Urlaub und Betreuung unter einem Dach

Genießen das Familienleben an der Ostsee: Sandra, Joshua und Andre Rutz.
Genießen das Familienleben an der Ostsee: Sandra, Joshua und Andre Rutz.

Bundesweit einzigartiges Familienseminar an der Ostsee entlastet die Eltern behinderter Kinder aus Schleswig-Holstein

Kay Müller von
14. Juli 2014, 14:09 Uhr

Zuerst fällt ihm das Lachen noch schwer. Joshua Rutz will lieber auf den Schoß seiner Mutter. „Er kommt erst hier an“, sagt Sandra Rutz und blickt sich auf dem Spielplatz des Theodor-Schwartz-Hauses in Lübeck-Travemünde um. Dort findet in dieser Woche zum 49. Mal ein bundesweit einmaliges Projekt statt: In dem jährlich veranstalteten Familienseminar „Eltern stärken – Kinder fördern“ des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (Lvkm) Schleswig-Holstein bekommen Eltern viele Hilfen angeboten – von Vorträgen über Pflegeversicherung oder den Umgang mit Stress bis hin zur Rückengymnastik.

Andre und Sandra Rutz genießen vor allem den Austausch mit anderen Eltern. „Die wissen, wo welche Probleme sind – das Verständnis ist da.“ Die 20 behinderten Kinder aus ganz Schleswig-Holstein werden derweil von professionellen Erziehern betreut, die Eltern haben auch mal Zeit für sich. Ein Ausflug, ein gemeinsamer Spaziergang, das ist für Eltern, die ihre Antennen fast immer auf ihre behinderten Kinder ausrichten, etwas Besonderes. „Das Seminar ist für uns eine Mischung aus Ferien und Infoveranstaltung“, sagt Andre Rutz. Für seine Familie ist es der erste Urlaub seit Joshuas Geburt. „Wir hatten nie Zeit und scheuen uns, lange Fahrten mit ihm zu machen, wir wissen ja auch nie, wie es ihm dann geht“, sagt Sandra Rutz. Was für andere Schleswig-Holsteiner leicht ist, wird für die Familie aus Hutzfeld (Kreis Ostholstein) schneller zum Problem, denn das Leben mit einem behinderten Kind ist nicht immer leicht.

Joshua ist besonders. Hinter der kleinen Brille blinzelt er als er über den Spielplatz wandert. Der Dreijährige kam neun Wochen zu früh auf die Welt, wog nur rund ein Kilogramm. Er hat das Williams-Beuren-Syndrom (WBS) – einen Gendefekt. Erst als Joshua 14 Monate alt ist, erfahren seine Eltern, dass ihr Kind behindert ist – „ein Schlag ins Gesicht“, wie seine Mutter sagt. „Er ist entwicklungsverzögert und hat eine geistige Behinderung. Dazu hat Joshua einen Herzfehler, von dem wir noch nicht wissen, wie er sich entwickelt.“ Der Junge befindet sich auf dem Entwicklungsstand eines Eineinhalb-Jährigen – dabei wird Joshua bald vier. „Wir wissen nicht genau, wie es mit ihm weitergeht. Es gibt Menschen mit WBS, die können sich später nicht die Schuhe zubinden, es gibt aber auch welche, die können Autofahren und studieren“, sagt Sandra Rutz. Und: „Wir sehen hier, dass es Familien gibt, denen es noch viel schlechter geht als uns.“

„Die Eltern der behinderten Kinder lernen in der Woche in Travemünde auch, dass sie ihre Kinder mal loslassen müssen“, sagt Ilka Pfänder vom Lvkm. Joshuas Eltern haben damit weniger ein Problem, denn ihr Sohn geht schon seit über einem Jahr in den Kindergarten.

Und auch in Travemünde wird er langsam heimisch. Den Spielplatz hat er sich schon erobert. Sein Vater Andre sieht es mit stolz. Wieder ein Schritt hin zu einem unabhängigen Leben. Und bei Vater und Sohn ein Lachen im Gesicht.

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