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"Uns steht das Wasser bis zum Hals"

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erstellt am 16.Aug.2013 | 01:14 Uhr

Kiel | Der Ton wird rauer. Nicht die Gewerkschaft, die zum Streik aufruft und für Stillstand auf dem Nord-Ostseekanal sorgt, sei das Problem, sondern Verkehrsminister Peter Ramsauer sei "das eigentliche Verkehrshindernis". Solche Sprüche der Verdi-Funktionäre quittierten gestern rund 200 Demonstranten der Kanalverwaltung mit lautem Beifall.

Allerdings war auch unübersehbar, dass nicht alle die Verdi-Strategie gutheißen, Ramsauer durch tagelange Schleusenstreiks in die Knie zu zwingen. Unter die Protestler hatte sich ein Grüppchen von Lotsen, Kanalsteurern und Schiffsmaklern gemischt, die mit Transparenten ihren Unmut über den Streik deutlich machten.

"Uns steht das Wasser bis zum Hals", empörte sich Kanalsteurer Jochen Schütte. "Dass wir Geld verlieren, in Zwangsurlaub geschickt werden und um unsere Jobs fürchten, darum kümmert sich Verdi nicht." Der Streik sei verrückt, da er Privatisierungstendenzen am Kanal nicht verhindere, sondern vorantreibe.

Den Beleg lieferten gestern Privatfirmen, die ab 14 Uhr für eine reibungslosen Abfertigung in Brunsbüttel und Kiel sorgten. Da deren Schicht jedoch nur bis 22 Uhr ging, trauten viele Kapitäne dem Braten nicht und wählten den Weg um Skagen. "Sie haben Angst, das sie dann im Kanal festsitzen", erklärt Kanallotse Uwe Klüver.

Eine Sorge, die nicht von der Hand zu weisen ist: Am Mittwoch erging es einem Gefahrgut tanker, beladen mit 9,5 Tonnen hochexplosiven Ammoniak, so. Weil er in Kiel nicht ausgeschleust wurde, forderte er wegen des starken Windes einen Schlepper an, um mit dessen Hilfe an einer Kaimauer festzumachen. Vergeblich. "Sein Hilferufe bei der Verkehrslenkungzentrale blieb ungehört." Selbst die Bitte, den Streik kurzfristig zu unterbrechen, um den Schlepper von der Förde in den Kanal zu schleusen, hatte keinen Erfolg. Noch jetzt ist Schütte entsetzt, wenn er an das Horror szenario denkt: "Wenn das Ding hochgegangen wäre, wäre der Kanal vor Kiel jetzt einen Kilometer breit" , sagt er. "Das ist unterlassene Hilfeleistung und muss strafrechtlich verfolgt werden", meint auch Klüver. "In 24 Jahren als Kanallotse habe ich eine solche Situation noch nicht erlebt."

Sauer ist auch der Betriebsrats vorsitzende der Schiffsmaklerei UCA, Michael Stender. "Wir sind 3000 Dienstleister am Kanal - Lotsen, Steurer, Makler und Schiffsausrüster - und haben auch ein Recht auf Arbeit. Verdi schadet uns mit diesem Streik." Anders als Schütte, der soeben nach 38 Jahren aus der Gewerkschaft ausgetreten ist, hat Stender seinen Verdi-Ausweis noch in der Tasche. Wie lange noch, hängt von der Gewerkschaft ab.

Derzeit sind die Fronten aber so verhärtet, dass der Streik weitergeht - heute in Brunsbüttel, Kiel und Rendsburg. "Wir machen sichere Schifffahrt möglich", steht auf den Plakaten der Mitarbeiter vom Wasser- und Schifffahrtsamt ."Das geht aber nur, wenn man keine Angst um seinen Job haben muss", betonen die Demonstranten. Man bestreike nicht Lotsen, Schiffe oder Makler, sondern die Bundesrepublik Deutschland.

Ihr "Buhmann" ist Ramsauer, der die Infrastruktur verrotten lasse, 3000 Jobs in der Schifffahrtsverwaltung einsparen wolle und jetzt auch noch den Behördensitz in "die Welthafenstadt Bonn verlegt". Ramsauers schriftliche Zusage, dass niemand entlassen werde, sei das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben stehe, wettert DBG-Nord-Chef Uwe Polkaehn. Dass das Brückendesaster in Rendsburg zeitlich mit dem Streik zusammen falle, dafür könnten die Mitarbeiter schließlich nichts. Ramsauer brauche nur den Tarifvertrag mit Jobgarantie zu unterschreiben.

Gewerkschafts-Urgestein Klaus Wiesehügel, Mitglied im Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, hob das Recht auf gut bezahlte Arbeit hervor. Einzig SPD-Landeschef Ralf Stegner schlug nachdenkliche Töne an. Es müsse "eine Balance zwischen Streiks und der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gefunden werden". Auf Dauer habe "niemand Erfolg, der die Gesellschaft gegen sich hat".

Morgen wird trotzdem erst mal weitergestreikt. Und weil auch die Handwerker die Hammer beiseite legen und die Reparatur der maroden Schleusen eingestellt haben, kommt es zu weiteren Verzögerungen.

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