Mehr Straftaten : Sprengstoff-Kriminalität: Aus Jux und Böllerei

Die Böller hätten laut Polizei eine deutlich höhere Sprengkraft als legal in Deutschland erhältliche Pyrotechnik.
Foto:
Die Böller hätten laut Polizei eine deutlich höhere Sprengkraft als legal in Deutschland erhältliche Pyrotechnik.

Zerfetzte Zigaretten- und Fahrkartenautomaten, zerstörte Telefonzellen – in Schleswig-Holstein häufen sich die Straftaten mit Sprengstoff.

shz.de von
20. November 2013, 00:31 Uhr

Kiel/Eutin | Straftaten im Zusammenhang mit Sprengstoff nehmen im nördlichsten Bundesland zu. Dies legen aktuelle Zahlen des Landeskriminalamts (LKA) nahe. Allein im vergangenen Jahr gab es 53-mal den Straftatbestand der so genannten „Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion“, wie LKA-Sprecher Stefan Jung berichtet. „In diesem Jahr sind es bis dato bereits 58 Fälle, und zum Jahresende nehmen solche Taten erfahrungsgemäß noch einmal zu. Ein weiterer Anstieg ist also anzunehmen.“

Der jüngste Fall ereignete sich erst am vergangenen Wochenende. Unbekannte jagten in Eutin einen Zigarettenautomaten und – nur 500 Meter entfernt – eine Telefonzelle in die Luft. „Die Splitter lagen noch in mehr als zehn Metern Abstand von der Zelle, die Wucht der Detonation muss groß gewesen sein“, sagt Jung. Die Polizei geht in diesem Fall aufgrund der am Tatort vorgefundenen Spuren von einem gezielten Versuch aus, an das Geld heran zu kommen. Die Münzbehälter in Telefonzelle und Zigarettenautomat seien jedoch intakt geblieben. Anderswo blieb man diesbezüglich wesentlich hartnäckiger: „In Kiel Elmschenhagen wurde ein Fahrkartenautomat gleich dreimal über das Jahr verteilt gesprengt, beim dritten Mal haben es Unbekannte schließlich geschafft, an das Geld zu kommen“, sagt Jung.

Täter sind demnach fast ausschließlich männliche Jugendliche und Heranwachsende. Geld sei allerdings nicht das einzige Motiv. „Viele haben einfach Spaß daran zu sehen, was für eine Wirkung solch ein Sprengsatz hat, wenn sie ihn zünden. Das ist dann pure Zerstörungswut.“ Besonders häufig Ziel dieser Art von Delikten sind nach Angaben des Sprechers Zigarettenautomaten, dicht gefolgt von Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn.

Einen Grund für die Zunahme von Straftaten mit Sprengstoff vermutet Jung in der immer leichteren Beschaffbarkeit des Materials. Das seien oftmals illegal eingeführte Böller aus Osteuropa. „Wer an diesen Dingen Interesse hat, der muss gar nicht erst dahin fahren, der findet im Internet problemlos günstige Angebote und lässt sich das Zeug schicken. Und wenn man sich mal so eine Telefonzelle hinterher anschaut, dann sieht man, dass die Wirkung heutzutage durchaus vergleichbar mit einer Handgranate ist.“

Eine Zunahme der Sprengkraft erkennt auch Oliver Kinast, Leiter des Kampfmittelräumdienstes. In Deutschland sei für die Verbraucher nur Schwarzpulver zugelassen, wie es in hiesigen Silvesterböllern zu finden ist, so der Sprengstoffexperte. „Aber in den genannten Fällen handelt es sich immer um Sprengsätze aus Aluminiumpulver und der Chemikalie Perchlorat. Da hat die gleiche Menge Substanz dann eine mindestens fünffach stärkere Wirkung.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen