Stadt der Großbaustellen

Avatar_shz von
19. Januar 2013, 01:14 Uhr

Hamburg | Nicht selten gibt es Zoff um die richtige Planung, Finanzierung und Baumaßnahmen. Nun droht auch die Wilhelmsburger Reichsstraße - das neben der Überdeckelung der A 7 momentan größte Verkehrsvorhaben in der Hansestadt - zum Problemfall zu werden. Alles neben der Elbphilharmonie. Hamburg ist die Stadt der Großbaustellen. Schon rund drei Jahre läuft das Planfeststellungsverfahren, um die wichtigste Straßenverbindung des Hamburger Südens und des Hafens 400 Meter weiter östlich an eine Bahntrasse zu verlegen. Der Stadteilkern der Elbinsel würde zwar entlastet werden, dafür die neue Straße statt bisher 14 Metern für vier Spuren 28 Meter Breite erhalten, inklusive Standspuren. Einer von vielen Streitpunkten, weshalb sich im Sommer 2012 ein Bürgergremium verschiedener außerparlamentarischer Gruppen und politischer Parteien gegründet hat, um in Detailfragen beim Mammut-Straßenbau mitreden zu können.

Das Gremium wirft der von der SPD geleiteten Hamburger Verkehrsbehörde nun vor, nicht ausreichend auf ihre Vorschläge eingegangen zu sein. Neben der Straßenbreite, die kontrovers diskutiert wird, hat das Gremium, in dem auch zwei Wirtschaftsvertreter sitzen, vorgeschlagen, auf der Reichsstraße das Tempo von 80 auf 60 Stundenkilometer zu drosseln und somit den Lärmschutz zu optimieren. Es drohe sonst ein Dauerrauschen direkt an den Wohnquartieren von 25 000 Menschen, befürchtet die Initiative. Schließlich fahren schon jetzt 60 000 Fahrzeuge täglich über die Reichsstraße.

Doch bisher wurden noch keine möglichen Änderungen seitens der Verkehrsbehörde diskutiert. Till Steffen, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, ist erzürnt: "Der Senat macht sich unglaubwürdig, indem er ein Beratergremium installiert, dann aber dessen Vorschläge nicht einmal teilweise berücksichtigt." Auch das von Andy Grote (SPD) geführte Bezirksamt Mitte, das die Initiative als politisches Organ unterstützt, hat sich eingeschaltet und die Behörde aufgefordert, den von ihr mitgetragenen Beschluss aufzunehmen.

Die Verkehrsbehörde teilte indes mit, sie habe lediglich noch nicht reagiert, weil die neuen Vorschläge erst kurz vor Weihnachten eingegangen seien. "Wir haben uns immer alle Bedenken angehört und uns damit auseinandergesetzt und werden es auch jetzt tun", sagte ihre Sprecherin Helma Krstanoski. Michael Osterburg, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bezirksversammlung Mitte, befürchtet, der Planfeststellungsbeschluss könne schon im Frühjahr fertig sein. Erst dann kann mit dem Bau begonnen werden, der auf vier Jahre angesetzt ist. Ursprünglich war eine Fertigstellung schon zur Internationalen Gartenschau, die in diesem Jahr stattfindet, geplant. Dabei gilt als relativ einmalig, dass sich das 20-köpfige Bürgergremium aus Wilhelmsburg im Dezember 2012 auf eine Stellungnahme einigen konnte. "Nur was die Fahrbahnbreite anbelangt, da sind die beiden Vertreter der Wirtschaft aus logistischen Gründen anderer Meinung", berichtet Osterburg. Der Großteil des Gremiums fürchtet dagegen, die geplante Breite von 28 Metern führe zu einer "Attraktivitätssteigerung der neuen B4/75" und somit eine höhere Frequentierung durch die angrenzenden A 1 und 7. Doch einer schmaleren Fahrbahnbreite werden wenig Chancen eingeräumt. "Die Verlagerung ist fester Bestandteil des Senatsprogramms und wird definitiv kommen", stellt Krstanoski klar.

Schließlich plant die Hamburger Verkehrsbehörde im Auftrag des Bundes. Die Gesamtkosten des Straßenneubaus betragen 136,3 Millionen Euro, von denen die Stadt lediglich 10,4 Millionen Euro zahlen muss.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen