Neutrale Vermittlerzentrale : SH: Polizei ruft keine Abschlepper mehr

Die Vermittlerzentrale sitzt in Hamburg und bestimmt, wer den Auftrag erhält.
Die Vermittlerzentrale sitzt in Hamburg und bestimmt, wer den Auftrag erhält.

Nach einem Preiskrieg in der Branche und einer Klage gegen das Land: Vom 1. Juli an entscheidet eine neutrale Vermittlerzentrale, wer Aufträge bekommt.

von
02. Juni 2014, 18:14 Uhr

Polizisten dürfen künftig nicht mehr entscheiden, welcher Abschleppdienst an eine Unfallstelle gerufen wird – vom 1. Juli an bekommt Schleswig-Holstein eine neutrale Vermittlerzentrale. Sie sitzt in Hamburg und bestimmt, wer den Auftrag erhält. Grund für den radikalen Umbruch in der Branche war ein regelrechter Krieg zwischen einzelnen Firmen im Norden.

Wie Abschleppunternehmer unserer Zeitung berichten, soll die Polizei angeblich jahrelang besonders günstige Anbieter bevorzugt haben. Deswegen hat der Verband der Bergungs- und Abschleppunternehmen (VBA) Klage gegen das Land Schleswig-Holstein erhoben. „Nach Ansicht des Verbands waren die Kriterien für die Vergabe von Abschleppaufträgen nicht gerecht beziehungsweise transparent“, bestätigt Jürgen Börner vom Landespolizeiamt.

Der Chef eines großen Abschleppdienstes aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde, der nicht namentlich genannt werden will, erklärt: „Billig-Anbieter haben überall im Land mit der Polizei sogenannte Sicherstellungsverträge geschlossen.“ Das bedeutet: Muss nach einem Verbrechen oder einem tödlichen Unfall ein Fahrzeug für weitere Untersuchungen sichergestellt werden, geht der Auftrag via Polizeileitstelle an diese Vertragspartner. „Sie boten konkurrenzlos günstige Preise“, sagt der Abschlepp-Chef. „Die Folge war, dass sie auch für die meisten anderen Aufträge wie etwa Bergungen gebucht wurden, obwohl ihre Ausrüstung dafür oft gar nicht geeignet war.“

So sollen die Plateauwagen der Billig-Anbieter aufgrund geringer Nutzlasten nicht alle für den Transport schwerer SUV oder Sprinter ausgelegt gewesen sein. Und bei der Bergung von umgekippten 40-Tonnern sei es zu Verzögerungen gekommen, weil ihr Fuhrpark nicht über entsprechende Kräne verfügte. Diese seien dann zugebucht worden.

„Meine Firma ist teurer, verfügt aber über das nötige Equipment und geschultes Personal“, so der Abschlepp-Chef. Die Fahrer der Konkurrenz hätten oft nicht einmal die Schulung für die Absicherung der Einsatzstelle gehabt. „Das haben wir versucht, der Polizei bei etlichen Treffen zu erklären – ohne Erfolg.“

Besonders in Lübeck rollten günstige Abschlepper so den Markt auf. Von einer VBA-Mitgliedsfirma aus der Hansestadt soll schließlich auch der Vorschlag gekommen sein, gerichtliche Schritte einzuleiten. Die Klage habe man mittlerweile zurückgezogen, sagt der VBA-Vorsitzende Volker Grandjean. Denn Innenministerium und Landespolizeiamt wollten offenbar nicht in den Verdacht der Vorteilsgewährung geraten und schrieben den Auftrag für eine Vermittlerzentrale aus.

Den Zuschlag hat die GDV Dienstleistungs-GmbH in Hamburg erhalten. Das ist das Service-Center der Gemeinschaft der Autoversicherer. Sie finanziert sich über Gebühren. Für jeden Auftrag müssten die Abschlepper 11,05 Euro entrichten.

Die Landespolizei sieht in dem neuen Weg viele Vorteile. Sprecher Jürgen Börner: „Die Polizei verhält sich neutral und gibt keine Empfehlungen mehr. Außerdem sind die Vergabestandards transparent.“ Die Abschleppaufträge würden nach objektiven Kriterien erteilt, die der Computer beurteile: schnellste Anfahrt, Leistungsfähigkeit des Geräts sowie Rotationsprinzip bei mehreren Mitbewerbern. „Auch das gesamte Beschwerdemanagement wird durch die Vermittlungszentrale abgewickelt“, so Börner.

„Die Abschleppunternehmer aber sind rasend vor Wut“, sagt der Betreiber eines weiteren Abschleppdienstes aus dem Kreis Schleswig-Flensburg. Der Grund: Wer in die Auswahlliste der Vermittlerzentrale aufgenommen werden will, muss die Leistungsfähigkeit seiner Firma alle fünf Jahre auf eigene Kosten begutachten lassen und hohe Mindeststandards erfüllen. So müssen zum Beispiel die Plateauwagen für den Transport von Pkw jetzt 2,5 Tonnen Nutzlast haben, für sogenannte Verladewagen ist ein drehbarer Kran gefordert. „Etwa 70 Prozent der Unternehmen haben das derzeit nicht“, sagt der Abschlepper aus dem Kreis Schleswig-Flensburg.

Unserer Zeitung liegt der Vertrag vor, den die Firmen mit der GDV-Vermittlerzentrale schließen müssen. Er enthält zahlreiche Sanktionen: Wer gegen die Mindestanforderung an Gerät und Personal verstößt, wird abgemahnt. Wird ein erneuter Verstoß innerhalb von zwölf Monaten festgestellt, wird der Hilfeleister für die Dauer von vier Wochen von der Vermittlung ausgeschlossen. Danach droht bei weiteren Verstößen die Kündigung.

„Jetzt geht es allen an den Kragen“, sagt der Abschleppdienst-Chef aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde. „Viele kleine Firmen werden pleite gehen, auf alle anderen kommen hohe Zusatzkosten zu.“ Der VBA-Vorsitzende Volker Grandjean sieht keinen Grund zur Panik. „In anderen Bundesländern gibt es bereits Vermittler. Dort hat sich gezeigt, dass nur 15 Prozent des Auftragsvolumens über die Zentralen abgewickelt werden.“ Bei einer normalen Panne rufe der Autofahrer ja weiter sein Autohaus oder den ADAC. „So dürften auch kleinere Betriebe im Geschäft bleiben.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert