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Reparatur der Rader Hochbrücke : „Uns war klar: Jeder Tag zählt“

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Kaum etwas hat die Schleswig-Holsteiner im alten Jahr so beschäftigt wie die Teil-Sperrung und Reparatur der Rader Hochbrücke. Hans-Ulrich Ehlert sorgte dafür, dass der Verkehr wieder fließen kann.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2013 | 16:45 Uhr

Rendsburg | Das Wetter ist trüb, der Blick klar. Während die Lastwagen an ihm vorbeirollen, schaut Hans-Ulrich Ehlert erleichtert auf die Rader Hochbrücke. Sie hat ihn in diesem Jahr beschäftigt wie kein Bauwerk zuvor in seinem Leben, dabei hat der 54-Jährige beruflich dauernd mit Brücken in Schleswig-Holstein zu tun. In diesem Jahre hat er beim Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV) in Rendsburg die Reparatur der Rader Hochbrücke koordiniert. „Das war schon ein großes Stück Arbeit“, sagt Ehlert.

Als der Sommer in Schleswig-Holstein im Juli in seine heiße Phase tritt, ahnt Ehlert nicht, dass ihm die auch bevorsteht. Mitte Juli entdecken Arbeiter einer Betonfirma, die kleine, seit Jahren bekannte Schäden ausbessern sollen, dass die Wände der Pfeilerköpfe zerbröseln, die die Autobahnbrücke tragen. „Zunächst war nur von 15 Zentimetern die Rede, aber als ich mir den Schaden selbst angesehen habe, war mir klar, dass an einzelnen Stellen der Beton, der dort eine Stärke zwischen 40 und 60 Zentimetern haben sollte, zur Hälfte durchlöchert war“, sagt Ehlert. Er habe sich das nicht erklären können, denn es sei der Beton im Innern der Pfeiler gewesen, der keiner Witterung ausgesetzt gewesen war.

Erst 2007 waren die Pfeiler von innen mit Leitern versehen worden, um sie genauer inspizieren zu können. „Hätten wir die nicht gehabt, wäre der Schaden vielleicht noch länger unentdeckt geblieben“, meint Ehlert. Für den Verkehr habe keine akute Gefahr bestanden, „weil die Brücke so ja vermutlich schon jahrelang  da stand“.

Schnell wird ihm klar, dass die Firmen beim Bau der Brücke Anfang der 70er Jahre geschlampt haben müssen. „Und mir war auch klar, dass das Auswirkungen auf den Verkehr haben wird.“ Das sei eine Milchmädchenrechnung gewesen: „Die Belastung der Brücke besteht zu 50 Prozent aus dem Eigengewicht und zu 50 Prozent aus dem Verkehr. Und wenn die Wände der Pfeilerköpfe zu 50 Prozent instabil sind, muss der Verkehr von der Brücke runter.“

Ein Statiker beginnt zu rechnen, für Ehlert „eine problematische Zeit“. Parallel arbeitet er an einem Reparaturplan, nimmt Kontakt zu Firmen auf. Was im Normalfall von der Vorplanung bis zur Ausschreibung und Vergabe von Aufträgen ein Jahr dauert, schafft Ehlert in einer Woche. Als der Statiker die Sperrung für Lastwagen über 7,5 Tonnen  und die einspurige Verkehrsführung für Autos empfiehlt, legt Ehlert los. „Wir hatten sofort Stahlträger da, mit denen wir die Pfeilerköpfe stabilisieren konnten“, sagt der Ingenieur.  „Uns war klar: Jeder Tag zählt.“

Damals weiß er noch nicht, wie groß der Schaden wirklich ist, denn die Arbeiter haben noch nicht alle Pfeiler aufgestemmt und inspiziert. Auch der Plan, die Stahlkonstruktionen für die Wasserpfeiler mit Hilfe eines Krans von einem Ponton aus unter die Brücke zu heben, wird erst im Laufe der Arbeiten entwickelt. Immer wieder muss Ehlert die Reihenfolge der Reparaturen ändern, in manchen Pfeilern müssen die Arbeiter bis zu neun Mal betonieren und zwischendurch den Beton aushärten lassen.  „Am Ende haben wir in den Pfeilern Heizungen angeworfen, damit es schneller geht“, sagt Ehlert. Und immer wieder wird nachkontrolliert, ob es weitere beschädigte Stellen gibt.

14 Mitarbeiter arbeiten in seiner Abteilung im LBV, acht muss er so von Arbeit befreien, dass sie sich nur noch um die Rader Hochbrücke kümmern können. „Wir haben Leute aus dem Urlaub zurückgeholt.“ 25 Arbeiter sind dazu gleichzeitig an der Brücke im Einsatz.  Am Ende haben allein die Mitarbeiter seiner Abteilung rund 1000 Überstunden angehäuft. „Egal, wenn es funktioniert, war es gut“, sagt Ehlert.

Trotz des Zeitdrucks wollen die Mitarbeiter „nichts hinpfuschen“. Denn was Pfusch bedeutet, sehen sie jeden Tag an der Brücke. „Als die in den 60er und 70er Jahren gebaut wurde, herrschte Hochkonjunktur in der Branche, da wollte vielleicht der eine oder andere schneller fertig werden“, sagt Ehlert. Im Landesbetrieb suchen er und andere nun nach Hinweisen in alten Akten, ob es Möglichkeiten auf Schadenersatz gibt. „Wir haben das juristisch prüfen lassen, das ist alles verjährt. Und die meisten Firmen gibt es gar nicht mehr“, sagt Ehlert.

Dass sein eigener Zeitplan am Ende um drei Wochen unterboten und die Brücke am 8. November komplett für den Verkehr frei gegeben wird, zeige, dass schnelle Planung und Reparatur nicht immer schlecht sein muss. „Wir waren selbst überrascht wie gut es geklappt hat.“

Ab dem Tag hat Ehlert auch nichts mehr mit den genervten Bürgern zu tun, die sich beim LBV über die Teilsperrung beschweren. „Dabei waren wir es ja, die die Brücke repariert haben“, sagt Ehlert, der den Verdruss trotzdem verstehen kann. Denn er selbst stand häufig genug auf dem Weg von seinem Wohnort Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg) nach Rendsburg auf der B77 zwischen den Schlangen der Lastwagen. „Da habe ich manchmal auch gedacht: ,So ein Scheiß.‘“

Und nun? Hält die Brücke? Wenn Hans-Ulrich Ehlert sie anschaut, nickt er. „Die ist einzigartig.“ Eine hundertprozentige Sicherheit, dass die Mitarbeiter alle Schäden gefunden und beseitigt haben, gebe es zwar nicht und die Stahlkonstruktion sei schon sehr filigran, aber Ehlert setzt Hoffnung in ein Gutachten, das im Frühjahr vorgestellt werden soll. Darin wollen Statiker klären, wie lange die Brücke den immer weiter steigenden Verkehrsbelastungen noch stand hält oder ob schnell eine neue Brücke oder ein Tunnel nötig sind. 15 Jahre könnten Planungen und Bau dafür dauern, schätzt Ehlert. Technisch gehe das schneller, „aber es müssen ja alle, die es betrifft, gefragt werden. Aber vielleicht hält die Brücke ja auch noch 30 Jahre“, sagt der Ingenieur als er noch ein letztes Mal auf die Brücke blickt, bevor es zurück an seinen Schreibtisch geht. „Es war schon ein Highlight, bei der Sanierung dabei zu sein“, sagt er dann. „Aber trotzdem brauche ich das nicht wieder.“

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