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Haltung nicht artgerecht : SH-Initiative für Verbot von Zirkustieren

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zirkustiere haben ein schweres Leben: Stress durch häufige Transporte und wenig Platz. Tierschützer setzen nun auf Kooperation mit Kommunen und Veterinärämtern.

shz.de von
erstellt am 05.Mär.2015 | 19:45 Uhr

Kiel/Brunsbüttel | Elefanten, die auf Bällen balancieren, Löwen, die durch brennende Reifen springen oder Bären, die einen Handstand vorführen – viele der durch Schleswig-Holstein reisenden Zirkusunternehmen lassen dressierte Tiere in ihrem Programm auftreten. Doch genau das soll nun ein Ende haben. Auf Einladung der Fraktion der Piraten trafen sich diese Woche Experten zu einem Runden Tisch über das Thema Tierschutz im Kieler Landeshaus. „Ich war überrascht über die Einigkeit der Anwesenden in diesem Punkt“, sagt Angelika Beer, tierschutzpolitische Sprecherin der Piraten. Es sei nun Aufgabe ihrer Partei, einen Weg zu suchen, um stufenweise ein generelles Verbot für Tiere in Zirkusunternehmen durchzusetzen.

In diesem Punkt unterscheidet sich die Initiative von bisherigen Vorstößen. Im Bundesrat etwa hatten 2011 mehrere Bundesländer – unter anderem Schleswig-Holstein – ein Verbot bestimmter Wildtierarten gefordert, was von der Bundesregierung jedoch abgelehnt worden war. Bis heute haben unterdessen allein 18 europäische Staaten Verbote von Wildtieren in der Manege erlassen.

„Nicht nur Wildtiere sondern auch alle anderen Tiere können im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden, weil sie ihren natürlichen Bedürfnissen nicht nachkommen können“, begründet Holger Sauerzweig-Strey, Vorsitzender des Tierschutzbundes in Schleswig-Holstein, den neuen Ansatz. Dies beweise schon das für die Haltung von Wildtieren in Deutschland maßgebliche Säugetier-Gutachten. Nach dessen Vorgaben müssen im Zoo etwa für Löwen oder Tiger Gehege von 200 Quadratmetern pro Tier oder Paar vorgehalten werden, im Zirkus allerdings nur 50 Quadratmeter für bis zu fünf Tiere. Noch drastischer sind die Unterschiede bei Elefanten: Sie sollen im Zirkus maximal zu dritt mit 250 Quadratmetern Auslauf auskommen, im Zoo jedoch haben sie 2000 Quadratmeter.

„Es wird im Gutachten damit argumentiert, dass die Zirkustiere ja im Ausgleich für den Platzmangel durch Training und durch die Auftritte gefordert würden“, sagt Torsten Schmidt vom Bund gegen Missbrauch der Tiere. Aber selbst im Zoo müssten die Tiere beschäftigt werden, zudem hätten sie dort immerhin Rückzugsmöglichkeiten. „Dressur und Auftritte bedeuten für die Tiere großen Stress“, so Sauerzweig-Strey.

Ein weiteres Problem sei der Transport: „Die Zirkustiere wechseln jährlich im Schnitt 50 Mal den Ort, eingesperrt in kleine Boxen.“ Laut Schmidt würden diese Boxen zudem regelwidrig oftmals auch vor Ort zur Unterbringung genutzt, weil es weder Zeit noch Platz für den Aufbau der Ausläufe gebe. Problematisch sei auch die Überwachung durch die Veterinärämter. „Selbst wenn ein Amtstierarzt Mängel bei der Tierhaltung feststellt – er kann dem in der Regel nicht weiter nachgehen, weil der Zirkus eine Woche später an einem ganz anderen Ort steht.“

Angelika Beer setzt auf eine Diskussion mit allen Kommunen und Veterinärämtern, um sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Vorrangig sei die Durchsetzung des Wildtierverbots auf Basis der Bundesratsinitiative. „Ich kann mir als Übergangsregelung zum generellen Verbot auch eine Positivliste vorstellen“, so Beer. Darauf könne vermerkt werden, welche Ausnahmen es – etwa bei domestizierten Tieren wie Pferden oder Hunden – vorerst noch geben könne. „Die Bürger müssen für das Thema sensibilisiert werden, allein das kann viel bewirken.“ Torsten Schmidt hofft neben tierschutzrechtlichen auf ordnungsrechtliche Möglichkeiten der Kommunen, Wildtiere aufgrund ihrer Gefährlichkeit zu verbieten.

Breite Unterstützung bekommt das Vorhaben – zumindest bezüglich des Verbots von Wildtieren – auf politischer Ebene. Der CDU-Agrarpolitiker Heiner Rickers verweist auf den fraktionsübergreifenden Landtagsbeschluss aus dem Jahr 2011 zur Initiative im Bundesrat. Die Verwaltung der Stadt Kiel prüft derzeit, ob es eine Möglichkeit gibt, zukünftig keine Genehmigungen für Platzrechte mehr an Zirkusse mit Wildtieren zu erteilen.

Strikt gegen ein Verbot positioniert sich der Europäische Zirkusverband (ECA). „Es gibt klare Leitlinien, die das Wohl der Zirkustiere gewährleisten, sagt Sprecher Helmut Grosscurth. Zudem gebe es ein ungebrochenes Interesse der Menschen. „Die Familien fragen als erstes nach den Tieren.“ Auch Claus Kröplin vom Berufsverband der Tierlehrer lehnt ein Tierverbot ab. „Hier soll Kulturgut zerstört werden.“ Das Reisen biete den Tieren sogar Abwechslung, es gehe ihnen nicht schlechter als im Zoo. „Sonst müsste man alle Zoos ebenfalls abschaffen“, so Kröplin. Diese „Maximalforderung“ erhebt der Deutsche Tierschutzbund.  

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