Fördestraße 20, aus seinem Buch lesen. Im Anschluss an die Lesung werden Maletzke und Prof. Dr. Herbert Zickfeld über die Frage diskutieren, wie politische Ämter Menschen formen. Und wie – am aktuellen Fall der ehemaligen Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke – der Verlust von Macht auf Betroffene wirkt. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Erich Maletzke, „Tschüss, geliebte Macht!“, Wachholtz-Verlag,152 Seiten, 14,80 Euro. ISBN 978-3529061073

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