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11. Dezember 2017 | 18:48 Uhr

Teure Leichensuche

vom

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Kiel | Vor zehn Tagen ist das Geld überwiesen worden: Für den Abriss einer Lagerhalle bei Ermittlungen gegen die Kieler "Hells Angels" hat Schleswig-Holstein 337 000 Euro gezahlt. Genau ein Jahr nach dem großen Schlag gegen die Rockerkriminalität bezeichnet das Landeskriminalamt den Einsatz trotzdem als Erfolg.

"Bei der Summe handelt sich um einen Abschlag an die Eigentümerin der Halle", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig, Heinz Döllel. Gezahlt werde das Geld für den Wiederaufbau. Insgesamt fordert die Eigentümerin, Lebensgefährtin eines "Hells Angels", 500 000 Euro. "Es gibt weitere Positionen wie etwa Verdienstausfälle. Hier prüfen wir die Rechnungen noch." In der Lagerhalle für Tätowierbedarf in Kiel-Altenholz war nach dem türkischen Türsteher Tekin Bicer (47) gesucht worden. Rocker-Aussteiger Steffen R. (40) hatte ausgesagt, Kieler "Hells Angels" hätten ihm erzählt, sie hätten den seit 2010 vermissten Bicer gefoltert, getötet und dort im Fundament einbetoniert. Tatsächlich schlugen Leichenspürhunde an, doch Bicer wurde nicht gefunden. Hätte die Halle den Kieler "Hells Angels" gehört, wäre dem Land die Zahlung wohl erspart geblieben. Sie sind verboten, ihr Vereinsvermögen ist eingezogen. "Bei der Eigentümerin handelt es sich jedoch um eine unbeteiligte Person", erklärte Döllel. "Wir mussten der Spur nachgehen, der Rückbau der Halle war unumgänglich", betont Mathias Engelmann, Leiter des Dezernats für Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt.

Doch wie glaubwürdig waren die Aussagen von Kronzeuge Steffen R.? Vor seiner Rocker-Karriere in Kiel spitzelte er als V-Mann in der rechten Szene von Sachsen-Anhalt. Und bereits 2003 warnte das dortige LKA vor einer Zusammenarbeit mit ihm. Im Norden behauptete Steffen R. dann, dass NSU-Terrortrio sei in Kiel gewesen. Eine Aussage, die laut Bundesanwaltschaft "bewusst wahrheitswidrig" gemacht worden sei. Mathias Engelmann sagt hingegen: "Bis heute hat die Soko Rocker keinen konkreten Anhaltspunkt für eine bewusste Lüge gefunden." Allerdings wurden bereits Ermittlungsverfahren eingestellt, die auf Aussagen von Steffen R. beruhen. So etwa gegen einen Polizisten, der Rocker-Razzien verraten haben soll, und einen JVA-Beamten, der Handys zu "Hells Angels" in die Zelle geschmuggelt haben soll. Warum? Im Fall des JVA-Beamten ließen sich keine belastenden Beweise finden. Einen Prozess, der allein auf der Aussage des Kronzeugen beruht, wollte die Staatsanwaltschaft offenbar nicht riskieren. Im Fall des Polizisten hingegen gehen die Ermittler davon aus, dass Steffen R. die beschuldigte Person schlicht verwechselt hat - auch das wieder keine bewusste Lüge. Selbst im Fall Tekin Bicer habe Steffen R. stets betont, den Sachverhalt nur vom Hörensagen zu kennen.

Die Soko Rocker legt Wert darauf, dass in etlichen anderen Punkten die Aus sagen des Kronzeugen zutreffend waren: So wurden Waffen der Rocker an den von Steffen R. genannten Orten gefunden. Und viele Verfahren gegen Kieler "Hells Angels" seien in Arbeit. Zudem ist die große Razzia für das LKA auch aus anderen Gründen ein Erfolg. "Wir haben einen tiefen Einblick in einen Bereich der Organisierten Kriminalität erhalten, der der Polizei lange verborgen war", erklärt Engelmann. Die Kieler "Hells Angels" würden außerdem in der Öffentlichkeit deutlich zurückhaltender in Erscheinung treten und seien nicht mehr bei Gewalttätigkeiten aufgefallen. Aber: "Sie bewegen sich weiterhin in ihren angestammten Geschäftsfeldern."

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