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„Vergebung führt uns in eine neue Freiheit“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die in Flensburg geborene Ordensfrau Melanie Wolfers zeigt Wege auf, mit Kränkungen besser fertig zu werden

   Mobbing, persönliche Kränkungen in Ehen, Freundschaften oder unter Kollegen am Arbeitsplatz: Wer kennt solche Verletzungen nicht, war noch nie wütend auf andere, die uns enttäuscht, beleidigt, in Herz und Seele getroffen haben? Ein neues Buch der Flensburgerin Melanie Wolfers zeigt, wie Kränkungen durch die „Kraft des Vergebens“ überwunden werden können.

Frau Wolfers, bei welchen Kränkungen sitzt der Schmerz besonders tief?
Eine Kränkung geht tief, wenn wir von jemandem verletzt werden, der uns wichtig ist. So trifft mich etwa der grantige Tonfall eines Wiener Busfahrers weniger als die spitze Bemerkung einer nahestehenden Person. Lieben wir einen Menschen, dann lassen wir ihn nah an uns heran. Wir legen Panzer und Schutzschild ab. Wir sind berührbar, aber eben auch verletzbar. Umso mehr kann uns dann ein böses Wort treffen, ein vergessener Geburtstag oder die Erfahrung, dass man uns hintergeht oder im Regen stehen lässt.

Der eine steckt Kränkungen weg, andere leiden stark darunter, wenn sie von Freunden oder Kollegen enttäuscht, infrage gestellt oder im Innersten getroffen werden. Sind wir manchmal bei Kränkungen zu empfindlich?
Menschen sind unterschiedlich empfindsam. Je leichter wir uns in unserem Selbstwert infrage gestellt fühlen, um so verletzbarer sind wir. Manche gleichen Mimosen, die sich durch die leiseste Berührung angegriffen fühlen. Aber auch unsere konkrete Verfassung spielt eine Rolle: Wenn wir innerlich aus dem Gleichgewicht geraten sind, weil uns lastende Sorgen den Schlaf rauben, dann reagieren wir dünnhäutiger als sonst.

Kann ein zu starkes Kränkungsgefühl auch mit früheren Erfahrungen zusammenhängen?
Ja! Wir reagieren übersensibel, wenn wir an einem wunden Punkt getroffen worden sind – also an einer Stelle, wo wir verletzt wurden und nun besonders empfindsam sind. Wer etwa als Kind vergeblich auf Anerkennung gewartet hat und stattdessen oft kritisiert worden ist, den kann die kritische Bemerkung einer Arbeitskollegin völlig aus der Bahn werfen.

Sie haben ein Buch über „Die Kraft des Vergebens“ geschrieben. Gibt es Patentrezepte, wie wir Kränkungen besser verarbeiten können?
Es gibt kein Patentrezept, weil jeder Mensch einmalig ist. Aber es gibt wichtige Schritte auf dem Weg der inneren Aussöhnung. So neigen beispielsweise viele dazu, den Schmerz einer Kränkung zu fliehen. Und das ist normal, denn wer will sich schon gerne erniedrigt oder bloßgestellt fühlen?! Doch wie eine körperliche Wunde nur heilen kann, wenn man Luft an sie lässt, so müssen auch unsere seelischen Wunden ans Licht kommen dürfen. Beziehungswunden heilen nur, wenn wir sie nicht auf Dauer verdrängen, sondern wenn wir uns ihnen zuwenden. Und das heißt auch, dass wir uns unseren „dunklen“ Gefühlen stellen, wie etwa Wut oder Hass, Angst oder Ohnmacht.

Ist es manchmal nicht besser, seiner Wut freien Lauf zu lassen, als sich mit erlittenen Kränkungen auszusöhnen?
Wut ist eine spontane emotionale Reaktion, wenn wir uns bedroht oder angegriffen fühlen. Wie eine Art Bewegungsmelder warnt sie uns: „Achtung! Gefahr im Verzug!“ Wut befähigt dazu, Grenzen zu ziehen und sich zu schützen. Sie hilft, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen und um eine bessere Beziehung zu ringen. Dies ist ein konstruktiver Umgang mit der Wut. Doch Wut kann auch äußerst zerstörerisch sein. Denken Sie nur an das viele Leid, das durch seelische oder körperliche Gewalt verursacht wird. Wer seiner Wut einfach freien Lauf lässt, droht zum blinden Wüterich zu werden, der wild um sich schlägt.

Hand aufs Herz: Haben Sie einem Mitmenschen, der sie gekränkt hat, nicht schon einmal heimlich Pest und Cholera gewünscht?
Natürlich habe ich das! Und ich finde diesen spontanen Impuls auch nicht schlimm! Doch es ist ein Unterschied, ob ich eine Mordswut im Bauch habe, oder ob ich mich dazu hinreißen lasse, einem anderen ein Messer in den Bauch zu rammen. Anders gesagt: Es kommt darauf an, wie ich mit meinen durch die Kränkung verletzten Gefühlen und Gedanken umgehe.


Muss also, wer sich innerlich aussöhnen will, alles in sich hineinfressen und schlucken?
Es ist ein typisches Missverständnis, dass Vergebung eine Sache von Schwächlingen sei, die sich nicht trauen, den Mund aufzumachen, sondern alles runterschlucken. Doch auf dem Weg der Vergebung gibt es kein Vorbei an Wut und Zorn. Erst wenn ich mich über eine erlittene Verletzung entrüstet habe, kann ich mich entrüsten. Erst dann kann ich beispielsweise die Vorwürfe, die ich dem anderen gerne an den Kopf schleudern würde, ruhen lassen. Der Weg der Vergebung setzt innere Stärke voraus.

Wird derjenige, der vergibt und trotz bitterer Kränkungen den Blick nach vorne richtet, nicht schnell von anderen ausgenutzt? Motto: Mit dem oder der kann man es machen?
Vergebung heißt weder, dass wir Unrecht einfach hinnehmen noch dass wir es unterlassen, für unsere Rechte zu kämpfen. Vergebung ist vielmehr ein Weg, der uns in eine neue Freiheit führt.

Was meinen Sie damit?
Sind wir verletzt, dann können wir regelrecht zu Gefangenen unserer schmerzhaften Erinnerungen und Gefühle werden. Immer wieder kauen wir die verletzende Geschichte durch. Wir führen innere Streitgespräche, wie der andere uns das antun konnte, oder verzehren uns in Rachefantasien. So droht das Glück des Augenblicks ungesehen vorüberzugehen. Wer vergibt, hört auf, auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen und richtet den Blick nach vorn. Und das Leben lockt nicht im Rückspiegel, sondern von vorn!


Sie haben in der offenen Bildungsarbeit viel mit jungen Menschen zu tun. Welche Rolle spielen Kränkungen unter jungen Menschen? Es heißt, an Schulen und Universitäten wird immer häufiger gemobbt. Stimmt das?
Meine Arbeit mit jungen Erwachsenen ist ein wichtiger Hintergrund meines Buches zum Thema Vergebung. Mir ist zunehmend deutlich geworden, dass die tiefsten Wunden unseres Lebens Beziehungswunden sind. Es scheint keinen Lebensbereich zu geben, an dem wir davor gefeit sind, andere zu verletzen oder selbst verletzt zu werden. Mobbing ist dabei ein wichtiges Thema. Ob Mobbing zugenommen hat oder ob die Sensibilität für diese Problematik gestiegen ist, kann ich persönlich nicht beurteilen. Jedoch weisen Studien darauf hin, dass das Klima in Schulen und Universitäten rauer geworden ist.

Wir fühlen uns schnell als Opfer, vergessen aber, dass wir auch Täter sind und andere kränken. Leben wir zu sehr in einer Ellenbogen-Gesellschaft, wo gerne ausgeteilt, aber nicht eingesteckt wird?
Jeder wird mit Ellenbogen geboren! Und ich vermute, dass zu allen Zeiten die meisten Menschen lieber ausgeteilt statt eingesteckt haben. Die entscheidende Herausforderung sehe ich woanders: Wie überwinden wir ein Schwarz-Weiss-Denken, in dem der andere als schwarzes Schaf erscheint und ich das arme Unschuldslamm bin? Eine solch einseitige Schuldzuweisung ist verlockend, denn: Je mehr ich die Fehler des anderen sehe, umso weniger stehen mir die eigenen vor Augen. Es braucht Mut und Wahrhaftigkeit, um zu einer realistischeren Sicht vom anderen und meiner selbst zu gelangen. Es setzt innere Stärke voraus, um mir die eigenen Anteile an einem kränkenden Konflikt einzugestehen.

Worin liegt nach Ihrer Sicht die Kraft des Vergebens?
Eine große Frage für jeden Menschen, aber auch für die Menschheitsgeschichte insgesamt liegt darin, wie wir mit erlittenem Leid umgehen. Wenn Kränkungen nicht heilen, können sie uns auf Dauer krank machen. Und wir werden den Schmerz bewusst oder unbewusst an andere weitergeben und so neues Leid verursachen. Die Kraft des Vergebens liegt darin, dass wir die Täter-Opfer-Geschichte nicht fortschreiben. Dass wir aus der Spirale von erlittener Verletzung und Gewalt aussteigen. Auf diese Weise eröffnen wir eine neue Zukunft, die nicht mehr von der Vergangenheit diktiert ist. Wir finden zu einem neuen Frieden mit uns selbst und den anderen.

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erstellt am 05.Okt.2013 | 00:35 Uhr

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