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Sanierungsstau im Breitensport : Sportstätten mit Verfallsdatum

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Vielen Kommunen fehlt das Geld für die Sanierung der Hallen und Stadien. Ein Experte fordert Umdenken: Nicht alles muss erhalten werden.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 13:40 Uhr

Kiel | Es regnet durch, der Hallenboden hat ein Loch und die sanitären Anlagen haben schon deutlich bessere Tage gesehen. In Schleswig-Holstein müssen sich Schüler und Vereinsmitglieder teilweise mit maroden Sportstätten abfinden. Den Kreisen und kreisfreien Städten, die für über 70 Prozent der Hallen und Plätze zuständig sind, fehlt das Geld für Neubauten oder aufwendige Sanierungen.

„Der Investitionsstau beträgt deutschlandweit rund 4,2 Milliarden Euro“, schlug vor Jahresfrist der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Alarm. „Mehr als 70 Millionen Euro sind es allein in Schleswig-Holstein. Wenn der Breitensport seiner Aufgabe nachkommen soll, dann muss da dringend etwas passieren“, fordert jetzt Barbara Ostmeier, CDU-Landtagsabgeordnete aus Hetlingen (Kreis Pinneberg). Dabei beruft sie sich auf Zahlen, die der Kieler Sportwissenschaftler Professor Robin Kähler vor gut zehn Jahren erhoben hat.

Doch Kähler rudert inzwischen zurück und hält Forderungen, wie sie der DOSB oder Ostmeier erheben, für ein politisch motiviertes Druckmittel, um beim Land Geld für die Kommunen locker zu machen. „Wir müssen genau hinsehen, was ist wirklich sanierungsbedürftig, wie ist vor Ort der Bedarf und wie wird der sich künftig entwickeln“. Fest steht für den inzwischen pensionieren Uni-Professor schon jetzt: „Wir brauchen keine neuen riesigen Normsporthallen mehr, sondern kleine, flexibel nutzbare Räume“. Der Grund: Die Schülerzahlen sinken und der Anteil der Senioren, die Sport treiben, steigt, weil diese gesundheitsbewusst sind und fit bleiben möchten. „Für zehn Teilnehmer der Herzsportgruppe, für die 13-köpfige Tanzgruppe oder den Kleinkindsport brauchen wir keine sieben Meter hohe Hallen, die wir nur maximal auf 18 Grad hoch heizen können“, so seine Erfahrung.

In mehreren Städten, unter anderem in Eckernförde und Pinneberg, hat Kähler an der Sportentwicklungsplanung mitgearbeitet und warnt vor pauschalen Lösungen. In nach wie vor wachsenden Städten wie Pinneberg, Tornesch oder Kiel muss gezielt saniert werden. In anderen Regionen sollte man hingegen überlegen, ob sich die Sanierung lohnt und man nicht beispielsweise zwei der drei vorhandenen Wettkampfanlagen zu einfachen Bolzplätzen umwidmet. „Es muss nicht alles erhalten werden, und viele Mängel lassen sich sehr viel kostengünstiger beheben als gedacht“, so Kähler.

Die Ansprüche an Sportstätten sind nach Ansicht des Fachmannes in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen, gleichzeitig sei der fürsorgliche Umgang mit den Plätzen, Gebäuden und Geräten auf dem Rückzug. Gemeinden, die Anreize bieten, pfleglich mit den Sportstätten umzugehen, seien im Vorteil. „Überall dort, wo die Anlagen an Vereine übergeben wurden, stehen die Kommunen deutlich besser da“. Gerade in kleinen Gemeinden, wo Bürgermeister entscheiden, die vielleicht auch im Vorstand des Sportvereins sitzen, sei die Lage „ganz ordentlich“. Vor allem weil „realistisch geplant“ und „verantwortungsvoll mit den Steuergeldern“ umgegangen wird. Auch Kählers Amtsnachfolger an der Uni Kiel, Professor Jens Flatau, hält nichts von Alarmismus. „Natürlich gibt es Sportplätze, auf denen der Maulwurf kräftig am Werk war oder die bei jedem Regen absaufen. Im Großen und Ganzen seien die Anlagen aber in einem befriedigenden Zustand.

Das Kieler Innenministerium hat jetzt das Statistische Landesamt damit beauftragt, den Zustand der Sportstätten im Norden und den Sanierungsstau zu erheben. Im Sommer soll die 35.000 Euro teure Expertise als Antwort auf einen große Anfrage der CDU dem Landtag vorgelegt werden. „Hoffentlich geht es dabei nicht nach dem Prinzip ‚Wünsch Dir was‘“, sagt Kähler.

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