Tausende können sich Pflege nicht leisten

Sozialministerin Kristin Alheit freut sich auf viele Bewerbungen und Vorschläge für den Ehrenamtpreis.
Sozialministerin Kristin Alheit freut sich auf viele Bewerbungen und Vorschläge für den Ehrenamtpreis.

12791 Schleswig-Holsteiner brauchen im Alter einen Zuschuss für Heim- und Betreuungskosten – und selbst der reicht häufig nicht aus

shz.de von
13. Januar 2015, 15:10 Uhr

Im Alter zum Sozialfall werden – für viele Senioren wird dieser Albtraum zur Realität. Bundesweit ist die Zahl der Menschen, die „Hilfe zur Pflege“ brauchen, weil ihre Rente für ambulante oder stationäre Pflegeleistungen nicht ausreicht, seit 2005 um 30 Prozent gestiegen. Waren vor zehn Jahren 340  000 Pflegebedürftige auf finanzielle Unterstützung angewiesen, wurden im Jahr 2013 etwa 444 000 Fälle registriert.

In Schleswig-Holstein ist die Zunahme noch deutlicher. Hier stieg die Zahl der Hilfebedürftigen von 9408 auf 12  791 Anfang vergangenen Jahres, was einem Anstieg um 36 Prozent entspricht. Nach dem Sozialgesetzbuch springt die Sozialhilfe ein, wenn pflegebedürftige Menschen die Kosten nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen decken können.

Das Problem: Egal in welcher Pflegestufe Betroffene eingeordnet werden – das Geld von der Kasse reicht bei weitem nicht, um die Kosten für das Heim oder ambulante Pflegedienste zu bezahlen – nicht einmal, wenn Betroffene ihre gesamte Rente einsetzen. Wegen des demographischen Wandels kommen immer mehr Senioren in solche Situationen. Vor allem die Zahl der Hochbetagten (80 Plus) mit einem statistischem Pflegefallrisiko von 40 Prozent nimmt stark zu. Der dramatische Anstieg in Schleswig-Holstein resultiert nach Aussage von Experten unter anderem daraus, dass hier das Verdienstniveau im Vergleich zu anderen westdeutschen Flächenländern traditionell niedriger ist – und damit auch die Renten. Schon bei einer nur geringen Erhöhung der Pflegekosten rutschen deshalb hierzulande überproportional viele Senioren in die Sozialfalle. Glück für den Norden: Weil hier in den vergangenen zehn Jahren massiv umgesteuert wurde von stationärer zur ambulanten Pflege, sind die Ausgaben für die Hilfe zur Pflege geringer angestiegen als die Zahl der Fälle und auch geringer als im Bundesdurchschnitt (siehe Tabelle).

Aufgrund der Zahlen ist auch die Debatte über die Finanzierung der Pflegekasse neu entfacht worden. Ein erster Schritt könne ein Finanzausgleich zwischen der privaten und gesetzlichen Pflegeversicherung sein, den die SPD schon länger fordere, meint die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Hilde Mattheis. Sabine Zimmermann von der Linkspartei mahnt eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung an. Die vermehrte Inanspruchnahme der Sozialhilfe zur Finanzierung der Pflegeleistungen verdeutliche, „dass die Pflegeversicherung als Teilkostenprinzip in immer mehr Fällen nicht funktioniert“. Die Pflegeversicherung müsse umgebaut werden, forderte sie, „weg vom Zuschussprinzip, hin zur Vollversicherung“ – sonst drohe die vor 20 Jahren eingeführte Pflegeversicherung selbst zum Pflegefall zu werden. Die Jubelstimmung dürfe nicht über die Probleme hinwegtäuschen. Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) sieht Handlungsbedarf: „Der Zuwachs verdeutlicht, warum wir eine solidarischere Pflegeversicherung brauchen“, sagte sie gestern . Es mache wenig Sinn, auf der einen Seite Privatversicherte aus der Solidargemeinschaft zu entlassen, andererseits steuerfinanziert Hilfe zur Pflege zu gewähren. „Wir brauchen eine Pflegeversicherung auf einer möglichst breiten solidarischen Basis. Daher muss der Bund mittelfristig die Weiterentwicklung in Richtung Bürgerversicherung angehen.“


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