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U-Boote : Seekrieg an Land

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einst als reines Aufklärungsmittel verspottet, gelten U-Boote heute als eine der schlagkräftigsten Marineeinheiten weltweit. Shz.de hat sich im weltweit modernsten Ausbildungszentrum der U- Bootwaffe in Eckernförde umgesehen.

Eckernförde | Lautlos schwebt das U-Boot auf 40 Meter Tiefe, die Marinesoldaten in der Operationszentrale (OPZ) arbeiten konzentriert an ihren Konsolen. Ihre Aufgabe: Das hier im Seegebiet vermutete gegnerische U-Boot aufspüren und lokalisieren. Ein Szenario, das an den Hollywood-Welterfolg „Jagd auf Roter Oktober“ mit Sean Connery und Alec Baldwin in den Hauptrollen erinnert. Doch die U-Boot-Jagd findet weder in den Tiefen des Nordatlantiks oder in der Deutschen Bucht statt, sondern im modernsten Simulator der Deutschen Marine beim Ausbildungszentrum U-Boote (AZU) in Eckernförde.

Ob Lkw-, Flug- oder Seefahrtssimulator, die Computer-Technik ist aus dem Schulungsbereich nicht mehr wegzudenken. Schon seit Anfang der 80er Jahre bildet die Simulation einen wichtigen Teil der der U-Bootausbildung, sei es beim Tiefensteuern oder in der Gefechtsausbildung.
 

U-Bootbesatzungen stehen vor ganz anderen Aufgaben als noch zu Zeiten des Kalten Krieges, als sich die verfeindeten Militärblöcke auch in den Tiefen des Ozeans belauerten. Das Versenken feindlicher Schiffe spielt heute beim U-Booteinsatz eine weit geringere Rolle, stattdessen tritt versteckter Aufklärung oder das Verbringen von Spezialkräften immer mehr in den Vordergrund. So dient das moderne Simulationssystem zunächst als eine Art Fahrschule. Zudem lässt sich hier Instandsetzungspersonal der Bordbesatzung unter besten Rahmenbedingungen am Gerät ausbilden. Immer wichtiger: Software-Updates werden auf mögliche Schwachstellen getestet, bevor diese an Bord zum Einsatz kommen.

In den Anfangsjahren wurde noch eigene Technik für spezielle Simulationsaufgaben – wie zum Beispiel den Sonarbetrieb entwickelt – Heute ist dies nicht mehr bezahlbar. „Während die Bedienkonsolen an Land exakt die Gleichen sind, wie an Bord, haben wir auf Simulatorseite handelsübliche PC-Technik im Industriestandard, auf denen sich Linux und Windows als Betriebssystem wiederfindet“, beschreibt Wolfgang Radtke, der Leiter Technik am AZU, das Innenleben der Elektronikschränke.

Mehrere Lichtwellenleiternetzwerke schalten diese zu Recheneinheiten zusammen – ein einzelnes Netzwerk, selbst mit modernster Technologie – wäre mit der notwendigen Datenübertragung überfordert. „Jedes Seegebiet der Welt können wir real anhand elektronischer Seekarten für Übungen zugrunde legen“, erläutert Korvettenkapitän Ralph Tastl (39), militärischer Leiter eines der beiden Simulator-Ausbildungsteams. Dies wurde zur Vorbereitung von Einsätzen im Mittelmeer schon genutzt. Faktoren wie Winter oder Sommer, der Einfluss von Wassertemperatur und Salzgehalt auf die Schallortung unter Wasser – all das macht unzählige Parameter im Computer erforderlich, deren Anzahl auch die Sehrohrsimulation grundlegend verändert hat. Waren es in der vorherigen Generation rund 2040 optische Flächen aus denen ein Schiff, ein Flugzeug oder ein anderes Objekt für einen möglichst realen Blick aus der Tiefe dargestellt wurde, gibt es heute für die Detailauflösung – egal, wie sich ein Schiff bewegt oder nach einem Treffer sinkt – nahezu keine Grenzen. „Für einen Küstenstreifen im Hintergrund wird auch mal ein Foto aus einer Zeitschrift genommen, Abgasspuren an der Bordwand eines Schiffs können von einer Fotoquelle auf das Modell projiziert werden, auch findet der Horizont mit der Erdkrümmung seine Berücksichtigung“, erläutert Radtke die Details.

Ebenfalls viel Rechenaufwand ist für die Schallortung erforderlich. Den berühmten Sonarping gibt es, wenn überhaupt noch, nur noch von U-Bootjägern. Auf dem U-Boot müssen Geräusche von Schiffen, Bohrinseln oder Schleppnetzen von Fischern richtungsbezogen eingespielt werden, da das Ortungssystem die Schall-Einfallsrichtung nur aus den unterschiedlichen Laufzeiten des Geräusches zwischen den weit über 100 Unterwasser-Mikrofonen außen am U-Boot berechnet. Da diese im Simulator aber nicht vorhanden sind, werden nicht nur die Soldaten hinter den Bildschirmen, sondern auch die Ortungsanlagen „betrogen“. Hinterlegt mit den realen U-Boot-parametern, wird das Fahrverhalten des eigenen Bootes ständig berücksichtigt und in den Rechnern angepasst. „Es reichen zehn Minuten, dann wirkt alles so real, dass die Auszubildenden vergessen, dass es sich hier um eine Simulation handelt“, weiß Radtke und ergänzt: „Das Einzige, was wir nicht simulieren, sind die Schaukelbewegungen.“

Früher wurden Neubesatzungen auf See ausgebildet, heute wäre dies ein kaum nocht zu stemmender Ausgabenblock. „Jeder Seetag eines 212er U-Bootes verusacht Kosten im fünfstelligen Bereich, eine Woche Simulator lässt sich vierstellig abrechnen“, erläutert Tastl, Exkommandant U32, den Kosten/Nutzen-Faktor. Zukünftige Kommandanten und Wachoffiziere werden so schon im Vorfeld ausgebildet und geprüft, bevor diese im echten Seebetrieb ihre Abschlussprüfung ablegen. „Durch die Aufzeichnung des kompletten Übungsszenarios können wir in der Wiedergabe sowohl Fehler als auch Positives darstellen, Neues kann auf Praxistauglichkeit getestet werden“, sieht Tastl einen weiteren Vorteil. Auch kann während eines laufenden Szenarios jederzeit eingegriffen und der U-Bootfahrer an seine Grenzen gebracht werden. „Für unsere Schüler, aber auch unsere Besatzungen ist es sehr wichtig, auch mal Fehler zu machen, die in See vielleicht tödlich oder ausgesprochen kostspielig wären“, führt Korvettenkapitän Tastl weiter aus.

Von seinen Möglichkeiten ist der U-Bootsimulator nicht auf Eckernförde beschränkt. So kann dieser weltweit mit anderen Simulatoren zusammengeschaltet werden, die Softwareschnittstelle dafür ist die gleiche wie in jedem Spielecomputer, der über das Internet kommuniziert. Übertragen werden lediglich Position und Eigenbewegung, was dann der jeweilige Simulator als Objekt sieht, hängt davon ab, welches Fahrzeug eingespielt wird.

Trotz aller veränderten Einsatz-Szenarien wird im Simulator natürlich auch weiterhin der Torpedoabschuss geübt. Zum Einsatz kommen modernste lichtwellenleitergelenkter Torpedos, deren Laufverhalten realen Bedingungen entsprechen muss. So werden neben Umwelt-, Fahrzeug- und Szenariosimulationen auch Torpedodaten verarbeitet, deren Fahrverhalten und akustische Informationsgewinnung ebenfalls in Echtzeit übertragen werden muss. Zur Verarbeitung nicht nur dieser äußerst rechenintensiven Datenmengen kommen spezielle Hochleistungs-„Shark“-Prozessoren zum Einsatz.

Ausgelastet ist der Simulator im Ausbildungszentrum U-Boote in Eckernförde meist von 6 bis 24 Uhr. Sollte es Freiräume im Jahresübungsplan geben, nutzen auch Marinesoldaten befreundeter Nationen die Möglichkeiten des Simulationszentrums. Viele U-Bootnationen beneiden die Deutsche Marine um diese Einrichtung, die durch ihre Qualität und ihre Möglichkeiten weltweit nahezu ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.

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